Drei Nasen, drei Wege, drei Typen – eine inklusive Schule

3 Nasen  ©Inklusionsfakten

3 Nasen ©Inklusionsfakten

Die drei Nasen gehören Raúl, Fidi und mir. Drei unterschiedliche Typen mit unterschiedlichen Lebenswegen. Uns eint der Besuch einer inklusiven Schule – wir drei gingen auf die Sophie-Scholl-Schule in Berlin-Schöneberg. Und wir drei widmen uns heute dem Thema Inklusion. Dabei sind die Wege, die zu dem Thema Inklusion führten, ganz unterschiedlich. Ausgangspunkt war wohl der gemeinsame Unterricht und dem damit verbundenen Schulklima, das uns prägte.

Raúl lernte ich im Matheunterricht kennen. Er schien genauso wenig Ahnung von Gleichungen mit zwei Unbekannten zu haben wie ich, was dazu führte, dass wir uns in der Mathestunde lieber über andere Dinge unterhielten, als über x und y. Heute ist Raúl Aguayo-Krauthausen Aktivist, Buchautor, Träger des Bundesverdienstkreuz am Bande (wobei ich ihn das noch nie tragen gesehen habe und mich frage, wo das Teil eigentlich liegt), Gründer der Sozialhelden, er hat die Wheelmap erfunden und ist ehemaliger Mitschüler von Fidi und mir.

Raúl sucht nach Lösungen. Deshalb ist er auch ein Lösungssucher und -finder. Dabei geht es ihm nicht darum x und y in einer Gleichung zu lösen, sondern sich zu fragen: Was will ich und wie komme ich dahin. Anstatt sich passiv über die fehelnde Gleichberechtigung und Barrieren zu ärgern, macht er es wie Daniel Düsentrieb: Er erfindet einfach etwas, was ihm und vielen anderen hilft.

Fidi kannte ich durch den Englischkurs (8.-10. Klasse). Es gab eine Lehrerin, die Present Perfect erklärte und einen Lehrer, der jedem/jeder half, der/die gerade Hilfe brauchte. Die Lehrerin trug eine Mikroportanalge, damit auch Erik die Verwendung von past participle, present perfect oder die vielen Ermahnungen und das Brüllen um Ruhe verstehen konnte (die Lehrerin selbst meinte, dass es schwierig sei: „Ihr seid in der Pubertät und ich in den Wechseljahren“ – in der Tat zwei verschiedene Welten, Inklusion hin oder her). Fidi bzw. Graffidi rappt heute zu Themen wie Barrierefreiheit, Inklusion und Teilhabe. Er wird „weltbester Rollstuhlrapper“ gennant – eine These, mit der es sich ganz gut leben lässt. Zurzeit ist er Botschafter für die Globale Bildungskampagne und unterstützt die Schulaktionswochen „Weltklasse! all inclusive“ vom 4. Mai bis zum 29. Juni 2014 (kostenlose, barrierefreie Aktions- und Unterrichtsmaterialien zum Projekt „Weltklasse! all inclusive“ gibt es hier). Zum Thema „Bildung und Behinderung weltweit“ hat Fidi einen Raptext geschrieben.

Manchmal frage ich mich, was aus Raúl und Fidi geworden wäre, wenn sie -und die Wahrscheinlichkeit war damals unheimlich hoch- auf eine Förderschule für Körperbehinderte gekommen wären. Würden sie dann auch diese Ideen haben? Würden sie dann auch von Selbstbestimmung reden? Wäre Raúl genauso schwarzhumorig und manchmal zynisch? Würde Fidi sich dann auch für Grafitti und Rap interessieren? Hätte die Schulzeit an einer Förderschule, die einen großen Teil im Leben eines Kindes bzw. eines Jugendlichen ausmacht, ihre Identität, ihr Selbstverständnis und ihren Tatendrang beeinflusst?

Hätte-Hätte-Fahrradkette. Aber: Dr. Brigitte Schumann fand in ihrer Arbeit“ Ich schäme mich ja so!“ heraus, dass „die Scham über den Ausschluss aus dem Regelschulsystem und über den stigmabehafteten Sonderschulstatus die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts behindert bzw. verhindert“ (Brigitte Schumann 2007). Brigitte Schumann sagt außerdem:

Den Kindern der Sonderschule wird nicht nur das Menschenrecht auf Bildung vorenthalten, sie werden auch in ihrem Menschenrecht auf Würde verletzt“ (Brigitte Schumann 2007).

