„Gehörlose Schüler können nicht an die inklusive Schule“

Und ob…Inklusionsfakten fragte drei junge, gehörlose Frauen nach ihren Erfahrungen. In einem sind sich alle einig: Eine wichtige Voraussetzung sind die Gebärdensprachdolmetscher. Diese bewilligt zu bekommen ist oft ein Kampf – trotz Rechtsanspruch durch die UN-Behindertenrechtskonvention. Beim Thema Inklusion geht es aber um mehr. Grundsätzlich ist die Bereitschaft kommunikative Grundvoraussetzungen zu schaffen, wichtig. Im folgenden Interview berichten Mandy, Clara und Kassandra von ihrer Schulzeit.

Inklusionsfakten-Truppe ©Inklusionsfakten

1. Euer erster Schultag – war der so wie man ihn sich vorstellt?

Mandy: An meinem ersten Schultag (1994-2007) in der Gehörlosen-Schule war alles normal. Seit 2013 bis jetzt (2015) gehe ich zur hörenden Schule (Abitur) und ich habe gedacht, die hörenden Leute würden nichts mit mir unternehmen und sich zu mir distanzieren, aber falsch gedacht. Sie sind nett und hilfsbereit. Wenn ich ein Problem habe, bekomme ich Hilfe.

Clara: Ja, es war ungefähr so wie man ihn sich vorstellt. Man wurde aufgerufen nach den anderen.

Kassandra: Ich denke schon, mit Schultüte und Familienfeier zu Hause, es hatte ja noch nicht der richtige Unterricht begonnen so dass ich nur schöne Erinnerungen an den Tag im Sommer mit meiner Familie hatte.

2. Was ist das eigentlich: Gehörlosigkeit? Oder sagt man „taub“?

Clara: Ich bezeichne mich selbst lieber gehörlos, auch wenn ich ertaubt besser finde, aber das ist ja nicht nach den Lautspracherwerb, sondern schon vor dem Lautspracherwerb, das heißt, dass ich eigentlich gehörlos bin.

Mandy: Man kann taub wie auch gehörlos sagen. Ich sage nur, man darf es taubstumm NICHT nennen, weil man sich beleidigt fühlt. Die gehörlosen Leute können ja laut sprechen, sie sind NICHT stumm.

Kassandra: Beides ist möglich, die einen bevorzugen das Wort gehörlos und andere taub.  Man kann es immer „falsch“ machen, wobei es eigentlich so individuell ist wie jemand bezeichnet werden möchte. Beides weist lediglich darauf hin, dass man nichts hört. Einige „Taubies“ sind aber der Meinung, dass das Wort „gehörlos“ zu sehr auf das Defizit hinweist, so wie ein Rollstuhlfahrer auch nicht Geh-los oder ein Blinder Seh-los heißt.
Mich persönlich stört es nicht so, früher hat man dagegen gekämpft, dass die Leute „taubstumm“ sagen und deshalb hat man sich für das Wort „gehörlos“ eingesetzt. Jetzt erkennt man das Negative an dem Wort und möchte nun taub haben.  Aber wenn man so will, kann man auch da etwas Negatives finden. Taub bedeutet ja auch, dass z.B. ein Körperteil taub ist, womit aus medizinischer Sicht gemeint ist, dass er nichts fühlt. Aber wir sind zwar taub, aber nicht gefühllos, sondern wir reagieren vielleicht nicht, wenn wir gerufen werden, deshalb hat man dann wohl den Begriff taub benutzt, weil die Ohren nicht hören, man nicht reagiert. Läuft so oder so eigentlich aufs Gleiche hinaus. Taub ist wie Blind einfach ein kürzerer, vokalvoller Begriff und leichter zu verstehen.

3. Warum habt ihr die Schule gewechselt und seid von der Förderschule auf eine allgemeine Schule gegangen?

Clara: 2013 bin ich auf einer Regelschule gegangen, weil ich mit dem Ziel Abitur hier an der Regelschule besser aufgehoben bin. Ich wollte nicht nach Essen gehen, da ich dort nur wenig Förderung bekommen würde. Vorangemerkt sei, dass die dortige Schule den Titel „Berufskolleg für hörgeschädigte Schüler“ trägt. Dort wurde kaum in Gebärdensprache unterrichtet. Die Schule gelobte sich Besserung, aber so richtig getan hat sich nichts so richtig.

