6 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention – Geburtstagsparty fällt ins Wasser

2015. Happy Birthday. Sechs Kerzen auf der Menschenrechtstorte können ausgepustet werden. Seit dem 26. März ist das Menschenrechtsdokument „UN-Behindertenrechtskonvention“seit sechs Jahren in Deutschland in Kraft. Ein Alter, in dem viele Kinder in die Schule kommen. Und auch Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention scheint noch in einem Schulanfangsstadium zu stecken. Dieser Artikel verpflichtet Deutschland ein inklusives Schulsystem aufzubauen. Kinder mit Behinderungen haben ein Recht auf hochwertige inklusive Bildung. Die notwendige Unterstützung muss ihnen an der inklusiven Schule zur Verfügung gestellt werden. Doch sechs Jahre haben nicht ausgereicht, um das in der UN-Behindertenrechtskonvention formulierte Ziel inklusiver Bildung zu erreichen. Das attestiert auch der Parallelbericht der Monitoring-Stelle des Deutschen Instituts für Menschenrechte, der dem UN-Fachausschuss vorgelegt wurde. Kein Bundesland habe die Rechtsvorgaben inklusiver Bildung hinreichend entwickelt. Anders ausgedrückt: Deutschland hat seine Hausaufgaben nicht gemacht.

„Es gibt große Sorgen zur Implementierung des Artikels 24 in ihrem Land“
Gibt es also gar nichts zu feiern? Keine dicke Geburtstagsparty? Der UN-Fachausschuss in Genf zur Überprüfung der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland, der am 26. und 27.März 2015 tagte, betrachtet das Ganze ernüchternd: „Es gibt große Sorgen zur Implementierung des Artikels 24 in ihrem Land.“ Für ganz Deutschland liegt der Inklusionsanteil gemessen an der Gesamtzahl der Kinder mit Förderbedarf bei 28,2%. Damit ist Deutschland Spitzenreiter was das Aussortieren von Kindern mit besonderem Förderbedarf angeht. Sechs Jahre sind vergangen und ein inklusives Bildungssystem ist noch nicht in Sicht. Wir packen die Partyhüte wieder in die Schachtel auf den Dachboden zurück.

Traurige Zahlen statt Luftschlangen
Genauer betrachtet, gibt es von Bundesland zu Bundesland große Unterschiede. Während in Baden-Württemberg gerade erst der Sonderschulzwang abgeschafft wird, liegt in Bremen und Berlin die Inklusionsquote bei über 50 Prozent. Gibt das nicht Anlass zur Freude und zum Feiern? Anstatt Luftschlangen zu blasen und Girlanden aufzuhängen, gilt es den Blick auf die reale Situation vor Ort zu lenken. Es ist zwar erfreulich, dass es mehr Schüler/innen mit Behinderung an den allgemeinen Schulen gibt, aber leider führt das nicht dazu, dass es weniger Kinder mit Behinderungen an den Förderschule gibt. Die Umsetzung der inklusiven Bildung verläuft losgelöst vom Sonderschulwesen. Das gefährde die Umgestaltung des Schulsystems grundlegend, denn der Erhalt der Sonderschulen bindet wichtige finanzielle und personelle Ressourcen, die dringend für die Inklusion in Regelschulen benötigt werden, so der Datenreport Update Inklusion der Bertelsmann Stiftung (2014, S.3).
Zum gleichen Schluss kommt auch die Monitoring-Stelle: „Das Festhalten an einer Doppelstruktur behindert den im Vertragsstaat erforderlichen Transformationsprozess, in dessen Zuge die vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen der sonderpädagogischen Förderung in die allgemeine Schule verlagert werden könnten“ (Parallelbericht 2015, S.27). Zweigleisig fahren verhindert ganz offensichtlich den Aufbau eines inklusiven Bildungswesens.

Noch viele Stoplersteine
Da vergeht einem die Lust aufs Feiern. Denn dass diese Doppelstruktur fatale Auswirkungen auf den Ausbau eines inklusiven Bildungssystems hat, zeigen die vielen Stolpersteine in der inklusiven Praxis. Mal werden die Schulbegleiter zur Unterstützung nicht bewilligt, mal fehlen die Sonderpädagogen und ein anderes mal weigert sich die Schule ein Kind mit Behinderung aufzunehmen. Oft kommt es auch vor, dass die Schule vor Ort keine “Inklusionsplätze” mehr hat, dass der Schulbesuch zur weiter entfernt gelegenen Schwerpunktschule für einen bestimmten Förderbedarf nicht finanziert wird, dass die Schule nicht barrierefrei ist und auch nicht gemacht wird, dass keine Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt werden, dass das jeweilige Kind gerade zu „behindert“ für die Schule ist, dass der Fahrdienst nicht finanziert wird, dass bestimmte Schulformen Inklusion generell ablehnen oder dass die Stundenzumessung für die sonderpädagogische Förderung zu gering ist. Das Motto, die Hilfe muss dem Kind folgen nicht das Kind der Hilfe, ist längst noch nicht Realität. Das Recht auf inklusive Bildung ist weiterhin eingeschränkt. Da vergeht einem die Lust auf die Geburtstagstorte. Ein Mitglied im UN-Fachausschuss stellt in der Staatenberichtsprüfung fest: „Es scheint, dass prioritär in Förderschulen investiert wird – zu Lasten der inklusiven Bildung.“ Dieses Ungleichgewicht geht vor allem zu Lasten von Kindern mit Behinderungen, die weniger Bildungschancen im Förderschulwesen haben. Zahlreiche Studien haben ergeben, dass sie in inklusiven Settings deutlich mehr lernen als in Förderschulen und dass sie durch Inklusion öfter einen Schulabschluss erreichen. Durch das gemeinsamen Lernen steigen also die Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und unabhängig von Sozialleistungen zu leben. Inklusive Bildung ermöglicht ihnen insgesamt größere Teilhabechancen.

