Die Eltern

Über den Umstand, dass sich Eltern um vieles kümmern müssen, obwohl eigentlich andere zuständig sind.

Hallo liebe Eltern,

(Mamas, Papas, Pflegeeltern, Großeltern, Alleinerziehnde, Sich-um-das-Kind-Kümmernde)

  • Eltern, die Kinder haben, mit denen die Welt vielleicht Schwierigkeiten hat, weil sie sie nicht versteht oder verstehen will
  • Eltern, deren Kinder Hilfe beim Atmen, Essen und beim Sich-beruhigen brauchen
  • Eltern, deren Haare zerrupft sind, deren Beine dauernd blaue Flecken haben, deren Augenringe nie verblassen
  • Eltern, die sich einfach das normalste der Welt wünschen: Einen Schulplatz in der allgemeinen Schule vor Ort mit liebevollen kontinuierlichen Bezugspersonen, ausreichend Unterstützung, anregenden Spiel- und Lernmaterialien, Räumen zum Wohlfühlen und einer stärkenden Klassengemeinschaft, in der es auch mal Knatsch und Streit geben darf, in der aber Werte wie Akzeptanz, Empathie und Rücksichtnahme gelebt werden.

Inklusion ist kein Gnadenakt, keine Wohlfahrtsveranstaltung oder etwas, worum man bitten muss. Inklusion ist ein Menschenrecht. Kinder mit Behinderungen haben ein in der UN-Behindertenrechtskonvention verbrieftes Recht auf hochwertigen, inklusiven Schulunterricht und Unterstützung, die sie zur gleichberechtigten Teilhabe am Schulunterricht brauchen. So steht es in Artikel 24, der von Deutschland unterzeichneten UN-Behindertenrechtskonvention – einem Menschenrechtsdokument, das die allgemeinen Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen konkretisiert. Es ist also keine Spezialkonvention. Es wird mit ihr einfach nochmal dargestellt: Menschenrechte gelten für alle. Menschen mit Behinderungen haben das Recht auf Gleichstellung, Teilhabe, Partizipation und Inklusion – also dem Dabeisein von Anfang an.

Die Realität zeigt aber, dass gerade Förderschulen vergleichsweise gut ausgestattet sind, an inklusiven Regelschulen aber so vieles knapp oder gar nicht vorhanden ist. Es fehlt an Personal, an geeigneten Räumlichkeiten, an Barrierefreiheit, manchmal an Know-How, teilweise an Engagement und Motivation, an angemessenen Klassengrößen, an genügend Spiel- und Lernmaterialien. Und es mangelt an dem Umsetzungswillen und der Umsetzungskraft des Rechts auf inklusive Bildung. Hier verschläft die Politik schon seit Jahrzehnten eine dringend anstehende Schulreform. Ausbaden dürfen es die Kinder und ihre Familien.

Dabei ist es doch so eindeutig:

Alle Studien zum Lernerfolg zeigen, dass die Mehrheit der behinderten Kinder in der Regelschule größere Fortschritte macht als in der Förderschule – und öfter einen Schulabschluss erreicht, der berufliche Perspektiven eröffnet“ (Prof. Klaus Klemm 2014, Südwest Presse).

Eigentlich müsste Inklusion dann doch stark gefördert werden. Auch menschenrechtlich und einfach vom Kind aus gedacht, sollte doch die Schule vor Ort die Schule für das Kind sein. So kann es gemeinsam mit Nachbar- und Geschwisterkindern in die Schule gehen und behält die soziale Anbindung im Umfeld. Wird das Kind von der allgemeinen Schule auf die Förderschule „überwiesen“, bedeutet das oft, dass das Kind aus den sozialen Beziehungen der bisherigen Gruppe geschleudert wird, bspw. indem das Kind mit dem Schulwechsel Bindungsabbrüche (Verlust des vertrauten Lernumfelds) erlebt. Mit dem Besuch der inklusiven Schule vor Ort verliert das Kind nicht wertvolle Spielzeit, indem es in die weit entfernte Förderschule gefahren wird – oft mit einem Transportdienst, der noch etliche andere Kinder einsammelt oder Heim fährt. Das Kind erfährt an der inklusiven Schule, dass es dazu gehört, dass es in manchen Dingen Hilfe und Unterstützung braucht (wie andere übrigens auch), es deswegen aber nicht in eine „besondere“ Schule muss.

Doch warum müssen die Eltern, die ihr Kind einfach nur in die Schule nebenan schicken wollen, um jeden Zipfel Hilfe kämpfen? Warum müssen sich Eltern, deren Kinder einen menschenrechtlich verbrieften Anspruch auf Inklusion haben, heute noch rechtfertigen? Warum darf die allgemein Schule vor Ort, das Kind mit Behinderung wegschicken und sagen „uns fehlen die Mittel“? Und warum müssen sich die Eltern darum kümmern?