Kassandra: Das ist eine sehr lange Geschichte. Ich war von Anfang an auf einer Regelschule und bis zur 7. Klasse auf einem Gymnasium. Damals war es aber fast unmöglich ein gehörloses Kind auf eine normale Regelschule zu geben. Meine Mutter musste sehr viele Schulen besuchen und ich mich vorstellen bis uns eine genommen hat. Später fanden wir auch ein privates adventistisches Gymnasium, wo ich sehr gerne zur Schule ging. Es lief eigentlich gut, bis darauf, dass die Kommunikation mit der Pubertät mehr und auch schwieriger wurde mit dem wachsenden Bewusstsein und der wachsenden Kommunikation.
Ich habe dann verschiedenes durchlaufen: Gehörlosenschule, Schwerhörigen Schule mit Hörenden integriert, „Integrationsklasse“ (Sh, Gl, Hd zusammen) an einer Regelschule und bin danach wieder auf eine normale private Schule mit Gebärdensprachdolmetschern gegangen. Ich hatte gewechselt wegen Meinungsverschiedenheiten mit der Integrationsschule.

Ich war sauer, dass wir als Gehörlose 3 Jahre mehr machen mussten für das Abitur! So ist das mit unserem wirklich behinderten Sonderschulsystem für Schwerhörige – die Realschule bis zur 11. und für Gehörlose damals sogar bis zur 12. Klasse! Wer dann aufs Gymnasium wechselte, musste nochmal in die 10. Klasse gehen, weil der Staat vorschreibt, dass man 4 Jahre die zweite Fremdsprache gehabt haben muss. Das sind also schon 3-4 Jahre mehr, die man machen muss, um das Abitur zu erreichen. Verkauft wurde es einem natürlich so, dass man froh sein kann als Gehörlose/Schwerhörige überhaupt normales Abitur machen zu können. Wie sollte ich dankbar sein fürs Anpassen müssen, keine Gebärdensprache zu haben, so tun als ob man was versteht? Das macht doch krank und behindert erst recht die natürliche Entwicklung.

Es war sehr demotivierend drei Jahre länger in der Schule zu sitzen als alle anderen. Das ist ungerecht. Man wird klein gehalten, man ist nicht minder intelligent, nein, aber ich wurde demotiviert und sehr wütend. Natürlich half mir die Wut nichts, aber ich konnte damals nicht anders und so begann ich für meine Rechte und Bedürfnisse zu kämpfen. Ich war für die Lehrer bestimmt ein Dorn im Auge.
Ich war für Dolmetscher und Gebärdensprache im Unterricht. Ich fand es völlig verschwenderisch drei Jahre mehr zu sitzen, die man nicht mehr versteht. Meine Mutter und ich stellten einen Antrag, nachdem er dann erfolgreich bewilligt wurde, musste die Schule noch einverstanden sein. Die „Integrationsklasse“ war es nicht, man wollte es einfach nicht, weil der Zweig und seine Interesse technisch ausgerichtet war. Das heißt, wenn du Hörgeräte getragen hast oder ein CI (Cochlea Implantat) und dich schön angepasst hast, dann hat man ganz sicher sein Abitur gemacht. Ich musste gehen.

Gewechselt habe ich im Grunde aber, weil auf allen Förderschulen oder Sonderklassen nicht in Gebärdensprache unterrichtet wurde. Ich wollte Abitur machen, weil ich zuvor schon auf dem Gymnasium war und das schon so in meinem Kopf hatte. Wir fanden nur irgendwie keine richtige Schule für mich. Es fehlte immer etwas.
Das komische und paradoxe war aber, dass zuletzt eine private Schule, die keinerlei Ahnung von Gehörlosigkeit hatte, kein „Experten Wissen“, mich mit Dolmetschern genommen hat und es einfach versuchten. Im letzten Abiturjahr wurden die Dolmis allerdings nicht genehmigt. Das war so eine Schande vom Staat, furchtbar. Ich habe mir dann gesagt: egal, es sind nur 8 Monate, dann habe ich mein verdammtes Abitur, ein Blatt Papier, das einem bescheinigen mag, dass man nicht dumm ist. Ich versuchte es ohne, und habe dann auf eigene Faust mein externes Abitur abgelegt. Natürlich war es nicht einfach. Ich verstand in Mathe den Lehrer nicht, die Aufgaben waren zu schnell, der Stoff ging durch und ich kam nicht hinterher und musste fürs externe Abitur ja 8 Prüfungen ablegen statt den üblichen 4. Aber Kunst und Deutsch waren meine Stärken damit hab ich es doch geschafft. Und ich war froh, dass die Schule endlich vorbei war und ich das Kapitel abschließen konnte. An meiner letzten Prüfung, die so gut verlaufen war mit voller Punktzahl in Deutsch, war ich so glücklich, dass ich ne Drehung an der U Bahn-Stange gemacht habe.

