„Die Lehrer der Regelschule wollen doch gar keine Inklusion“

Lehrerinnen/Lehrer unterrichten auch Schüler/Schülerinnen, die nicht heterosexuell sind (im Schnitt 2 Jugendliche pro Klasse). Sie unterrichten Schüler/Schülerinnen , die keinen deutschen Pass haben. Und sie werden Schüler/Schülerinnen unterrichten, die beim Lernen mehr Hilfe brauchen als der Rest der Klasse. Überlässt man dem Lehrerkollegium die Entscheidung, ob Kinder mit Behinderung die Regelschule besuchen dürfen oder nicht, wird das Menschenrechtsdokument „UN-Behindertenrechtskonvention“ ad aburdum geführt. Menschenrechte wurden auch geschaffen, um die gleichberechtigte Teilhabe unabhängig von Finanzen, Mehrheitsmeinungen oder Vorurteilen durchzusetzen

Lehrerinnen und Lehrer sind zu großen Teilen Beamte und damit Diener des Staates. Es gilt, sie aufzuklären, mit ins Boot zu holen, für Inklusion zu werben und von erfahrenen Kolleginnen/Kollegen zu lernen. Außerdem wollen viele Lehrerinnen und Lehrer Inklusion und damit einen diskriminierungsfreien Lernort für alle Schülerinnen/Schüler. Dafür brauchen sie personelle, sächliche und räumliche Ressourcen. Anstatt die Idee der Inklusion in Frage zu stellen, müssen Lehrerinnen/Lehrer fortgebildet werden. Viele Pädagoginnen/Pädagogen wollen Bildungsgerechtigkeit und jedem einzelnen Kind gerecht werden. Dafür brauchen sie Handwerkszeug, eine Ausbildung mit inklusiver Didaktik und Pädagogik, angemessene Räumlichkeiten und ein Wissen um Team-Teaching-Prozesse (2-Pädagogen-System). Unterstützungspersonal wie Schulbegleiter, Barrierefreiheit, eine angemessene Klassengrößen und die Möglichkeiten für inklusiven Unterricht (Methoden, Materialien, Didaktik) sind ebenfalls sinnvoll. Wünschenswert wären auch Angebote wie Coaching oder Supervision.

Inklusion ist im Sinne von Demokratie und Menschenrechten. Ohne inklusive Bildung werden wir keine inklusive Gesellschaft haben. Das muss deutlich werden (siehe: Inklusive Bildung – wie soll denn das gehen, wenn die schwachen Schüler nicht mitkommen?). Von „Wollen“ kann bei Menschenrechten nicht die Rede sein, denn Menschenrechte sind nicht freiwillig. Deshalb sollten Lehrerinnen/Lehrer auch nicht entscheiden können, ob sie ein Kind mit Behinderung an der Schule haben wollen oder nicht. Denise Linke drückte es in folgenden Worten aus:

Inklusion wegzuschieben ist zutiefst darwinistisch. Jeder für sich, keiner für alle“ Denise Linke (FAZ, eine Asperger-Autistin berichtet, Inklusion hat mich gerettet, 2014).

Damit manche Lehrer/innen nicht sagen „Inklusion kann ich nicht machen, dafür bin ich nicht ausgebildet“, sollten umfangreiche Fortbildungskurse angeboten werden. Diese Angeboten sollten dann auch genutzt werden. Denn wie verdutzt würde ein/e Großunternehmer/in gucken, wenn die Sekretär/in  sagen würde: „Excel kann ich nicht, ich schreibe alles in ein großes Buch.“ Das Instrument der Fort- und Weiterbildung ist für eine inklusive Haltung das A und O.

Es braucht also viel mehr Fortbildungsmöglichkeiten, Vorurteile gegenüber inklusiver Bildung abzubauen und den Lehrerinnen/Lehrern mehr Handlungssicherheit zu vermitteln. Das Umfrageinstitut Forsa fand im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung heraus, dass 41 Prozent der Lehrer/innen den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ablehnen (bundesweite Telefonbefragung von 1.003 Lehrer/innen). Hier klaffen menschenrechtlicher Anspruch auf Inklusion und Haltung weit auseinander. Udo Beckmann, VBE-Bundesvorsitzender und Landesvorsitzender VBE NRW, in Düsseldorf, meint:

Die Bedingungen für die Umsetzung der Inklusion an den allgemeinbildenden Schulen in Deutschland stehen klar im Widerspruch zur UN-Behindertenrechtskonvention“ (Udo Beckmann, 2015).