Einen Raúl und einen Fidi mit einer verletzen Würde mag ich mir nicht vorstellen. Ich bin froh mit beiden die Schulzeit verbracht zu haben. Nicht, weil sie zufällig nett sind, sondern weil es anders einfach nicht fair wäre. Es wäre ungerecht, wenn ich aufgrund von Zufall oder Schicksal (je nach Weltanschauung) auf die Sophie-Scholl-Schule gekommen wäre und Raúl und Fidi aus einem Grund, der absolut nicht nachvollziehbar ist, ein Förderzentrum (das nächste wäre übrigens eine Dreiviertelstunde weiter weg gewesen) besucht hätten. Diese Form von Aussonderung beschämt nicht nur Sonderschülerinnen und Sonderschüler. Dieser Ausschluss beschämt mich selbst. Er beschämt unsere gesamte Gesellschaft. Prof. Dr. Theresia Degener, Mitglied des UN-Fachausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, sagt:

Sondereinrichtungen für Behinderte sind keine Schonräume sondern Apartheid“ (Theresia Degner 2013, Rede Pride Parade Berlin).

Der Großteil der Kinder mit Behinderung in Deutschland wächst heute noch in Sonderinsitutionen auf. Das Argument, sie würden dort besser gefördert werden, ist empirisch widerlegt. Das Argument, Kinder mit Behinderung behindern die nichtbehinderten Kinder beim Lernen, ist empirisch widerlegt. Das Argument, dass Inklusion nur bei Kindern mit Körperbehinderung funktioniert, nicht aber bei Kinders mit so genannter „schwerer Mehrfachbehinder“, ist empirisch widerlegt („Je schwerer die Behinderung ist, um so notwendiger braucht ein Kind die vielfältigen Anregungen der nichtbehinderten Kinder“, Jutta Schöler). Weitere Mythen zum Thema inklusive Bildung und ihre Gegenargumente wurden hier zusammen gestellt: Wir brauchen Inklusionsfakten statt Vorurteile). 

Anstatt ein Menschenrecht (Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention) endlich umzusetzen, wird ein System verteidigt, das in Sachen Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Teilhabe großen Nachholbedarf hat. Wir brauchen allgemeine Schulen für alle, die die Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit wertschätzen und durch (sonder)pädagogische Unterstützung alle Kinder individuell fördern. Das Schulsystem in Deutschland muss sich ändern. Deshalb schreibe ich für Inklusionsfakten. 

Das Recht auf inklusive Bildung gilt für mehr als nur für drei Nasen. Dabei ist es völlig egal, welche Farbe diese Nase hat, wie groß oder wie klein sie ist, ob sie gut oder weniger gut riechen kann, ob die Nase in unbequeme Dinge gesteckt wird oder ins Mathebuch. Unterschiede sind gut – Ungerechtigkeiten sind es nicht. Nicht trotz, sondern gerade wegen der unterschiedlichen Nasen, unterschiedlichen Wege, der unterschiedlichen Typen, der unterschiedlichen Voraussetzungen braucht es inklusive Schulen. Denn inklusive Bildung stärkt die Anerkennung von Vielfalt und tritt für Demokratie und Menschenrechte ein.

„Inklusive Bildung ist der Schlüssel dafür, dass Menschen mit Behinderungen wirksam an einer freien Gesellschaft teilhaben können (…). Sie legt zugleich die Grundlage für eine Kultur der Menschenrechte in einer Gesellschaft, indem sie die Achtung der menschlichen Vielfalt durch alle stärkt und die Anerkennung des anderen Menschen als eines Gleichen vermittelt. Sie fördert damit den „Geist der Brüderlichkeit“, wie ihn Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als Grundlage jeder menschlichen Gesellschaft fordert. Das Recht auf inklusive Bildung kann nur in einem inklusiven System verwirklicht werden. Deshalb macht die UN-Behindertenrechtskonvention den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems zu einem verbindlichen Ziel. Es gilt für alle Sparten der Bildung – und eben auch und gerade für den Bereich der schulischen Bildung. Denn Schule bildet Zukunft – ohne inklusive Bildung in der Schule wird es keine inklusive Gesellschaft geben“ (Dr. Valentin Aichele, Prof. Dr. Beate Rudolf: Vorabfassung der Studie Inklusive Bildung: Schulgesetze auf dem Prüfstand, Dr. Sven Mißling und Oliver Ückert, Deutsches Insitut für Menschenrechte, 2014, Vorwort S.3).

Und hier haben Fidi und ich 2015 einen Text zum Recht auf inklusive Bildung geschrieben, der von Graffidi gerappt wird:

2 Kommentare

  • Großartiger Artikel 👍

  • Das „Trio infernale“ war offensichtlich schon früh aktiv. Inklusion macht’s möglich.

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