Die schauen gar nicht auf die Bedürfnisse dieser Menschen. Diese ganzen Möchte-gern-Experten, gehen mir auf die Nerven. Was ihnen fehlt ist Menschlichkeit, sie wollen nur Macht über einem haben, wenn die Lobby dahinter steckt. Sie fragen nicht die Betroffenen nach ihren Bedürfnissen, sie wollen nur über einen bestimmen und meinen es besser zu wissen. Wie können sie es besser wissen, wenn sie selber gar nicht gehörlos sind? Nicht wissen, wie es sich anfühlt, wie die Dinge sich anhören mit Hörgerät oder Implantat, wie können sie überhaupt über unsere Köpfe hinweg entscheiden? Das ist eine Verletzung des Menschenrechts!

4. In Artikel 24, Absatz 4, der UN-Behindertenrechtskonvention heisst es: „Um zur Verwirklichung dieses Rechts beizutragen, treffen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen zur Einstellung von Lehrkräften, einschließlich solcher mit Behinderungen, die in Gebärdensprache oder Brailleschrift ausgebildet sind…“. Hattest du jemals einen Lehrer/eine Lehrerin, der/die selbst auch gehörlos war?

Clara: Ja, in der ersten Klasse hatte ich zwei gehörlose Lehrer, ich war sehr erstaunt damals, dass es gehörlose Lehrer gab.

Kassandra: Nein, in den Genuss bin ich nicht gekommen, damals gab es kaum oder keine gehörlosen Lehrer, da muss man sich erstmal fragen warum und warum es heute immer mehr werden und warum die Bildung besser ist, aber das liegt an der Gebärdensprache.
Die hatte man den Gehörlosen genommen und sie im Unterricht verboten. Das wissen die allerwenigsten. Klar, ist ja auch am Rande der Gesellschaft geschehen und keiner wusste was davon. Zuvor gab es schon Nonnen und andere Lehrer, die in Gebärdensprache unterrichtet haben. Wenn man Gehörlose privat gebärden sah, dachte man sie sind an einer solchen Schule, weil dort in Gebärdensprache unterrichtet wurde. Aber das war Irrtum, sie war dort verboten, die Lehrer haben fast nur oral unterrichtet – bis auf ein paar Geistliche vielleicht. Die Pfarrer waren oft die ersten die Gebärden konnten, sich damit beschäftigt haben, eben viel menschlicher waren. Vielleicht wussten sie: Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen und haben Gebärden gelernt.

Ich wurde von zwei Frauen in Gebärdensprache unterrichtet. Das waren sozusagen meine ersten gehörlosen Lehrer. Ich hatte später einen schwerhörigen Lehrer an der „Integrationsschule“, aber selbst da verlief der Unterricht oral. Tja..

5. Welche Sprache ist für dich die entscheidende – Lautsprache oder Gebärdensprache?

Mandy: Ich bin für die beiden (Lautsprache und Gebärdenspräche). Ich kommuniziere in Gebärdensprache mit den gehörlosen Leuten und Lautsprache mit hörenden Leuten, weil die hörenden Leute Gebärdensprache nicht können.

Clara: Ich würde sagen, dass ich mich nicht festlegen will. Bislang ist es nur ein Mischmasch von beiden.

