„Also die ganz verhaltensauffälligen Schüler, die können nicht in den Gemeinsamen Unterricht. Das geht ja gar nicht“

Es ist richtig, dass der Unterricht mit Schülerinnen und Schülern, die Schwierigkeiten mit der Welt haben und die Welt mit ihnen, auch Probleme machen. Sie deshalb aber von Schülerinnen/Schülern mit „sozial adäquaten“ Verhalten zu trennen und in eine Klasse mit Schülerinnen/Schüler zu stecken, die ebenfalls Verhaltensproblematiken haben, ist in keinster Weise förderlich. Wie soll eine Schülerin/ein Schüler „sozial adäquates Verhalten“ lernen, wenn keiner seiner Mitschülerinnen/Mitschüler Vorbild sein kann? Zudem ist bei zwölf „verhaltensauffälligen Schülerinnen/Schülern“ der 13. der Lehrer (nach Preuss-Lausitz). Der Umgang bei Kindern mit „Verhaltensauffälligkeiten“ an inklusiven Schulen braucht eine finanzielle und räumliche Absicherung sowie sichere und feste Bindungs- und Bezugspersonen für diese Kinder. Prof. Hans Wocken meint, dass auch Schüler/-innen mit so genannten Verhaltensauffälligkeiten inklusiderbar seien. Er ist der Ansicht, dass gerade in altersgemischten Lerngruppen Kinder besonders gut voneinander lernen können. Bewährt habe sich zudem das Streitschlichtermodell, von dem auch Kinder mit „Verhaltensauffälligkeiten“ profitieren. Seine Argumente können in diesem Video nachverfolgt werden.

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass gerade so genannte „verhaltensauffällige“ Kinder vom gemeinsamen Unterricht profitieren. Im inklusiven Setting können sie Coping-Strategien entwickeln. Sie treffen auf Kinder ohne „Verhaltensauffälligkeit“ und können so besser soziales Verhalten lernen (siehe auch das Argument dazu). In einer Klasse, wo sie ausschließlich Kinder mit „Verhaltensproblemen“ befinden, kann sich das „unerwünschte“ Verhalten potenzieren. Die Probleme liegen nicht im Kind, sondern in den problematischen Bedingungen. Wenn ein Schüler/eine Schülerin Probleme mit der Welt hat und die Welt mit ihr/ihm, dann brauchen beide Seite Unterstützung. An der Fläming-Grundschule gab es einen Jungen, der länger in der Kinderpsychiatrie war. Fast alle haben gesagt, dieser Junge muss auf eine Förderschule. Die Eltern und die Flämingschule (integrative Grundschule) haben es versucht, mit Erfolg. Nach einer Phase des Einzelunterrichts mit einem Schulpsychologen und Sonderpädagogen (Fred Ziebarth), folgte eine Phase, in der der Junge in Kleingruppen (4-5 Kinder) lernte. Nach dieser Phase besuchte der Junge gemeinsam mit dem Schulpsychologen stundenweise den Unterricht in seiner zukünftigen Klasse. Nach all diesen Phasen konnte der Junge gut in der Klasse ankommen. Nachzulesen ist dieses Beispiel (und viele andere) in dem Buch von Ulf Preuss-Lausitz “Schwierige Kinder – Schwierige Schule: Konzepte und Praxisprojekte zur integrativen Förderung verhaltensauffälliger Schülerinnen und Schüler”.

