„Es braucht immer 2 Lehrer und immer ganz kleine Klassen“

So unterschiedlich die Kinder mit Förderbedarf sind, so unterschiedlich sind auch die Bedürnisse und benötigten Rahmenbedingungen. 

Braucht es immer kleine Klassen?

Es braucht nicht immer und überall kleinere Klassen. Allerdings kann eine niedrige Klassenschülerzahl den Unterricht in heterogenen Lerngruppen verbessern. Doch kleinere Klassen heißt nicht automatisch guter inklusiver Unterricht. Das haben Evaluationsstudien der Integrationsklassen in Österreich von Werner Specht gezeigt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es Klassen mit 20 bis 24 Schülerinnen/Schülern tendenziell besser schaffen, für ein gutes Klima und eine gute Förderung zu sorgen als Klassen mit weniger als 20 Schülerinnen/Schülern (vgl. Altricher, Nationaler Bildungsbericht Österreich 2009, S. 352). 20 Kinder in der Klasse – das wäre für viele ein Traum. Denn gerade „in den ersten (2–3) Jahren ihrer Schulkarriere ziehen Schüler/innen eher Nutzen aus kleineren Klassen“ (Herbert Altrichter, Matthias Trautmann, Beate Wischer, Sonja Sommerauer und Birgit Doppler, Unterrichten in heterogenen Gruppen, Nationaler Bildungsbericht Österreich 2009, Band 2, S.353).

Für wichtiger als die Klassengröße werden die Kompetenzen und Fähigkeiten der Lehrerinnen/Lehrer befunden. Wenn das Lehrpersonal keine inklusive Haltung hat, keine inklusive Werteorientierung, keine Kenntnisse in inklusiver Didaktik und Pädagogik, dann nutzt auch eine kleine Klasse nichts. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite können zwei hervorragend inklusiv und im Team arbeitenden Lehrer/innen kaum guten Unterricht machen, wenn die Räume zu eng sind und es zu viele Kinder gibt, die gleichzeitig Unterstützung brauchen, evt.“ Weglauftendenzen“ haben oder einfach jemanden neben sich sitzen haben müssen, um lernen zu können.

Vielerorts sind die Klassen viel größer als sie den Schülerinnen/Schülern gut tun. Es kommt zu Überforderungssituationen auf allen Seiten, wenn in einer ersten Klasse 26 Schüler/innen lernen sollen, von denen 4 einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben und die Familien der Kinder mit komplexen Schwierigkeiten zu tun haben (Arbeitslosigkeit, Armut, Sucht usw.) und erwartet werden kann, dass noch weitere Kinder einen sonderpädagogischen Förderbedarf diagnostiziert bekommen werden. Die Klassengröße muss immer an die Bedarfe der Kinder angepasst werden. Gerade Schulen in Gebieten mit besonderen Entwicklungsbedarf (hier reicht ein Blick in den Sozialatlas oder auf die Anzahl der Lernmittelbefreiungen) muss davon ausgegangen werden, dass kleine Klassen nötig und wichtig sind. Wenn die Rektoren/Rektorinnen wissen, dass ein Kind mit besonderen Unterstützungsbedarf an die Schule kommt (bspw. ein Kind aus einer schwierigen Familiensituation oder ein Kind mit Autismus), dann sollten sie eine kleine Klasse „aufmachen“. Dabei sollten „Behinderungen“ ebenso berücksichtigt werden wie weitere Bedarfe, die Kinder durch unterschiedliche Lebenssituationen haben (Bedürfnis nach Nähe, Zuwendung, Bindung, Ruhe, Beratung usw.). Es muss hierbei mitgedacht werden, dass noch weitere Personen in der Klasse sitzen werden, bspw. Schulbegleiter/-assistenten. Hier müssen auch die Räume ausreichend Platz bieten. Wichtig ist auch, dass die Lehrerschaft insgesamt als Team arbeitet und gegenseitige Beratung und Unterstützung stattfindet.

Die Klassengröße muss also immer von den einzelnen Bedarfen der Lerngruppe abhängig gemacht werden. Bestimmte Bedürfnisse können besser in kleinen Lerngruppen erfüllt werden. Hier kann eine kleinere Klasse ein guter Weg sein. Sind die Klassen viel zu groß, ist es schwierig guten inklusiven Unterricht zu gestalten und dem einzelnen Schüler/der einzelnen Schülerin gerecht zu werden. Inklusiver Unterricht kann auch heissen, dass viel in Gruppen gelernt wird und ein Lernen in klassichen „Klassen“ kaum stattfindet. Hierfür braucht es Teilungsräume oder andere Alternativen.