Kassandra: Entscheidend für was? Wenn zum Verständnis z.B. in der Schule, in der Uni, bei Vorträgen, dann ist die Gebärdensprache absolut entscheidend, ohne geht es nicht und bekomme ich nichts mit oder nur ein paar Worte. Ich liebe trotzdem beide Sprachen, jede hat ihre Seiten und ihre Schönheit.
Die Gebärdensprache ist schön und sie ist wahrscheinlich einzigartig, weil visuell, aber ich liebe es ebenso zu schreiben und zu lesen und zu sprechen und singen, das stört mich auch nicht, weil ich es kann. Aber hören kann ich halt nicht und darum ist für die Kommunikation die Gebärdensprache wichtig. Für die Seelenbildung, die geistige Bildung, es ist völliger Schwachsinn, dass man glaubt jemand der nicht hört ist geistig nicht genauso fit wie ein Hörender. Man muss nur seine Sprache sprechen, um ihn zu erreichen.

6. Warst du zufrieden mit der Unterstützung im Gemeinsamen Unterricht? Wenn nicht, was bräuchten Sie für Unterstützung?

Clara: Ich bin halb zufrieden. Meistens wissen die Fachkräfte nicht, dass wir an der Förderschule alle auf einem sehr niedrigen Unterrichtniveau unterrichtet wurden, und sie sich dann wundern, wieso man nicht so richtig Fachwörter einsetzen kann. Was man auf der Förderschule gelernt hat, ist vieles falsch an der Regelschule.

Mandy: Ja, ich bin zufrieden mit der Unterstützung im Gemeinsamen Unterricht. Ich habe ja zwei Dolmetscher im Unterricht.

Kassandra: Nein, welche Unterstützung? Drei Jahre mehr, keine Gebärdensprache! Was war an einer Sonderschule besonders oder besser – außer, dass man seinesgleichen getroffen hat und mit ihnen gebärden konnte und sonst mit den Lehrern gestritten hat, warum Gebärdensprache gut ist. Man hat oft gemeinsam gelitten. Warum können Lehrende überhaupt eine solche Macht ausüben? Ich fürchte da steckt eine große Lobby dahinter. Ich frag mich schon, ob bestimmte Einrichtungen so finanziert wurden. Wo Geld ist, ist meist auch Macht. Die Gebärdensprache wurde sehr abgelehnt. Aber Unterstützung? Ich würde bei „Durchheben“ und „Streicheln“ nicht von Unterstützung reden. Sie helfen einem, wenn du schön Hörgeräte trägst oder ein Implantat hast, dann machst du ganz bestimmt auch dein Abitur, selbst wenn mein Deutsch besser ist als ihres. Ihnen wird geholfen, damit man am Schluss sagen kann: wegen der Technik haben sie das Abitur geschafft. Dank dem Hörgerät oder dem Implantat. Sie hätten uns besser mal gefragt und auf uns gehört. Sie hatten Ohren die funktionieren, aber hören wollten sie trotzdem nicht damit. Seltsam.. es hieß ja sonst man könne uns sonst nicht in die Gesellschaft integrieren. Was für begrenzte Vorstellungen!

7. Was sollten die Fachkräfte an Know-How mitbringen?

Kassandra: Dolmetscher sind wichtig, denn so viele Sonderpädagogen können nicht richtig gebärden und da ist ein Gebärdensprachdolmetscher doch allemal besser.  Sie sollten ohne Vorurteile erstmal da sein und die Menschen -ja auch die Gehörlosen- als Individuum sehen, denn jeder Mensch ist anders. Das sollten Gehörlose übrigens auch. Sie müssen noch viel Respekt lernen, aber wie sollten sie ihn auch lernen wenn niemand ihre Sprache konnte und sie sich quasi untereinander selbst erzogen haben und ihnen kein Respekt gezollt wurde? Leider hat das alte System sehr viel kaputt gemacht.

Ansonsten sollten Fachkräfte die Gehörlosen-Geschichte kennen, damit sie die Menschen oder die Entwicklungen dieser verstehen können. Und ganz wichtig: Gebärdensprache erlernen, fließend können! Oder wollen normale Schüler einen Lehrer der nur gebrochen Deutsch spricht? Wie sollen sie von ihm lernen? Der hätte nicht mal die Erlaubnis unterrichten zu dürfen.

Clara: Sie sollen ganz selbst sein, und sich nicht zwingen, aber fragen können sie grundsätzlich schon, was man braucht. Ich möchte wie jede normal behandelt werden.

