„Inklusion ist eine Belastung und Inklusion hat Grenzen“

Manche Menschen meinen, dass Inklusion auch eine Belastung sein kann, dass Inklusion Grenzen habe. Die Grenzen werden oft am „Schweregrad“ der Behinderung festgemacht.

Manche Menschen sagen auch Inklusion sei nicht für alle Kinder förderlich, vor allem „verhaltensauffällige“ Kinder hätten Probleme mit der Inklusion. Immer wieder hört man: „Inklusion ist gut, wenn sie funktioniert, dann ist sie das beste was es gibt.“ Gefolgt wird diese Aussagen häufig von dieser Einschränkung: „Es gibt Kinder bei denen es (die Inklusion) nicht funktioniert.“ Im Zusammenhang mit Gesundheit, Stress und Leistungsgesellschaft wird zunehmend erwähnt, dass Inklusion eine Belastung sein kann. Man könnte sich fragen: Meinen die das wirklich so oder steht dahinter die Angst vor einem Kind mit hohem Unterstützungsbedarf? Wird vielleicht sogar das Kind mit Behinderung selbst als Belastung empfunden? Inklusionsfakten meint, dass Inklusion nicht von einzelnen Kindern und „Diagnosen“ abhängig gemacht werden darf, sonst wird ein Menschenrecht „verschaukelt“. Inklusion ist keine Belastung, sondern ein menschenrechtlicher Anspruch. Was allerdings eine Belastung sein kann, sind die desolaten Bedingungen, die halbherzigen Bemühungen um Inklusion und die fehlende Bereitschaft inklusive Schulen ausreichend auszustatten (Fachpersonal, Räume, Materialien). Die Last liegt weder in der Inklusionidee selbst noch beim Kind mit Behinderungen. Belastend sind fehlende Hilfen, Vorurteile und Umfeldsysteme, die nicht inklusiv ausgerichtet sind.

Auch der Aussage Inklusion hätte Grenzen muss widersprochen werden. Das ist so als würde man sagen, Menschenrechte haben Grenzen, denn die inklusive Bildung ist menschenrechtlich verankert in Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention. Der Sinn von Menschenrechten ist, dass sie eben keine Grenzen haben. Nehmen wir ein anderes Menschenrecht, um zu verdeutlichen, das Menschenrechte universell sind, überall gelten, jedem Menschen „innenwohnen“, nicht veräußerlich sind und auch nicht teilbar sind. Nehmen wir das Recht auf körperliche Unversehrtheit bzw. das Recht auf Leben, Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Wie hört es sich an, wenn gesagt wird „also dass mit dem Recht auf Sicherheit ist ja schön und gut, aber hat eben Grenzen“ oder „das Recht auf Leben ist eben nicht etwas für jede Person“ oder „Freiheit ist gut, ist aber eben nichts für alle Menschen“. Das würden wohl viele absurd finden. Schade ist deshalb, dass „inklusive Bildung“ von vielen als „Zusatzangebot“ gesehen wird, nicht aber als flächendeckender und menschenrechtlich garantierter Standard für alle Schülerinnen/Schüler. Wenn es Grenzen gibt, dann im System selbst:

Ja, inklusive Bildung hat ihre Grenzen. Grenzen ergeben sich aus vorhandenen Strukturen, aus vorhandenen Einstellungen und aus vorhandenen Praktiken. Wie gesagt, inklusive Bildung trifft in Deutschland auf ein strukturell selektives Schulsystem. Daraus ergeben sich Grenzen. Diese Grenzen sind aber nicht unverrückbar. Es sind sozial konstruierte Grenzen, die man verändern bzw. verschieben kann“ (Prof. Rolf Werning, Bildungsklick 2015).

In der Kurzfassung zum Gutachten von Prof. Dr. Eibe Riedel „Zur Wirkung der internationalen Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und ihres Fakultativprotokolls auf das deutsche Schulsystem“ werden keine Grenzen, sondern Schranken benannt (Kurzfassung S.4).  Viele Menschen argumentieren im Zusammenhang mit Inklusion und Grenzen auch mit dem Kindeswohl (siehe auch hier). In dem Riedel-Gutachten heißt es:

Menschenrechte gelten nicht schrankenlos. Als Schranken kommen im Allgemeinen die Menschenrechte Dritter und anderes kollidierendes Völkerrecht in Frage. Der Grundsatz des Kindeswohls scheidet als Schranke des Rechts auf Bildung nach Art. 24 BRK in Verbindung mit Art. 13 Sozialpakt aus. Vielmehr findet das Kindeswohl in Art. 24 BRK gerade seinen Ausdruck. Eine Beschränkung aufgrund des kollidierenden Rechts Dritter auf Bildung ist nach dem Geiste der Konvention sehr restriktiv zu handhaben. Der Ressourcenvorbehalt kommt nur in Ausnahmefällen als Schranke in Betracht“ (vgl. S. 24 ff. des Gutachtens).

Inklusion verstösst nicht gegen die Menschenrechte Dritter. Inklusion schadet nicht dem Kindewohl, im Gegenteil. Inklusion erfordert Ressourcen, zu deren Bereitstellung sich der Vertragsstaat Deutschland mit Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet hat. Anstatt zu sagen, dass Inklusion Grenzen habe, dass Inklusion nichts, sei, bspw. für  „Verhaltensauffällige“, könnte man auch sagen: Es gibt Schulen und Behörden, die es einfach noch nicht drauf haben. Die Gründe dafür liegen nicht etwa im Kind, die Gründe dafür liegen bspw. beim Finanzministerium, was kein Geld ausgeben will, bei der Bildungsbehörde, bei der Lehrerausbildung, bei all denjenigen, die Stolpersteine nicht aus dem Weg räumen wollen.