Wir reden von den Eltern, die oben benannt wurden – die mit den Augenringen. Es sind diese Eltern, die genug mit der Organisation des Alltags zu tun haben. Die neben dem ganz gewöhnlichen Familienleben zur Abwechslung auch noch Widerspruchsbescheide an die Kranken- oder Pflegekasse schreiben dürfen, wenn die Kinder im Bett sind und sie eigentlich selbst Erholung bräuchten – sofern sie das denn können. Manche Eltern wissen auch gar nichts von ihren Rechten und den Rechten ihrer Kinder: „Abgelehnt? Na gut, dann eben Förderschule“, „Abgelehnt? Na gut, dann bleibt es eben für mein mehrfachbehindertes Kind bei Pflegestufe 1“, „Abgelehnt? Also nur einmal die Woche Eingliederungshilfe.“ Fakt ist, diese Eltern haben andere Aufgaben als der Umsetzung von Menschenrechten hinterher zu laufen, weil ein so reiches Land wie Deutschland es nicht schafft behinderungsbedingte Nachteile auszugleichen.

Es sind oft die Eltern, die einen zweiten Stehtisch, Toilettensitz oder eine zweite „Sitzmaus“ für die Schule beantragen und bei der Krankenkasse erklären müssen, warum das Gerät zu Hause nicht ausreicht oder nicht täglich in die Schule gebracht werden kann. Lange Zeit durfte die Physiotherapie auch nicht während der Schulzeit an der inklusiven Schule, sondern musste nachmittags stattfinden, da die Physiotherapeuten nicht in der Schule behandeln durften – ein zusätzlicher Termin für die Familie.

Leider wird prioritär in Förderschulen investiert, zu Lasten der inklusiven Schulen – und das, obwohl hinreichend bekannt ist, dass die Kinder im Gemeinsamen Unterricht mehr lernen, ihr Selbstkonzept besser gefördert wird und weniger von Stigmatisierug betroffen sind (siehe hier). Was tun Eltern also, wenn die Bedingungen für Inklusion an der Schule vor Ort nicht gut sind? Manche Eltern verzweifeln. Manche Eltern schicken ihr Kind zähneknirschend und frustriert dann doch auf die Förderschule. Manche Eltern streiten sich mit den Behörden und gehen bis zum Schulrat, damit das Kind endlich die Hilfe bekommt, die es braucht. Manche Eltern sind auch in Bündnissen organisiert (bspw. mittendrin e.V. – eine Schule für alle oder Gemeinsam Leben Gemeinsam Lernen).

Viele Lehrerinnen/Lehrer und viele Schulen wünschen sich, ja brauchen, einfach mehr Mittel. Es ist eine völlig verkehrte Verantwortungskonstellation. Es ist eine desolate Zuständigkeitskonstellation. Es ist ein Sich-Wegducken der Politik und der zuständigen Behörden. Eltern brauchen die Zeit, die sie sich mit gekürzten Schulhelferstunden rumplagen, mit Gesprächen und Anrufen, für ihre Kinder und für sich selber.

Ja, die Schulen versuchen auch viel zu erledigen und zu beantragen, aber das klappt nicht immer. Dann braucht es oft das Engagement und die Hartnäckigkeit einzelner – und das sind meistens die Eltern.

Auch im außerschulischen Bereich gibt es für Eltern von Kindern mit Behinderungen viel zu tun. Und da wird dann gerne folgendes „Spiel“ gespielt: „Gehen Sie zu Behörde Y, um Formular X zu bekommen, welches sie bei Behörde Z abgeben, vorher brauchen Sie aber noch die Bescheinigung A von Amt B für den Vordruck C.“ Das ist leider kein schlechter Scherz. Wieso gibt es nicht eine einzige Anlaufstelle für Eltern, in der Menschen sitzen, die alles für die Familie regeln, beantragen, aufklären und die Hilfsangebote vorstellen? Das ist kein extra Service oder so – das ist einfach Gleichberechtigung. Andere Familien brauchen diese Energien nicht reinzustecken. Sie haben mehr Zeit zum Eis essen, kuscheln, erholen usw. Solch eine Stelle wäre nichts anderes als eine Selbstverständlichkeit. So sollte es sein:

  • Gut ausgestattete Schulen, die alle Kinder willkommen heißen, müssen selbstverständlich sein.
  • Die Hilfe muss zum Kind kommen, nicht umgekehrt – auch das muss selbstverständlich sein.
  • Unterstützungsleistungen müssen unbürokratisch und schnell geregelt werden – ganz selbstverständlich.

Liebe Eltern, gebt nicht auf.

Schlange stehen ©Inklusionsfakten.de

Ein Kommentar

  • Vielen Lieben Dank für diesen Artikel! Ich bin eine betroffene Mutter. Ich habe nach 20 Jahren als Krankenschwester, meinen Beruf aufgegeben. Mein Sohn wurde im Kindergarten diskriminiert und suspendiert. In der ASO am 1. Tag als nicht beschulbar eingestuft. Einzige Option – die Kinder- u. Jugendpsychiatrie. Diagnosen zum Haare streuben und schwammig – generalisierte Entwicklungsstörung, Depression. Überall habe ich gehört, dass dies die Mutter machen muss. Institutionen haben weder Zeit noch Geld. Doch ich frage mich, warum sind dann 1200€ pro Kind nur alleine für ein privates Taxiunternehmen pro Monat da? Ich denke, dass das vorhandene Geld nicht optimal eingesetzt wird.

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