Schüler malt ©Inklusionsfakten.de

Braucht es immer 2 Lehrer?

Nein, aber es ist meistens sinnvoll. Wenn ein Kind mit einer Fußprothese im inklusiven Unterricht lernt, gut zurechtkommt und keine Unterstützungsbedarfe in der Klasse sind, braucht es keine weitere Untersützungsperson. Meistens ist es aber sinnvoll, wenn zwei Erwachsene im Raum sind – es muss aber nicht immer ein zweiter Lehrer/eine zweite Lehrerin dabei sein. Unverzichtbar sind Schulbegleiter/Integrationshelferinnen/-assistenten für Schüler/innen, die Alltagshilfe brauchen und Unterstützungsbedarf haben. Diese Schulbegleiter helfen bei Toilettengängen, bei dem Herauslegen der Lernmaterialien, bei anderen pflegerischen Aufgaben und unterstützen das Gemeinsame Lernen sowie die Entwicklung zur Selbständigkeit. Damit im inklusiven Unterricht alle Kinder gut lernen können, werden oft pädagogische Unterrichtshilfen benötigt. Das können Erzieher/innen, Sozialarbeiter/innen, Heilpädagogen/innen oder andere Berufsgruppen sein. Sie begleiten den Unterricht, bieten Unterstützung und „managen“ das inklusive Geschehen. Die Hilfe von Unterstützungspersonen ist in vielen Situationen sinnvoll. Sie begleiten ein Kind bspw. nach draußen, wenn es dem Kind zu viel wird. Sie begleiten Arbeitsgruppen oder Kleingruppen von Kindern. Sie trösten, lösen Konflikte und verhindern Ausgrenzungsprozesse.

Eine wichtige Rahmenbedingung ist das 2-Pädagogen-System bzw. Team-teaching. Hier arbeiten zwei Lehrer/innen gemeinsam in einer Klassen, meistens eher in den Hauptfächern. Verschiedene Konstellationen sind möglich: Die Klassenlehrerin und der Sonderpädagoge arbeiten als Team oder eine Regelschullehrerin mit viel Inklusionserfahrung und Fortbildungen kooperiert mit einem weiteren Lehrer. Meistens arbeiteten eine Sonderpädagogin und ein „Regelschullehrer“ zusammen. In sehr vielen inklusiven Klassen ist eine Doppelstreckung sinnvoll. Denn hier kommen in der Regel wichtige Kompetenzen zusammen. Die eine Lehrerin hat Fachwissen, was die Lernbedarfe von Kindern mit bestimmten Lernschwierigkeiten angeht. Der andere Lehrer weiss viel über die Arbeit in Projekten. Zwei Lehrer/-innen können Gruppenarbeiten und einzelne Schüler/innen besser fördern. Beide Lehrer fühlen sich für alle Kinder verantwortlich. Dabei lernen die Erwachsenen ebenso voneinander: Der Sonderpädagoge zeigt seiner Kollegin, wie Arbeitsblätter gestaltet werden müssen, damit auch das bspw. sehbehinderte Kind die Aufgabe gut verstehen kann. Die „Regelschullehrerin“ gibt ihr Wissen über zieldifferente Lern- und Arbeitsformen an die sonderpädagogische Fachkraft weiter. Beide fördern inklusive Prozesse in der Klasse und sind für alle Kinder ansprechbar.

Ein Lehrer-Team kann die Passung zwischen den Lernbedürfnissen der Kinder und dem Lernstoff verbessern. Das Wissen um sonderpädagogische Förderbedarfe ist aber nicht das einzige, was wichtig ist. Gerade inklusionspädagogisches Wissen ist gefragt. Generell sollten Lehrer/innen wissen, wie „Lernen“ funktioniert, welche Lerntypen es gibt und welche unterschiedlichen Bedarfe Kinder haben. Erschwerend kommt in der Praxis hinzu, dass gerade die Sonderpädagogikstellen vielerorts knapp sind. Es kommt auch vor, dass Sonderpädagogikstunden für Vertretungsstunden draufgehen. Hier müssen die Stellen so geplant werden, dass die Hilfen auch da ankommen, wo sie gebraucht werden. Die Entwicklung, dass immer mehr Kinder mit den Förderbedarfen Lernen bzw. emotionale-soziale Entwicklung etikettiert werden, um sich zusätzliche Lehrerstunden zu sichern, muss aufgehalten werden. Das geht am besten, wenn die Schulen eine gute Austattungspauschale bekommen (bspw. eine volle Sonderpädagogikstelle für 3 Klassen).

