Im Wartezimmer der Inklusion – zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung 2014

UNBRK 2014

Im Wartezimmer der Inklusion sitzen die unterschiedlichen Artikel der gerade etwas müde gewordenen UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland neulich ihren fünften Geburtstag feierte. Es ist ein bunter Haufen von Artikeln, die sich lautstark miteinander unterhalten.

Artikel 17, rechts neben dem Getränkeautomaten sitzend, meint, dass es endlich an der Zeit wäre Stellvertretung, Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung von Menschen mit Behinderungen zu beenden. Die Gesprächspartner Artikel 12 und 14 nicken heftig. Artikel 29 erklärt seinem Sitznachbarn wild gestikulierend, dass es nicht sein könne, dass in Deutschland bestimmte Menschen immer noch nicht wählen dürfen. „Wo kommen wir denn dahin, wenn Menschen, die unter Vollbetreuung stehen nicht wählen dürfen? Ganz zu schweigen von den Barrieren, die Menschen mit Behinderung bei der Ausübung ihres Wahlrechtes im Wege stehen.“
Ernst sitzen Artikel 16 und Artikel 6 beisammen und schauen aus dem Fenster. „Du kennst ja die Studie zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderung“ sagt Artikel 6 und fügt hinzu: „Es muss aufhören, dass Mädchen und Frauen mit Behinderungen in besonders hohem Ausmaß Opfer von Gewalt und Diskriminierungen werden.“ „Und zwar sofort“, ruft Artikel 17 vom Getränkeautomaten herüber.

Da fängt das Baby von Artikel 7 zu weinen an. „Ist ja gut“, sagt Artikel 7 liebevoll und gibt dem Artikelbaby die Flasche. „Ich weiß, dass auch in Deutschland noch nicht alle Kinder mit Behinderung die Möglichkeit haben gleichberechtigt teilzuhaben. Dafür sind noch weitere Anstrengungen möglich. Jugendfreizeiteinrichtungen, Vereine, Schulen oder Kinder- und Jugendparlamente sind noch nicht auf alle Kinder mit Behinderung eingestellt. Wir müssen wohl noch ein bisschen warten.“ Artikel 7 schunkelt das Artikelbaby durch das Wartezimmer und lächelt Artikel 9 zu.

Plötzlich geht die Tür des Wartezimmers auf. Wichtig stolziert Artikel 8 hinein und lässt sich auf einen freien Platz plumpsen. „Ich habe wirklich harte Arbeit hinter und vor mir. Auf meiner Reise habe ich Leute getroffen, die ein starkes Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen haben und vieles tun, um ihre Rechte und ihre Würde zu fördern. Aber ihr glaubt gar nicht, wie viel noch zu tun ist? Da gibt es auch eine ganze Reihe von Menschen, die keine Ahnung haben.“ Mit diesen Worten lehnt sich Artikel 8 an seinen Nachbarartikel, macht die Augen zu und fängt zu schnarchen an. „Der hat wirklich was hinter sich“, sagt Artikel 16.

„Aber manche Sachen laufen ganz gut“, meldet sich Artikel 1: „Ich meine zum Vergleich, was ich aus anderen Vertragsstaaten so höre.“ Daraufhin sagt Artikel 3: „Die Menschen hier versuchen viel zu bewegen. Die Zivilgesellschaft, Verbände, Organisationen und Einzelne stellen allerhand auf die Beine um Chancengleichheit, Nichtdiskriminierung und die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft von Menschen mit Behinderungen zu ermöglichen.“ Da schaut das Fakultativprotokoll von seiner Zeitung hervor und sagt: „Wartet mal ab, im Frühjahr 2015 prüft der UN-Überwachungsausschuss, ob Deutschland seine Hausaufgaben in Sachen Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gemacht hat. Positives wie Negatives wird dann aufgelistet.“ Mit diesen Worten vertieft sich das Fakultativprotokoll wieder in seine Zeitungslektüre.

Am Tisch mit den Illustrierten liefern sich unterschiedliche Artikel ein lautstarkes Wortgefecht. „1,6 Millionen Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer stoßen in Deutschland auf Barrieren!“, ruft Artikel 9. „Sofern sie nicht in eines der 11029 Heime gegen ihren Willen abgeschoben wurden und es eh kaum verlassen können“ fügt Artikel 19 hinzu. Artikel 9 nimmt eine Schluck Kaffee und sagt dann: „Über 3 Millionen Menschen können in Deutschland wegen ihrer Hör- oder Sehbehinderung die meisten Fernseh- und Kinosendungen nicht verstehen. Wie lange sollen die denn noch warten?“ Jetzt mischen sich Artikel 25 und Artikel 26 ein. „Barrierefreiheit nutzt denen gar nichts, wenn sie das benötiget Hilfsmittel nicht oder erst spät bewilligt bekommen, weil die Kostenträger sich streiten“, sagen Artikel 25 und 26 im Duett.
„Das ist gar nichts“, grölt Artikel 9 jetzt: „Wenn ihr wüsstest, dass viele Menschen mit Behinderung Transportmitteln, Informationen, öffentliche Einrichtungen und Dienste nicht nutzen können, weil sie nicht barrierefrei sind, dann weißt du, was richtig schief läuft.“

Jetzt mischt sich Artikel 27 ein, der lange Zeit mitgehört hat, und klagt: „Ich bin jetzt schon 5 Jahre mit dabei und wisst ihr was? Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Schwerbehinderung ist immer noch überproportional hoch.“ Daraufhin schalten sich auch die anderen Artikel ein und werfen ein, was bei Ihnen schief läuft. „Empörend“, ruft Artikel 28. „Und ich dachte Deutschland sei ein wohlhabendes Land“, jammert Artikel 30. „Die könnten Diskriminierungen wirklich wirksamer etwas entgegen setzen“, schnaubt Artikel 5. „Inklusion wäre nicht nur gerecht, sondern für alle von Vorteil“, brummt Artikel 9.