Inklusive Bildung ist für beide Seiten ein Gewinn
Durch die Überwindung getrennter Lebenswelten werden Vorurteile abgebaut. Der inklusive Unterricht ermöglicht behinderten wie nichtbehinderten Kindern einen abwechslungsreichen und anspruchsvollen Unterricht, der -im Gegensatz zu manchen Aussagen- alles andere als leistungsfeindlich ist. Im inklusiven Unterricht beruht Leistung eher auf Kooperation und nicht auf Konkurrenz. Studien haben gezeigt, dass Inklusion sich nicht als Risikofaktor, sondern als belanglos für die Leistungsentwicklung der nichtbehinderten Kinder erweist. Dennoch sind die Vorbehalte groß. So groß, dass nicht viel passiert. Die wichtigen Weichen wurden nicht gestellt. Dafür müsste die sonderpädagogische Förderung systematisch und strukturell in die allgemeine Schule verankert werden und gleichzeitig trennende Strukturen im Bereich der schulischen Bildung überwunden werden (vgl. Parallelbericht 2014, S.27).
Eine Geburtstagsfeier wäre bestimmt nett, aber dem ein oder anderen bleibt vielleicht das Stück Torte im Halse stecken, wenn man bedenkt, dass Deutschland von einem inklusiven Bildungssystem weit entfernt ist. Vielleicht gibt’s ja nächstes Jahr eine große Geburtstagsparty. Unter dem Motto „celebrate Diversity“.

6 Jahre UN-BRK ©Inklusionsfakten

Quellen:

Bertelsmann-Stiftung (Hrsg): Update Inklusion.
Datenreport zu den aktuellen Entwicklungen. Gütersloh: 2014.

Monitoring-Stelle zur UN-Behindertenrechtskonvention: Parallelbericht an den UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen anlässlich der Prüfung des ersten Staatenberichts Deutschlands gemäß Artikel 35 der UN-Behindertenrechtskonvention. Berlin: 2015.

5 Kommentare

  • Und überhaupt ist Deutschland meiner Meinung nach nicht am WIR orientiert sondern an Kapital.Heilpädagogische Begleitung wird kaum unterstützt.