8. Was braucht es, damit auch mit den hörenden Mitschüler/innen Kontakte und Freundschaften entstehen können?

Clara: Ich denke, dazu braucht man sehr viel Geduld. Ich bin ja nach der 10. Klasse in die Regelschulklasse gekommen, das heißt, dass ich nicht von klein auf mit ihnen in der Klasse bin, was vieles schwer macht. Wenn ich von klein auf an der Schule wäre, entstehen Freundschaften einfacher.

Kassandra: Überhaupt erstmal der Kontakt und die Offenheit sich gegenüber zu treten. Klar, Berührungsängste bestehen beiderseits, aber wenn man merkt es funktioniert miteinander und man lernt den anderen kennen und dass es einen Weg der Kommunikation gibt, dann lässt man sich auf ihn ein, dann entstehen Freundschaften – und die Möglichkeit für alle die Gebärdensprache erlernen zu können. In den USA gibt es viel mehr hörende Menschen die Gebärden können, nur so kann man die Gehörlosen dann in die Gesellschaft aufnehmen.

9. Auch wenn im inklusiven Unterricht für die gesamte Unterrichtszeit eine Gebärdensprachdolmetscher/in anwesend wäre, würde nicht trotz Inklusion ein Nebeneinander statt eines Miteinanders stattfinden? Denn ein direkter Austausch in Gruppenarbeiten oder auf dem Pausenhof ist doch immer von einem Dolmetscher abhängig, oder?

Kassandra: Ja, es wäre natürlich ein Nebeneinander, wenn immer ein Dolmetscher anwesend ist. Deshalb denke ich, Inklusion ist es erst dann, wenn das Kind selber mit seinen Mitschülern in der Pause kommunizieren kann und nicht alleine einsam rumsteht.
Deshalb schadet es nicht, wenn mehr Hörende Gebärdensprache erlernen, z.B. als zweite Fremdsprache.
Ich weiß, dass viele Gehörlose es nicht ausreichend finden, einfach einen Gebärdensprachdolmetscher in den Unterricht einer Regelschule zu tun. Sie wollen nicht nur eine „Übersetzung“, immer aus zweiter Hand alles erfahren. Sie wollen eine Schule, wo auch vielleicht der Lehrer gebärden kann (oder selbst gehörlos ist) und sie die Information direkt bekommen oder wo auch gehörlose Schüler in der Klasse sitzen und sie nicht die einzigen sind. Viele gehörlose Menschen kennen es nicht anders. Ich war froh mit Dolmetschern an der Regelschule. Aber viele brauchen das – unter Gehörlosen zu sein. Sie kennen es nur so aus Internaten usw. Das ist ihre Familie, weil hörenden Eltern sie weggegeben haben, fühlen sie sich dort oft gar nicht wirklich zu Hause.

Clara: Nein, wenn man Freunde gefunden hat, geht man meistens nach der Pause rauchen, und die lernen auch Gebärden. Meistens werde ich gefragt wie man jemanden in Gebärdensprache beschimpft. 🙂

Mandy: Wenn ich Dolmetscher brauche, bspw. bei der Gruppenarbeit oder auf dem Pausenhof, kommen die Dolmetscher mit, aber ich brauche öfter kein Dolmetscher, weil ich mich mit hörenden Freunden verstehe. Sie geben sich viel Mühe, damit ich es verstehe. Manchmal bringe ich ihnen Gebärdensprache bei.

10. Mit welchen Methoden können gehörlose Schülerinnen und Schülern an Regelschulen gefördert werden?

Clara: Ich weiß nicht, welche Methode hier nötig wäre.

Kassandra: Indem man Gebärdensprache in den Unterricht einführt, oder sie wie in einer Schule in L.A als zweite Fremdsprache einführt und man den Schüler ein Wissen vermittelt, was es bedeutet gehörlos zu sein, woher kommt es, warum ist die Gebärdensprache für uns so wichtig usw.

11. Wenn es eine bilinguale inklusive Schule gäbe, in der alle Lehrer/innen und Schüler/innen, ob gehörlos oder nicht, Gebärdensprache können würden bzw. dabei sind sie zu lernen, wären das dann paradiesische Zustände?