Damit Lehrerinnen/Lehrer das Menschenrecht auf inklusive Bildung auch verstehen und Inklusion auch umsetzen wollen, brauchen sie eine breitere Wissensbasis und Möglicheiten der Selbst- und Praxisreflexion. Sie sollten Klassen, in denen Inklusion funktioniert, besuchen können. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit Sonderpädagogen/-innen. Durch diese Zusammenarbeit lernen beide Seiten viel voneinander (dazu muss es auch ausreichend Sonderpädagogikstellen geben). Die Lehrerin lernt, wie sie bestimmte Materialien so aufbereitet, dass auch Schüler/-innen mit Lernschwierigkeiten den Inhalt verstehen. Der Sonderpädagoge lernt wie wichtig das inklusive Umfeld für alle Kinder ist und welche wichtige Unterstützungsfunktion die Mitschüler/innen von Kindern mit Behinderung einnehmen.

Leider ist die Inklusionsskepzis bei manchen Menschen so groß, dass jeder Veränderungsprozess abgelehnt wird. Zum Beispiel kritisiert der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus die flächendeckende und konsequente Umsetzung der inklusiven Bildung. Auch wenn in der Forschung kaum jemand mehr von einer homogenen Lerngruppe ausgeht, diese sogar als Illusion dargestellt wird, glaubt Josef Kraus anscheinend an die homogene Lerngruppe und meint, dass Kinder mit gleichem Lernniveau besser zusammen lernen. Diese These ist empirisch jedoch nicht haltbar. Lernen Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen gemeinsam, so bringt das keine Nachteile (siehe:  Studie „Deutsch Englisch Schülerleistungen International“-DESI 2006, S. 52). Die Lehrergewerkschaft GEW meint dazu:

Laut Studie ist auch ein weiterer Glaubenssatz deutscher Schulpolitik empirisch widerlegt, dass nämlich in Klassen mit gleich leistungsstarken Schülern mehr gelernt werde als in solchen mit einer großen Leistungsstreuung“ (GEW 2006).

Dennoch wird die  Illusion der homogenen Lerngruppe von bestimmten Vertretern als Fakt dargestellt, um die Trennung von Kindern weiter zu legitimieren. Damit wird so getan,  als wären die Kinder geistig genormt. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus lobt dabei auch das hochdifferenzierte Förderschulwesen (für jede „Störung“ die passende Schublade) und versteht nicht, warum man dieses Förderschulwesen aufgeben und Inklusion umsetzen sollte. Der positive Effekt der inklusiven Bildung ist, im Gegensatz zu den Aussagen, die sich für den Erhalt der Förderschulen in der jetzigen Form aussprechen, empirisch belegt. Inklusionsfakten hat die Vorurteile gegenüber inklusiver Bildung entkräftet und wissenschaftliche Befunde zusammengetragen: Wir brauchen Inklusionsfakten statt Vorurteile. 20 Mythen und 20 Gegenargumente. Um die Ängste zu nehmen, sind die Aus- und Weiterbildungen sowie Hospitationsmöglichkeiten in Sachen Inklusion elementar.

