„Inklusion ist aufwendig“

Manche Menschen sagen „Inklusion ist aufwendig“ und meinen damit „zu aufwendig, um sie umzusetzen“. Doch Aufwand braucht es aber immer, wenn wir Chancengleichheit, Demokratie und Menschenrechte leben und lernen wollen. Setzen wir Diskriminierungen, Machtunterschieden innerhalb von Lerngruppen und Vorurteilen nichts entgegen, dann haben wir vielleicht kurzfristig weniger Aufwand, dafür aber eine diskriminierende Pädagogik, von der nur die Kinder profitieren, die ohnehin schon privilegiert sind und durch den „Nicht-Aufwand“ kaum oder gar nicht tangiert werden.

Schule findet nicht losgelöst von Gesellschaft statt. Vielmehr bildet Schule die Gesellschaft ab, mit all ihren Bewertungen, Vorurteilen und Wertvorstellungen. Das Bild von Menschen mit Behinderungen war und ist immernoch negativ behaftet. Behinderung wird von vielen als etwas fremdes, „andersartiges“, manchmal faszinierendes, oft auch unheimliches wahrgenommen. Denn die allermeisten kannten zu ihrer Schulzeit keine Schulkameraden mit Behinderung. Das lag daran, dass Kinder mit Behinderungen zum Großteil auf Förderschulen geschickt werden, was ja heute immernoch der Fall ist. Vielleicht ist es so weniger aufwendig – aber für wen? Für die Lehrerinnen und Lehrer? Für die Kinder bestimmt nicht, denn ein Aufeinanderzugehen wird später immer schwieriger, als wenn Kinder von Anfang an gemeinsam spielen und lernen und Behinderung als ein Aspekt von Vielflat wahrnehmen. Gesellschaftlich mag es vielleiht einfach und unaufwendig sein, weiterhin Menschen aufgrund von Merkmalen zu trennen, Inklusion abzulehnen und Diskriminierungen zu akzeptieren, doch entspricht das noch unserem Demokratieverständnis? So gesehen wäre Monarchie, Absolutismus und Diktatur auch weniger aufwendig als sich im Bundestag wochenlang mit einem Thema auseinanderzusetzen, alle zu Wort kommen zu lassen und schließlich abzustimmen. Gerechtigikeit, Inklusion und Antidiskriminierung passieren eben nicht von alleine und brauchen Aufwand, ein Aufwand, der sich lohnt.

Und natürlich braucht es dafür auch Ressourcen. Fakt ist, wenn ich eine Suppe kochen will, brauche ich einen Kochtopf, einen Kochlöffel, evtl. Suppengrün, einen Herd, Gewürze usw. Bestimmte Zutaten bzw. Rahmenbedingungen braucht es auch für eine inklusive Schule, in der alle Kinder willkommen sind. Strategien, die Vorurteile und Diskriminierungen aller Art vermeiden, Konzepte gegen Rassismus und Homophobie, Barrierefreiheit auf allen Ebenen, ausreichend Personal, kleinere Klassengrößen, Räume und Material, ein Kollegium, das sich aktiv gegen Ausgrenzung und für Chancengleichheit einsetzt, all diese „Zutaten“ sind von einem unschätzbaren Wert, für jede/n einzelne/n Schülerin/Schüler, für die Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern, die Familien und für die gesamte Gesellschaft, für den Erhalt demokratischer Elemente und Menschenrechte und für Frieden, Toleranz und Akzeptanz. Denn: Aufwendig sind auch die Maßnahmen, die „Bildungsverlierer“ wieder eingliedern, die Bekämpfung von Jugenddelinquenz und -kriminalität, Projektarbeiten, die an den Rand gedrängte Jugendliche wieder in die Mitte zu holen versuchen, marginalisierte Menschen, die aufgrund institutioneller Diskriminierung im Bildungswesen auf soziale Transferleistungen angewiesen sind usw. Natürlich lösen inklusive Schulen nicht alle Probleme, doch sie tragen dazu bei, eine Vielzahl gar nicht erst entstehen zu lassen.

Was im Vorhinein nicht ausgegrenzt wird, muss hinterher nicht wieder eingegliedert werden“ (Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker).

Inklusion Stufen ©Inklusionsfakten

Ein Kommentar

  • Klasse.

    Danke Lisa Reimann, für diesen wichtigen, einprägsamen und kurzweiligen Text.

    Der Text ist geeignet, Augen zu öffnen (im sprichwörtlichen Sinn 😀 )… und definitiv dazu geeignet, um Barrieren in noch vielen Köpfen zu durchbrechen.

    Danke für Ihr Engagement.
    Ich werde versuchen, sie weiterhin mitzubekommen.

    Alles Gute,
    Alex Gehrau

    Ps: vielleicht gefällt Ihnen auch ein Blick in meinen Blog ALEX WILL BITE [www.alexkillbite.wordpress.com] in welchem es u.a. ein interessantes Interview mit der Punkband PERTTI KURIKAN NIMIPÄIVÄT (aus Finnland, waren vor kurzem sogar beim ‚European Song contest‘ dabei) nachzulesen gibt.

Mitdiskutieren

Sie können dieseHTML Schlagworte und Eigenschaften verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>