Kassandra: Ganz bestimmt! Es wäre sicher toll und würde dann ein normaler Zustand werden. Man würde voneinander lernen, miteinander, ich finde das gut!
Ja, das wäre endlich ein normales Leben. In Amerika gibt es die Gallaudet Universität. Dort müssen alle Dozenten und Studenten -egal ob gehörlos oder hörend- die Gebärdensprache beherrschen und es gibt auch eine Schule an der Gehörlose und Hörende gemeinsam unterrichtet werden. Es gibt auch eine bilinguale Schule. In Amerika gibt es das bereits. Deutschland ist langsam und hinkt sehr hinterher.

Ich verstehe überhaupt nicht, warum Deutschland sich nicht in gewissen Dingen ein Bespiel an anderen Ländern nimmt und es ebenfalls umsetzt. Dass etwas woanders weiter entwickelt ist, schadet doch nicht es zu übernehmen. Warum müssen wir erst alles selber durchmachen, um dann darauf zu kommen was es anderswo schon lange gibt. Amerika hat 100 % Untertitel im TV, wir nicht!
Ich weiß, dass viele Gehörlose gegen die Inklusion sind. Sie haben Angst vor der Veränderung und können es sich nicht vorstellen. Ich hätte nichts gegen Dolmetscher und dass Gebärdensprache auch als Fremdsprache angeboten würde wie in Amerika. Das wäre ein Riesen-Fortschritt. Und ich denke, dann würden sich die Gehörlosen auch mehr öffnen, wenn auch Hörende in ihrer Klasse sind und auch gebärden können.

Clara: Ja. ich würde das nach finnischem Vorbild gestalten wollen. Dort sind die Schulen wirklich ein Traum für alle. Ich hatte das Glück zwei Wochen ein Einblick davon zu bekommen, auch wenn ich gerne für 3 Monate dort geblieben wäre. Dort gestalten ein Lehrer in Lautsprache und ein Lehrer in Gebärdensprache den Unterricht, sodass man zwischen den Variante wählen kann.

12. Wenn die Deutsche Gebärdensprache in den Schulen gleichrangig mit „Fremdsprachen“ unterrichtet würde, hätte das auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. In welchen Bereichen profitieren Menschen mit Gehörlosigkeit, wenn viel mehr hörende Menschen die Deutsche Gebärdensprache können (bspw. Psychotherapeuten, im Service usw.)?

Clara: In der Medizin definitiv, sie können dann mehr verstehen, was das Problem ist an ihrer Gesundheit. Oder bei der Bahn, sie können dann besser beraten werden…

13. Habt ihr mehr Kontakt zu hörenden oder gehörlosen Gleichaltrigen oder spielt das eigentlich gar keine Rolle?

Clara: Ich denke, das spielt bei mir keine Rolle. Ich bin es gewohnt, dass ich mehr Kontakte zu Hörenden habe, und ich würde es mir immer wieder wünschen, dass ich mehr Kontakte zu den Hörenden habe, desto mehr habe ich Freunde die hören können, die aber nicht an meiner Schule sind.

Mandy: Das spielt keine Rolle. Ich mag die hörenden und die gehörlosen Leute. Wichtig ist, dass wir uns gut verstehen und gut kommunizieren.

Kassandra: Das ist ganz interessant, ich hatte früher nur Hörende Freunde, weil ich unter ihnen aufgewachsen bin. In der Pubertät kamen dann Gehörlose und Schwerhörige dazu. Das ist bis heute so geblieben. Ich habe hörende und gehörlose Freunde. Viele der Hörenden können nicht gebärden, nur wenige lernen es.
Ich habe beides, aber ich muss schon sagen: auf einer Party von Gehörlosen fühle ich mich wohl, weil ich unbeschwert mit ihnen plaudern kann. Bei Hörenden ist es vorher ein Gucken, ob es gut sein wird oder nicht. Habe ich eine Person oder mehre, die ich gut verstehe, dann klappt es. Wenn nicht, dann ist es eher anstrengend, für sie und für mich, denke ich. Wenn es nicht klappt, will ich eigentlich langsam heim, aber auch nicht unhöflich sein. Weil es ist immerhin ein Schritt ist eingeladen worden zu sein, ein Schritt, dass man in Berührung kommt und nicht ausgeschlossen ist.