Buch: Schwierige Kinder – Schwierige Schule ©Inklusionsfakten

Anstatt den Fokus auf die Verantwortlichen zu richten, die Ressourcen zurückhalten, zu wenig Weiterbildung anbieten, die Gelder einsparen, die sagen „ich mache seit 30 Jahren meinen Unterricht so und will das nicht ändern“, wird der Blick auf die Kinder gerichtet, die ja so schwierig sind und bei denen Inklusion dann nicht ginge. Anstatt auf die Barrikaden zu gehen, weil es die Politik und die zuständigen Stellen nicht schaffen, Bedingungen für Kinder mit Förderbedarf herzustellen, wird eine neue 2-Klassen-Therorie geschaffen: „Inklusion geht, aber nicht bei allen Kindern“. Man sieht bei dieser menschenrechtsethisch völlig verwerflichen Argumentation jetzt schon den UN-Sonderbotschafter für Bildung den Kopf schütteln. Mit dieser Einteilung wird das Konzept Inklusion ad absurdum geführt, indem gesagt wird: Für manche Kinder ist es gut, für manche eben nicht. Inklusion spiegelt aber ein menschenrechtliches Anliegen wieder. Menschenrechte sind unmittelbar mit dem Gleichheitsgedanken verknüpft. Das heißt, dass alle das gleiche Recht auf bspw. eine gute inklusive Schulbildung haben. Ein Mädchen mit so genannten „Verhaltensauffälligkeiten“ muss hier in Deutschland, nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention, gleichberechtigt mit nichtbehinderten Kindern in einer Klasse lernen können. Die notwendige Unterstützung muss vorhanden sein. Es ist mit Unterzeichnung dieses Menschenrechtsdokumentes nicht mehr möglich, dass bestimmte Gruppen nur noch Ihresgleichen verkehren und andere diskriminierte Gruppen durch separate Institutionen von sich fern halten, mit dem Argument, sie seien dort besser aufgehoben. Wenn es Probleme mit einem Kind in der Klasse gibt, müssen sie gelöst werden. Und zwar nicht durch einen Schulwechsel, sondern mit entsprechenden Maßnahmen in der Schule. Alle haben das Recht gut lernen zu können. Dazu braucht es genügend Fachpersonal, Teilungsräume, inklusive Didaktik, Rückzugsräume (bspw. Schulinseln), eine enge Zusammenarbeit mit anderen Institutionen (Jugendamt usw.), Elternarbeit und Unterstützung von außen (bspw. Supersvision). Diese Ressourcen werden aber nicht hinreichend gestellt. Dafür kann aber ein einzlenes Kind nichts. Die ganze Inklusionsdebatte scheint sich zu einem Machtkampf zu entwickeln. Es geht um Macht bestimmter privilegierter Gruppen, es geht um die Macht des Geldes, es geht um die Macht von Professionen und Institutionen und es geht um die Macht, gewisse Unterordnungsstrukturen beizubehalten. Siehe dazu auch den Aufsatz von Hans Wocken “Über Widersacher der Inklusion und ihre Gegenreden” (2010, Bundeszentrale für politische Bildung).

Natürlich ist es schwierig den Unterricht zu gestalten, wenn es ein Kind gibt, das provoziert, das es nur durch Konflikte schafft, in den Kontakt mit anderen Kindern zu kommen, das so tief drin steckt in der Rolle des „Abgelehnten“, dass es da von alleine nicht mehr herauskommt. Das erfordert eine gut ausgebildete Fachkraft, die auch Zeit hat, eine vertrauensvolle Beziehung mit dem Kind einzugehen. Diese konstante Beziehungsperson sollte den Kontakt zu allen Beteiligten halten und regelmäßige Zusammenkünfte und Kind-Umfeld-Diagnosen initiieren (siehe auch Zeit-Artikel 2014: “Du störst” Was tun mit einem Neuntklässler, der um sich schlägt? Ein Gespräch mit der Sonderpädagogin Ulrike Becker über verhaltensauffällige Schüler). Es braucht Helferinnen/Helfer, die mit dem Kind auch mal vor die Tür gehen können. Wichtig ist auch eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern und anderen Menschen, die mit dem Kind zu tun haben (Jugendhilfe, Therapeuten usw.), gerade dann, wenn häusliche Probleme in der Schule zum Ausbruch kommen. Und es braucht flexible Lernmöglichkeiten, die es dem Kind eraluben, positive Erfahrungen machen zu können. Das geht nicht ohne eine gut abgestimmte Teamarbeit zwischen den Lehrkräften.