Die Praxis hat gezeigt, dass Lehrerinnen/Lehrer auch Lernende sind. Lehrerinnen/Lehrer, die sich zuvor intensiv gegen inklusiven Unterricht gewehrt haben, immer wieder gesagt haben „das geht doch gar nicht“, haben sich durch Praxisbeispiele eines Besseren belehren lassen und sind zu Inklusionsbefürwortern geworden (siehe auch Beispiel: Elke). Das war nur möglich, weil sie die Gelegenheit hatten Kinder mit Behinderung kennen zu lernen, weil sie die Gelegenheit hatten inklusiven Unterricht kennen zu lernen und weil sie die Gelegenheit hatten, zu erfahren, welche Bereicherung Inklusion mit sich bringt. Diese Gelegenheiten gingen nicht von inklusionsskeptischen Lerherinnen/Lehrern aus. Der Rahmen für das Recht auf inklusive Bildung wird an anderer Stelle gesetzt und dadurch entstehen solche Gelegenheiten und Möglichkeiten erst. Lässt man Lehrerinnen und Lehrern die Wahl, welche Schülerinnen/Schüler würde sie sich dann aussuchen? Hat Schule dann noch etwas mit demokratischen Werten zu tun? Hat Schule dann noch etwas mit sozialer Durchmischung in den Klassen und mit den dadurch entstehenden Gelegenheiten zu tun, viele verschiedene Lebenskonzepte, Meinungen, Vielfaltsmerkmale und Familienhintergründe kennen zu lernen? „Wollen“ ist in Zusammenhang mit Menschenrechten absurd, denn diese sind überall gültig, wohnen in jedem Menschen inne, können nicht veräußert werden und sind unteilbar. Alle Menschen sind allein aufgrund ihres Menschseins mit gleichen Rechten ausgestattet.

Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention beschreibt das Recht von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung gleichberechtigt die allgemeine Schule zu besuchen. Dieses Recht darf nicht durch den Lehrerwillen ausgehebelt werden. Stattdessen muss das Kind/der Jugendliche mit Behinderung die Untersützung erhalten, die es/er für die Schulbildung braucht. Diese Untersützung ist für den gesamten Unterricht, inklusive der Lehrperson, wertvoll.

Inklusionslehrer ©Inklusionsfakten

Mehr zu diesem Thema:

Welchen Lehrertyp im Inklusionsprozess kennen Sie? Der eine Lehrer ist von inklusiver Bildung begeistert, die andere Lehrerin genervt. Beim Thema „inklusive Bildung“ zeigt sich die Einstellung der Lehrerschaft zur großen bildungspolitischen Debatte. Eine Typologie (mit Augenzwinkern).

Forsa: Inklusion an Schulen aus Sicht der Lehrerinnen und Lehrer– Meinungen, Einstellungen und Erfahrungen. Ergebnisse einer repräsentativen Lehrerbefragung (2015).

3 Kommentare

  • Sehr geehrte Frau Reimann,

    gerade weil Schüler in ihrem Leistungsvermögen heterogen sind, gibt es in Deutschland ein mehrgliedriges Schulsystem, dass dafür sorgt, dass ein Lehrer eine – so gut es eben geht – homogene Klasse unterrichten kann, die eine innere Differenzierung im Klassenraum so weit wie möglich unnötig macht. Natürlich ist absolute Homogenität nie zu erreichen; die Menschen sind nun einmal verschieden. Aber ich würde durchaus dafür plädieren, die Mehrgliedrigkeit noch auszuweiten, damit ein noch höherer Grad an Homogenität erreicht werden kann. Sie möchten Behinderte und Lernschwache den sog. Regelschulen zuweisen. Dies verkompliziert jedoch die Unterrichtstätigkeit des Lehrers, der für einen ihm affinen Regelschulzweig ausgebildet wurde. Warum sollte sich deshalb ein Lehrer für die Inklusion von Schülern einsetzen, die sein Unterrichtskonzept torpedieren? Natürlich hat ein Lehrer sich auf die unterschiedlichen Befindlichkeiten seiner Schüler einzustellen. Je weniger er das aber muss, desto einfacher ist für ihn die Arbeit. Ich glaube auch nicht, dass es Ihnen nur um die Inklusion geht. Vielmehr wollen sie eine Einheitsschule für alle Schüler eines Jahrgangs, die so einen – gerne natürlich ganztäglichen – Erlebnisraum erhalten und denen Schule einen Familienersatz bietet. Schule und Unterricht dient aber zur Erzeugung von Wissen und Können. Entscheidend ist dabei die Person des Lehrers, dem die Arbeit so einfach wie möglich gemacht werden sollte. Je mehr äußere Differenzierung es gibt, desto einfacher ist die unterrichtliche Tätigkeit. Schule ist nicht nur ein Lernort für Schüler sondern auch ein Lehrort für Lehrer, die – wie andere Berufsangehörige auch – ein Interesse an einem angenehmen Arbeitsplatz haben. Durch Inklusion wird der Arbeitsplatz Schule nicht angenehmer. Deshalb: Inklusion? Nein, danke!