14. Wir kommen zu der letzten Frage: Wenn ihr für die inklusive Bildung von gehörlosen Schülerinnen/Schülern alle Zeit, alle Macht und alles Geld der Welt hättet, wie sähe der Idealzustand, die perfekte Lösung außerhalb von finanziellen Zwängen aus?

Clara: Ich würde dann erst mal nach Finnland reisen und das finnische Schulmodell unter die Lupe nehmen und dann nach Deutschland zurück fahren und die Schulbildung revolutionieren, damit alle Schüler zwischen zwei Variante im Unterricht wählen können und ohne Zwang das lernen können, was sie möchten und nicht zur Konkurrenzbildung gezwängt werden…. Die Schüler können ohne Konkurrenzdruck mehr lernen.

Kassandra: Ich würde hörende und gehörlose Schüler bilingual in Gebärdensprache und Lautsprache unterrichten. Das heißt, der Lehrer ist entweder gehörlos, der zweite Dolmetscher unterrichtet in Lautsprache oder umgekehrt. Als Fremdsprache kann man die Gebärdensprache wählen, die Deutsche oder International Sign Language. Das heißt, jeder Schüler kann sich aussuchen ob er den Stoff gebärdet aufnimmt oder in Lautsprache oder beides. Oder mal so und mal so. Die Gehörlosen sind nicht ausgeschlossen, sondern mitten drin. Sie haben gehörlose Vorbilder. In den USA gibt es eine solche Schule und ich habe sie mir im Alter von 14 Jahren angesehen. Schon toll. Im Pausenhof standen die um mich rum und hatten all ihre Hände vor meinem Gesicht. Ich war positiv überfordert. Lach, aber es war schon toll.
Das ist für mich Inklusion, ich konnte mich mit ihnen unterhalten und gar nicht auseinander halten, wer hörend ist und wer gehörlos. Es war auch gar nicht mehr so wichtig. Die Kommunikation klappte und das war das wichtigste. Diese Schule wurde von einem Coda (Children of deaf adults), Carl Kirchner gegründet.

Das tolle an einem solchen Schulsystem ist, dass es ein wichtiger und erster Schritt für eine gemischte vielfältige Gesellschaft ist. Wie soll man die Gesellschaft später aneinander heranführen, wenn alle voneinander keine Ahnung haben? Es ist schon eine große Aufklärung. Sport und Tanzen soll man auch in den jungen Jahren anfangen, damit es sich gut entwickelt. Später können viel mehr Hörende, die von einer solchen Schule kommen, gebärden. Sie haben weniger Hemmungen, weniger Angst vor etwas Fremden, weil es ihnen nicht fremd ist. Sie haben Respekt, wissen das Gehörlose nicht dumm sind und vieles können, was sie vielleicht für unmöglich halten. Mit diesem Wissen werden viele vielleicht eher Gehörlose einstellen. Sie dürfen vielleicht auch Führungsaufgaben übernehmen. Sie lernen ihnen zu vertrauen, sie kennen, können mit ihnen kommunizieren und vieles mehr.

 

Vielen Dank an Clara, Kassandra und Mandy für das interessante Interview.

Zum Weiterlesen:

Gehörlose Kinder in der Regelschule – Leitfäden für DolmetscherInnen, LehrerInnen und Eltern. Sabine Voss, Karin Kestner: http://www.kestner.de/n/elternhilfe/verschiedenes/leitfaden-regelschule.htm

Hilfe für Eltern gehörloser Kinder: Bilinguale Frühförderung und Schulen. Karin Kestner: http://www.kestner.de/n/elternhilfe/elternhilfe-schulen.htm

Osnabrücker Zeitung: Ohne Gehör zum Abi in Lingen: Anne-Marie Gerdelmann: http://www.noz.de/lokales/lingen/artikel/591991/ohne-gehor-zum-abi-in-lingen-anne-marie-gerdelmann

BR/ARD alpha: Inklusion am Gymnasium Nicht ohne mein Mikrofon!: http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/campusmagazin/studium-inklusion-inklusive-abiklasse-giselagymnasium-100.html