2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, erst sechs Jahre später wird ganz langsam damit begonnen, inklusive Pädagogik und Didaktik im Studium und in Weiterbildungsmaßnahmen zu verankern. Auf das Zeitargument wurde von Inklusionsfakten übrigens auch hier ausführlich eingegangen. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention soll die inklusive Bildung die Regel werden. Der Besuch einer Förderschule soll also Ausnahme sein.

„Die getrennte Beschulung im Grundsatz scheidet angesichts der Existenz der BRK als legitimer Zweck aus“ (Riedel-Gutachten 2010, S.28).

Die Ansicht von Frau Prof. Theresia Degener, Mitglied des UN-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, zur inklusiven Bildung ist diese:

Theresia Degener formulierte diesen Eindruck in ihrer Frage, welche Auswirkungen die geplanten Modellprojekte zu inklusiver Bildung auf die Zukunft der Sonderschule haben würden, etwa deren Schließung. Sie betonte, dass die BRK einen sehr viel radikaleren Paradigmenwechsel verlange, als offenbar angenommen wird. So wie Artikel 12, 14 und 17 VN-BRK die radikale Abkehr von Stellvertretung, Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung verlange, so fordere Artikel 24 die radikale Abschaffung jeder Form von Segregation im Bildungssystem“ (Bericht aus Genf, Nr.6/2013, S.5., siehe Sechster Bericht aus Genf).

2015 fand die Staatenberichtsprüfung in Genf statt. Gerade in Sachen inklusiver Bildung zeigte sich der UN-Fachausschuss (CRPD-Ausschuss) besorgt. Denn immernoch besuchen insgesamt über 70 Prozent der Kinder mit Förderbedarf die Förderschule.

Anstatt den Fokus auf die Verantwortlichen zu richten, die Ressourcen zurückhalten, zu wenig Weiterbildung anbieten, die Gelder einsparen, die sagen „ich mache seit 30 Jahren meinen Unterricht so und will das nicht ändern“, wird der Blick, gerade in Zeitungsartikeln, auf die Kinder gerichtet, die ja so schwierig sind und bei denen Inklusion dann nicht ginge. Anstatt auf die Barrikaden zu gehen, weil es die Politik und die zuständigen Stellen nicht schaffen, Bedingungen für Kinder mit Förderbedarf herzustellen, wird eine neue 2-Klassen-Therorie geschaffen: „Inklusion geht, aber nicht bei allen Kindern“. Man sieht bei dieser menschenrechtsethisch völlig verwerflichen Argumentation jetzt schon den UN-Sonderbotschafter für Bildung den Kopf schütteln. Mit dieser Einteilung wird das Konzept Inklusion ad absurdum geführt, indem gesagt wird: Für manche Kinder ist es gut, für manche eben nicht. Inklusion spiegelt aber ein menschenrechtliches Anliegen wieder. Menschenrechte sind unmittelbar mit dem Gleichheitsgedanken verknüpft. Das heißt, dass alle das gleiche Recht auf bspw. eine gute inklusive Schulbildung haben. Ein Kind mit so genannten „Verhaltensauffälligkeiten“ oder hohem Untersützngsbedarf muss hier in Deutschland, nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention, gleichberechtigt mit anderen Kindern in einer Regelklasse lernen können. Die notwendige Unterstützung muss vorhanden sein.

Es ist mit Unterzeichnung dieses Menschenrechtsdokumentes nicht mehr möglich, dass bestimmte Gruppen nur noch Ihresgleichen verkehren und andere diskriminierte Gruppen durch separate Institutionen von sich fern halten, mit dem Argument, sie seien dort besser aufgehoben. Wenn es Probleme mit einem Kind in der Klasse gibt, müssen sie gelöst werden. Und zwar nicht durch einen Schulwechsel, sondern mit entsprechenden Maßnahmen in der Schule. Das fördert auch ein angsfreies Klima, da Kinder keine Sorge haben müssen, die Schule zu wechseln, da sie den scheinbaren Ansprüchen nicht genügen. Alle haben das Recht gut lernen zu können. Dazu braucht es genügend Fachpersonal, Teilungsräume, inklusive Didaktik, Rückzugsräume (bspw. Schulinseln), eine enge Zusammenarbeit mit anderen Institutionen (Jugendamt usw.), Elternarbeit und Unterstützung von außen (bspw. Supersvision). Diese Ressourcen werden aber nicht hinreichend gestellt. Dafür kann aber ein einzlenes Kind nichts. Die ganze Inklusionsdebatte scheint sich zu einem Machtkampf zu entwickeln. Es geht um Macht bestimmter privilegierter Gruppen, es geht um die Macht des Geldes, es geht um die Macht von Professionen und Institutionen und es geht um die Macht, gewisse Unterordnungsstrukturen beizubehalten. Siehe dazu auch den Aufsatz von Hans Wocken „Über Widersacher der Inklusion und ihre Gegenreden“ (2010, Bundeszentrale für politische Bildung).

Trennende Schulen, trennende Vorstellungen ©Inklusionsfakten