  • Wieder einmal mehr entblößt sich Deutschland, oder zumindest diejenigen Bundesländer deren Quote von Kindern mit Behinderungen an Sonderschulen steigt oder gleichbleibt. Das alles nicht von heute auf morgen anders werden kann hat auch das Beispiel Kanada gezeigt. Aber einen wichtigen Schritt haben sie ganz am Anfang ihres Inklusionsprozesses gemacht, nämlich das zeitlich eingeläutete Ende der Sonderschulen im Schulsystem gesetzlich verankert. Davon kann in Deutschland mit Ausnahme Bremen kene Rede sein. Die Sonderschulen stehen bei unseren Bildungspolitikern egal welcher Couleur nach wie vor nicht zur Disposition. Noch nicht einmal visionär. Baden Württemberg zementiert gerade sein neues Schulgesetz und stärkt damit das komplette Sondersystem, weil sie auf der anderen Seite kaum Geld in die Hand nehmen wollen um dem „vorgetäuschten qualifizierten Elternwahlrecht“ auch wirklich eine Chance zu geben. Für mich ist das nur ein „Lokalanästhetikum“ zur ersten Beruhigung von uns Eltern mit Kindern mit Behinderung, die jetzt BRK-Treue Lösungen brauchen und nicht erst in 10-15 Jahren.
    Die größte Arbeit sehe ich nach wie vor in der Aufklärung der Menschen. Erschreckend musste ich feststellen, dass ich nach einem selbst gehaltenen Vortrag und guten intensivsten Diskussionsgesprächen immer noch Menschen sprechen höre die sagen:“Inklusion ja, ist richtig und gut, aber…….erst müssen die Bedingungen stimmen!“
    Wer hat die schon? Begegne ich diesen Menschen. Und wer soll dies ändern? Die Politiker? Nein, eigentlich müssten alle Seiten gemeinsam überlegen und handeln, schnellstmöglich die Bedingungen zu verbessern. Bedingungen kann man nicht ohne die Praxis verändern. Wer nicht geht kommt auch nirgends an. Bedingungen für einen Zeitpunkt in der Zukunft zu verändern ist nur sehr schwer möglich. Somit ist das Argument ein Totschlagsargument schlechthin. Das aber ist ja längst bekannt. Um einmal mehr Hubert Hüppes richtigen Satz zu zitieren.“Wer Inklusion will sucht Wege, wer sie nicht will sucht Begründungen“. Denn wenn Teilhabe und Inklusion das Ziel ist, muss Teilhabe und Inklusion auch der Weg dorthin sein. Lasst uns dabei lieber neue Fehler machen, als ständig die alten zu wiederholen.
    Wir alle müssen dazulernen, wenn wir endlich entscheidend weiterkommen wollen. Dabei müssen wir uns immer wieder die Frage stellen, wollen wir unseren bereits bestellten Garten öffnen oder gar aufgeben oder geben wir das, was wir können und haben allen weiter die nicht so viel können und haben – um irgendwann einen frei zugänglichen wunderschönen gemeinsamen Garten zu haben. Das wäre die Konsequenz aus dem Dilemma mit dem „Matthäusprinzip“ und dem „Normalisierungsprinzip“, nämlich der Hyperzyklus (Prof. André Frank Zimpel, aus seinem Buch „Einander helfen“, Hamburg). Wer etwas hat, der teilt es mit anderen, wer etwas kann gibt es in die Gemeinschaft ein. Die Lösung ist also so einfach.
    Wer aber so wie unsere Politiker und viele viele Menschen die Welt nur in Zahlen und verwertbaren Dingen sieht, wird sich bei diesem Gedanken von Herrn Prof. Zimpel sehr unwohl fühlen. Zum Schluss siegt immer das gemeinsame Große und nicht die „Ich“-Strategie der Emotionslosen.
    Jetzt müssen wir eben immer wieder unseren Finger in die Wunde legen, bis auch der letzte Politiker und der letzte Mensch verstanden hat, dass es nur eine Welt gibt, in der wir leben können und die muss inklusiv sein. „Das Leben in der falschen Welt ist nicht möglich, zumindest nicht für alle….“

  • Ich glaube viel Sonderschullehrer haben einfach Angst, um ihre Jobs oder vor dem Umlernen. Es geht ihnen gar nicht um die Kinder mit Behinderung sondern um ihre eigenen Ängste. Hier sollte man ebenfalls ansetzen.

  • In Berlin gibt es keine Inklusion an den Schulen, es handelt sich um die Integrationsquote der Schülerinnen mit sonderp. Förderbedarf. Das ist wichtig zu wissen und auch zu publizieren. Die Integrationsquote der 50% besteht zu mind. zu 90% aus dem FB Lernen und EmSoz. Müssten wir mal genauer nachsehen. LG Doreen

  • Inklusion scheitert am Menschen, nicht (nur) an den Mitteln…

    Wir haben gerade ein halbes Jahr Inklusion mit unseren Sohn hinter uns gebracht – und es war ein Albtraum!
    Unser Sohn ist ein eher „leichter Fall“, dem mit wenig Einsatz gut geholfen werden kann. Es war auch eigentlich alles vorhanden, von der Schulbegleitung, über zwei Sonderpädagogen bis hin zu speziellem Material und nicht zu vergessen, uns als Eltern, die zu allem bereit waren. Dazu eine Schwerpunktschule für Inklusion…

    Aber weit gefehlt. Es fing schon damit an, dass uns beim Einschulungsgespräch nahegelegt wurde, unser Sohn sei auf der Förderschule besser aufgehoben. In Absprache mit dem Schulamt wurde er dennoch dort eingeschult. Ein großer Fehler.
    Es ging nur noch darum, wie man unser Kind ins System pressen kann. Jeden Tag bekam ich Geschichten aufgetischt: er macht dies, er macht das – wie können wir das ABSTELLEN? Vorwürfe, wenn meine Tipps nicht fruchteten.

    Durch die Schulbegleitung habe ich erfahren, dass die Klassenlehrerin so tat, als gehöre unser Sohn nicht zu ihrer Klassen. Sie hatte kein Material für ihn und hat ihn keines Blickes gewürdigt. 90% eines jeden Tages saß er allein mit der Schulbegleitung in der Abstellkammer – Verzeihung, im „Differenzierungsraum“.
    Es sind Dinge vorgefallen, die man nicht glauben möchte, selbst wenn man live dabei war.
    Alles zielte nur darauf ab, unser Kind loszuwerden.

    Inzwischen besucht unser Sohn die Sprachheilklasse einer privaten Förderschule. Für ihn, aber auch für uns, ist es der Himmel auf Erden! Er ist integriert und fühlt sich angenommen, mittendrin, statt nur nebenan…

    Fazit: für unseren Sohn standen alle nötigen Mittel zur Verfügung, aber all das bringt nichts, wenn Schulleitungen und Lehrer an Regelschulen sich verweigern, Inklusion umzusetzen.

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