Taube Mitschüler gesucht! Herausforderung Inklusion in der Schule: Wie gelingt das gemeinsame Lernen von gehörlosen und hörenden Kindern? Louisa Pethke: http://gehoerlosenzeitung.de/Leseproben/view/Taube-Mitschueler-gesucht/

Immer mehr gehörlose Kinder in den Regelschulen – trotz UN Konvention müssen viele Eltern nach wie vor prozessieren. Experten-Interview August 2015 mit Karin Kestner: http://www.deafservice.de/de/expert.php?mexp=64

Hamburger Abendblatt: Hamburg SPD und Grüne wollen Gebärdensprache als Schulfach: http://www.abendblatt.de/hamburg/article205430711/SPD-und-Gruene-wollen-Gebaerdensprache-als-Schulfach.html

Dieses Video zeigt: Wenn alle Kinder dieser Kindergartengruppe in einem US-Kindergarten Gebärdensprache lernen, braucht ein Kind gehörloser Eltern weder zu übersetzen noch die Gebärdensprache als „außen vor“ zu empfinden. https://www.youtube.com/watch?v=zQeygYqOn8g

Ein Kommentar

  • (1) Behinderte Kinder haben in Deutschland kaum eine Chance gehabt Inklusion zu machen!
    Welcher Flüchtling möchte ein Land betreten, dass ihm durch zig Medien zeigt, dass er unerwünscht ist?
    Welcher Politiker möchte Urlaub machen in ein Land, wo er nicht erwünscht ist?
    Eltern von behinderten Kindern erleben zum Thema Inklusion in den Medien meistens Unruhe. Wie sollen sich Eltern trauen ihre Kinder aus den Sonderschulen rauszuholen, wenn ihnen in den Medien gezeigt wird, dass sie in Schulen unerwünscht sind!
    Kaum ist in Deutschland Inklusion eingeführt worden, da konnte man schon zig Filme und Berichte in den Medien sehen, wo Pädagogen die Aufnahme behinderten Kindern in Regelschul ablehnen. 
    Fragen sollte man sich warum Inklusion in Deutschland nicht funktioniert!
    Inklusion funktioniert in Deutschland NICHT und das aus dem einen Grund! Es fehlt an Solidarität seitens der Politiker der CDU und AFD in deren Umsetzung!!!! 
    Viele Pädagogen in Schulen und in den Medien stellen sich gegen Inklusion!
    Aber, die UN Behindertenkonvention, ein Menschenrecht, kann nur in Kraft gesetzt werden wenn ALLE mitmachen. Dieser Zusammenhalt ist aber in Deutschland von Politiker der CDU und AFD nicht gegeben.
    Viele Pädagogen klagen, dass Deutschland nicht genug Pädagogen für diese Kinder hat. In Nordrhein Westfallen wurde Inklusion sogar aufs Eis gelegt. Bei den Landtagswahlen in Niedersachsen plädierte CDU ,MAL WIEDER, Inklusion aufs Eis zu legen!.Die Politiker der CDU tun alles um ein Menschenrecht aufs Eis zu legen ?Die Ressourcen für Inklusion soll in jedem Bundesland fehlen.

    Erinnern wir uns mal alle daran,als die Mauer in Deutschland fiel, wie die Schulsituation in Ostdeutschland war. Es fehlten auch da Tausende von Pädagogen, Die Schüler wurden von 12 auf 13 Schuljahren umgestellt. Pädagogen mussten alle Fortbildungen machen und sich dem neuem Schulsystem aus dem Westen anpassen.Da haben ALLE Politiker zu Solidarität aufgerufen Hat ein Politiker der CDU in die Welt geschrien“ die Integration der Bürger Ostdeutschlands ist gescheitert?“, so wie wir es bei Inklusion in den Medien erleben müssen?Auch da fehlte es an Ressourcen und Pädagogen!.Haben Politiker der CDU gerufen:Wir legen die Wiedervereinigung aufs Eis? Deutschland hat Milliarden darin investiert. Deutschland hat Stärke gezeigt!Politiker haben sich vorbildlich gezeigt und sogar zu einem Solidaritätszuschlag appelliert! wo ist dieser Solidaritätszuschlag für die behinderten Menschen in Deutschland?Wieso setzt sich die CDU nicht auch für behinderte Menschen ein?

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