Manche Menschen lehnen Kinder, die sich „auffällig“ verhalten, im Gemeinsamen Unterricht ab, weil sie befürchten, dass die nichtbehinderten Kindern vom Lernen abgehalten werden. Es gibt Situationen, wo die Inklusion sicher schwierig ist. Es gibt Situation, in denen durch Gewalt ein Zusammenbleiben in der Klasse nur schwer möglich ist. Es gibt aber viele Situationen, in denen ein Kind, das „irgendwie“ stört, zu schnell aus der Klasse genommen wird. 

Wenn gesagt wird, dass die nichtbehinderten Mitschüler/-innen leiden, wenn da ein Kind mit Behinderung herumschreit, dann muss auch erwähnt werden, dass aber auch die behinderte Mitschüler/-innen in der Förderschule darunter leiden. Ist das weniger schlimm?Eibe Riedel kommt in seinem Gutachten zu folgendem Schluss:

Wenn ein ‚Schreikind‘ den Förderschülern zumutbar ist, muss er auch den Regelschülern zumutbar sein; ein Rangverhältnis ist nicht zulässig, und alles andere wäre eine Diskriminierung“ (Riedel, Eibe (2010) S.26: Gutachten zur Wirkung der internationalen Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und ihres Fakultativprotokolls auf das deutsche Schulsystem. Mannheim/Genf: Universität Mannheim).

In der Praxis ist der schulische Alltag manchmal eine knifflige Angelegenheit, wenn Kinder sich nicht so verhalten, wie wir es uns wünschen. Anstatt das Kind als „schwierig“ zu bezeichenen und es einfach nur aus der Klassen haben zu wollen, kann man auch versuchen die Situation als „schwierig“ zu anzuerkennen und zu überlegen, was alle brauchen, um die Situation zu verändern.

Schwierige Kinder brauchen daher zu aller erst die Sicherheit, dass sie, auch wenn sie ständig unangenehm auffallen, nicht bloßgestellt und in die Ecke der Störenfriede gestellt werden, oder ihnen gar klassenöffentlich mit dem Ausschluss gedroht wird. Als Grundsatz sollte gelten: Du bleibst, was immer du anstellst, Mitglied unserer Klasse -auch wenn du vielleicht mal gesonderten Unterricht erhalten musst, auch wenn wir wütend auf dich sind (und du auf uns)“ (Preuss-Lausitz 2004, S.15).

Inklusion Verhalten ©Inklusionsfakten.de

Quellen:

Preuss-Lausitz, Ulf (Hrsg.): Schwierige Kinder – Schwierige Schule. Konzepte und Praxis-projekte zur integrativen Förderung verhaltensauffälliger Schülerinnen und Schüler. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 2004.

Riedel, Eibe: Gutachten zur Wirkung der internationalen Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und ihres Fakultativprotokolls auf das deutsche Schulsystem. 2010.

Wocken Hans: “Über Widersacher der Inklusion und ihre Gegenreden„. Bundeszentrale für politische Aufklärung: 2010.

4 Kommentare

  • […] “Also die ganz verhaltensauffälligen Schüler, die können nicht in den Gemeinsamen Unterrich… […]

    • Solche Kinder müssen die Regelschulen verlassen!!!

    • Die Lehrer haben sich auf die Kinder einzustellen , nicht umgekehrt . Ein Kind mit Behinderung darf nicht verhaltensauffällig sein ? Aber Regelschüler und zahlreiche bereits erwachsene nicht behinderte Menschen schon ? Die beiden oberen Kommentare sind ja so etwas von überflüssig und sinnlos !
      Hoffentlich erleben sie es auch nochmal in ihrem Leben aussortiert zu werden , dann können Sie ja nochmal schreiben ob es denn gefällt ?

  • Aus eigener familiärer Erfahrung: schon vor etlichen (15) Jahren litt meine Tochter („sozial angepaßt“) während der Grundschulzeit sehr unter ihrer von den Lehrern auferlegten Funktion als „Integratorin“ der verhaltensauffälligen Schüler. Weil sie so“ brav“ war, wurde sie regelmäßig zwischen die auffälligsten Mitschüler gesetzt, um als Kind unter 10 Jahren pädagogische Hilfskraft zu sein. Sie hat sicher nicht von dieser Konstellation profitiert, sondern war auf dem Gymnasium wie erlöst. Dagmar Kloos

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