„Ihr müsst aber auch mal das Positive sehen. Viele bemühen sich, viele habe sich gerade erst auf dem Weg gemacht“, sagt Artikel 1 und fügt dann hinzu: „Aber ich gebe zu, dass dieses Warten bald ein Ende haben muss. Auch ich werde allmählich ungeduldig.“ Da fangen gleich die anderen Artikel an sich über das Warten im Wartezimmer der Inklusion zu beschweren.

„Ruhig, ruhig“, ruft Artikel 4: „Ihr habt alle Recht. Ich verstehe auch nicht, warum wir hier sitzen und warten. Erst Recht nicht, weil jeder 12. Deutsche im Laufe seines Lebens schwerbehindert wird. Und fast jeder zweite wird im Laufe seines Lebens pflegebedürftig. In Deutschland gibt es etwa 10% Menschen mit Behinderung. Aber auch  jeder einzelne Mensch mit Behinderung hat das Recht auf euch.“ Da nimmt das Fakultativprotokoll seine Brille ab und sagt heiser: „Richtig. Aber es gibt Menschen mit Behinderung deren Rechte nicht beachtet werden. Mir ist da so einiges zu hören gekommen. Ich werde mal gucken, was sich machen lässt. Nicht wahr Artikel 33?“ Artikel 33, der mit einem Fernglas aus dem Fenster schaut sagt: „Ja ja, dafür bin ich ja da.“

Nun hat sich die Präambel erhoben. Die Artikel stellen das Reden ein und lauschen. Die Präambel spricht: „Die Anerkennung der Würde und des Wertes wohnt in allen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft inne. Alle haben die gleichen und unveräußerlichen Rechte. Das ist die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.“ Lauter Beifall ertönt im Wartezimmer. Die einzelnen Artikel blicken begeistert zu ihrer Präambel herauf. Da tritt Artikel 24 schüchtern aus der Ecke hervor. „Du möchtest auch etwas sagen?“, fragt die Präambel und blickt auf Artikel 24 hinunter. „Ich will sagen“, beginnt Artikel 24: „…dass ich sehr traurig bin. Mir wurde gesagt ich sei wichtig. Mir wurde gesagt ‚ohne inklusive Bildung – keine inklusive Gesellschaft‘. Mir wurde gesagt, dass ich dafür da bin, dass Deutschland ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen gewährleistet. Dabei besuchen 75 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf immer noch die Förderschule. An den Grund- und Oberschulen wurden nicht genug angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen, obwohl ich als Artikel 24 dafür stehe. Kein Bundesland erfüllt die Kriterien für inklusive Bildung. Dabei kann ich sehr stark wirken, wenn man mich lässt. Die Menschen haben durch guten inklusiven Unterricht weniger Vorbehalte Menschen mit Behinderungen einzustellen. Die Menschen denken mehr an Barrierefreiheit, wenn sie Mitschüler mit Handicap haben. Die Menschen entwickeln durch mich ein größeres Verständnis für Vielfalt und Chancengleichheit.“

„Ich weiß, ich weiß“, seufz die Präambel und setzt sich wieder: „Da müssen wir wohl wieder etwas warten.“ Doch Artikel 24 denkt nicht daran. „Lasst uns alle raus gehen. Heute ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Lasst uns auf die Idee der Inklusion aufmerksam machen. Kommt!“ Artikel 24 zieht die etwas müderen Artikel aus den Wartesitzen hoch. Andere Artikel sind sofort begeistert. Vor allem Artikel 8 ist in seinem Element. „Na los los Leute. Vorwärts. Zeigen wir uns.“ Artikel 9, ist zwar immer noch mürrisch, hilft aber die einzelnen Artikel aus dem Wartezimmer zu schieben. Mit Artikel 24 an der Spitze marschieren sie die Straße hinunter und stellen sich den Menschen vor.

Mitwirkende:

Präambel
Artikel 1: Zweck
Artikel 3: Allgemeine Grundsätze
Artikel 4: Allgemeine Verpflichtungen
Artikel 5: Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung
Artikel 6: Frauen mit Behinderungen
Artikel 7: Kinder mit Behinderungen
Artikel 8: Bewusstseinsbildung
Artikel 9: Zugänglichkeit
Artikel 12: Gleiche Anerkennung vor dem Recht
Artikel 14: Freiheit und Sicherheit der Person
Artikel 16: Freiheit von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch
Artikel 17: Schutz der Unversehrtheit der Person
Artikel 19: Unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft
Artikel 24: Bildung
Artikel 25: Gesundheit
Artikel 26: Habilitation und Rehabilitation
Artikel 27: Arbeit und Beschäftigung
Artikel 28: Angemessener Lebensstandard und sozialer Schutz
Artikel 29: Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben
Artikel 30: Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport
Artikel 33: Innerstaatliche Durchführung und Überwachung
Fakultativprotokoll

Und alle anderen

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