    • Lesen Sie bitte nochmal, was Sie da geschrieben haben? Sie möchten also, dass ein Menschenrecht ignoriert wird, damit es Lehrer einfacher am Arbeitsplatz haben? Haben Sie die Studien gelesen dazu, wie Schüler am besten lernen? (Sollten Sie als Pädagoge eigentlich kennen). Ist Ihnen bewusst, dass jeder Mensch, der erfolgreich seinen Beruf ausüben will, sich ständig weiterbilden muss, egal was er in seiner Ausbildung gelernt hat? Und wissen Sie, dass Schule kein ausschließlich Wissen vermittelnder Ort sein KANN, weil es sich um Kinder handelt, die den größten Teil des Tages in der Schule sind? Es IST deshalb auch ein Ort der Erziehung und des sozialen Lernens. Und aus dem Grund der Zusammenarbeit von Lehrern und Eltern. Bitte frischen Sie Ihr Wissen dringend auf!
      Ariane Ullrich

  • Der Besuch einer bestimmten Schule im mehrgliedrigen Schulsystem ist kein Menschenrecht. Die Apologeten der Inklusion mögen dieses große Wort verwenden, weil sie sich eine vermeintlich große Aufgabe vorgenommen haben. Lassen wir doch die Gerichte entscheiden, ob es gegen die Würde eines Menschen verstößt, eine Förderschule zu besuchen. Ich wusste auch gar nicht, dass ich in einem Land aufgewachsen bin, das die Menschenrechte noch in den siebziger und achtziger Jahren permanent mit den Füßen getreten hat. Haben die damals Beschädigten eigentlich einen Anspruch auf Entschädigung, weil man sie auf eine Förderschule gedrängt hat? Haben die dort damals arbeitenden Lehrer sich vielleicht auch persönlich schuldig gemacht? Die Integration und Inklusion von Behinderten und Lernschwachen läuft in Deutschland überaus erfolgreich über ein mehrgliedriges Schulsystem zu dem auch die Sonder- und Förderschulen gehören. Natürlich hat ein Lehrer sich weiterzubilden und – wie jeder andere auch – in seinem Beruf zu lernen. Was aber Sie wollen, ist, dass ein Bäcker auch Autos repariert und ein Schornsteinfeger auch Haare frisiert. Es ist mir völlig klar, dass die veröffentlichte Moral natürlich auf der Seite dieser Inklusionisten ist, die jede Abweichung vom Konzept der totalen Gesamtschule nur als graduellen Unterschied zur Selektion an der Rampe sehen. Unglaublich enttäuschend ist dabei, dass auch noch ein großer Teil der Berufsverbände und die Gewerkschaften sich zu ihnen gesellt und dabei die genuinen Interessen der von ihnen vertretenen Arbeitnehmer (und Beamten) nahezu völlig ignoriert. Eine Weiterbildung bei der Gewerkschaft der Lokomotivführer würde vielleicht einigen Vertretern die Augen öffnen, wenn sie nicht mittlerweile schon von der aufgehenden Sonne der pädagogischen Ideologien erblindet sind. J e d e Veränderung des Schulkonzeptes, die zu einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen des Schulpersonals führt, ist abzulehnen. Selbst wenn mit einem immensen Aufwand durch Inklusionskonzepte hier und da eine leichte Verbesserung der Befindlichkeit bei einzelnen Schülern erreicht werden kann, heißt das noch lange nicht, dass diese marginale Verbesserung den Aufwand auch rechtfertigt. Aber das ist den Inklusionisten egal. Klar, man will die Lehrer auch ins Boot holen – so wird unisono getönt. Aber wehe, wenn der Kapitän einer hochseetauglichen Jacht nicht in die wacklige und mit Schiffbrüchigen besetzte Inklusionsschaluppe umsteigen will. Wehe dem!

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