Inklusion erfordert auch ein Wissen um inklusive Prozesse. Hier können Kompetenzen in der Antidiskriminierungpädagogik oder Wissen um den Anti-Bias-Ansatz wichtig sein. Nehmen die Kinder wahr, wenn etwas nicht fair ist? Greift der Lehrer das Thema „Ungerechtigkeiten“ auf? Wird in der Klasse auf diskriminierendes Verhalten reagiert? Lehrerin/Lehrer müssen sich immer wieder fragen, ob ihre Bildungsangebote vielleicht einseitig ausgerichtet sind und manche Kinder nicht mitkommen, weil sie anderen Lernvoraussetzungen haben und demnach andere Angebote brauchen.

Die Forderungen nach zusätzlichen Lehrkräften und kleineren Klassen dürfen aber nicht zu der Haltung führen: „Erst wenn alles tippitoppi ist, können wir Inklusion umsetzen, ansonsten bleibt alles wie es ist.“ Denn genau da liegt der Haken. Genau diese Doppelstruktur „Förderschule-Regelschule“ verhindert, dass die Ressoucen im inklusiven Unterricht ankommen. Werden Förderschulen geschlossen, können die frei werdenden Ressourcen (Lehrer, spezielle Möbel usw.) verteilt werden. Die Hilfe muss dem Kind folgen, nicht umgekehrt. Zudem stellt die Monitoring-Stelle des Deutschen Instituts für Menschenrechte fest: Die Doppelstruktur ist konventionswidrig.

Wie oft es eine zusätzliche Lehrkraft braucht und wie viele Kinder in einer Klasse sind sollte von den Bedarfen der Kinder abhängig sein – nicht von schulpolitischen Sparkursen. Es kann nicht sein, dass für bestimmte Schüler/innen kaum Zeit ist, weil sie den „Mainstream“-Unterricht nicht folgen können.

Mensch, da braucht man doch ’ne kleine Klasse…„. Folgendes Lied von Fredrik Vahle, „das Lied von der kleinen Klasse“ (der Fuchs),  handelt von der Überforderung in zu großen Klassen. Das Lied ist von 1976. Doch der Inhalt ist hochaktuell:  

Weiterführende Beiträge zu dem Thema:

Artikel zu der Aussage “Die Schulen sind nicht ausgestattet für Kinder mit Behinderung” hier.

Das Bildungsüberraschungsei: Damit inklusive Bildung kein Überraschungsei mit bösen Überraschungen ist, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und keinen Spielzeugschnellbausatz, der nach einer Woche im Müll landet.

In diesem Beitrag werden die Zutaten der inklusiven Bildung zusammengefasst: Inklusive Bildung verstehen: Wieso, Weshalb, warum?

Buchtipp:

Krämer-Kilic, Inge; Albers, Tina; Kiehl-Will, Afra; Lühmann,Silke (Hrsg.): Gemeinsam besser unterrichten – Teamteaching im inklusiven Klassenzimmer. Mühlheim an der Ruhr : Verlag an der Ruhr, 2014 – ISBN 978-3-8346-2510-6 – 16,95 €

 

Ein Kommentar

  • Hallo,

    Ich bin Lehrerin (Grundschule) in den Niederlanden. Wir müssen hier Inklusion durchführen ohne besondere Veränderungen. Das ist sehr schwer.

    Die Regierung hat die Schulen verplichtet. De schwerste Last liegt auf den Rücken von unseren Kollegen. Die Arbeistumstände werden hierduch schwieriger. Wir haben sehr viel Verwaltung dazu gekriegt.

    Die Schulzeiten in den Niederlanden sind anders. Die Kinder sind meistens den ganzen Tag (bis rund 15 uur) in der Schule. Das bedeutet, dass wir nach 15.30 uur unsere Vorbereitung oder Arbeitstreffen haben.

    Wie ist der Tagesablauf von einem Lehrer in ihrem Land (Österreich/Deutschland).

    (Entschuldige mich für die Rechtschreibung…)

    Viele kollegiale Grusse aus de Niederlanden.

    Farah Nancy Aydin

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