„Inklusion ist eine Illusion“

Viele Best-Practice-Beispiele, Schulversuche und der Blick ins Ausland (bspw. auf PISA-Spitzenreiterländer wie Kanada oder Finnland) zeigen genau das Gegenteil. Dass inklusive Bildung bzw. der Gemeinsame Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülerinnen und Schülern erfolgreich gelingen kann, ist auch wissenschaftlich mehrfach belegt (siehe auch Gegenargumente zu der Aussage “Wir brauchen erst Konzepte und empirische Befunde”). Inklusion und Leistung schließen sich nicht aus – im Gegenteil.

Inklusion ist also keine Illusion. Eine Illusion ist das Warten auf die „paradiesischen Zustände“, auf optimalste Bedingungen. Richtig ist, dass inklusive Bildung Rahmenbedingungen braucht. Die benötigten räumlichen, sächlichen und personellen Ressourcen müssen zur Verfügung stehen. So steht auch in Artikel 24, Abs. 2 d) der UN-Behindertenrechtskonvention. Deutschland hat die Pflicht, Bedingungen zu schaffen, so dass „Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern.“

Die von Forscherinnen/Forschern ausgewerteten Schulversuche zum Gemeinsamen Unterricht zeigen, welche Rahmenbedingungen nötig sind (Muth, Kniel und Topsch: Materialband „Schulversuche zur Integration behinderter Kinder in den allgemeinen Unterricht“ 1976). Zur Geschichte der schulischen Integration wird folgender Text von Irmtraud Schnell empfohlen: „Wir haben damals übermorgen angefangen – sind wir schon im Heute gelandet?“. Dabei braucht es nicht immer und überall die gleichen Bedingungen. Wichtig sind in jedem Fall Fort- und Weiterbildungen. So lernen Lehrerinnen/Lehrer Formen der inneren Differenzierung, inklusive Didaktik und individualisierte Lernformen kennen. Denn ohne dieses Wissen nutzen auch kleinere Klassen nichts. Das Fundament inklusiven Unterrichtens bildet die Haltung. Es muss Möglichkeiten geben inklusive Prozesse zu reflektieren und eine inklusive Haltung zu entwicklen. Denn wer mit jungen Menschen arbeitet, bringt -bewusst oder unbewusst- immer auch seine eigenen Prägungen, Positionen und Vorstellungen mit ein.

Stimmen die Bedingungen, dezimiert sich auch die Kritik an der Inklusionsidee, da diese an sich für viele Menschen die gerechtere, diskriminierungsfreiere, menschenrechtliche und soziale Variante des Lernens in der Schule darstellt. Schon 1973 schrieb der Integrationsskeptiker Ulrich Bleidick:

Wir wissen heute, welche Nachteile Sonderbeschulung mit ihren Separierungstendenzen hat: negative Selektion, Stigmatisierung, geringe Bildungsqualifikation und Verstoß gegen die Chancengleichheit im Bildungswesen“ (Bleidick 1973, S. 38: Die Entwicklung und Differenzierung des Sonderschulwesens von 1898 bis 1973 im Spiegel des Verbandes Deutscher Sonderschulen. In: ZfHP 24 (1973) 10, 824-845).

Inklusion ist keine Illusion. Damit gute Bedingungen für inklusive Bildung geschaffen werden, braucht es Anstrengungen und finanzielle, räumliche, sächlichen und personellen Ressourcen. Doch auch wenn das eine oder andere fehlt, setzen engagierte Lehrerinnen/Lehrer jeden Tag inklusive Bildung um und halten Inklusion nach wie vor für richtig und wichtig. Oft lassen sich auch pragmatische Zwischenlösungen finden. Zu Zeiten der Schulversuche gab es auch nicht immer für jede Situation eine Fachkraft. Hier gilt es zu improvisieren, denn auf  “paradiesische Zustände”warten, heisst inklusive Bildung aufzuschieben.

Viele sind von der Idee der Inklusion überzeugt, sie kritisieren nicht die Idee der Inklusion, sie kritisieren die Bedingungen in der Praxis. Die Vorgaben und das Ziel einer flächendeckenden inklusiven Bildung sind nicht nur menschenrechtlich gefordert, sondern entsprechen auch den Werten einer solidarischen und demokratischen Gesellschaft. Kinder mit und ohne Behinderung habend das Recht gemeinsam zu lernen. Die notwenige Unterstützung muss ihnen gewährt werden. Jetzt. So schreibt es Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention vor. Leider fehlt manchmal es genau an dieser Unterstützung. Der US-amerikanischer Psychologe Julian Rappaport sagte einmal: „Rechte ohne Ressourcen zu besitzen ist ein grausamer Scherz!“.

Inklusion keine Illusion ©Inklusionsfakten

Die gleichberechtigte Teilhabe, faire Bildungschancen und die Anerkennung und Wertschätzung von Vielfalt ist für eine inklusive und demokratische Gesellschaft elementar. Dafür braucht es gerade im Bildungsbereich mehr Ressourcen, die durch die Schließung von Förderzentren und eine Erhöhung der Bildungsausgaben gefördert werden können. Und diese Ressourcen könnten unmittelbar als Sofortprogramm und nicht erst in ein paar Jahren bereit gestellt werden (siehe auch Gegenargumete zur Aussage „Inklusion braucht Zeit“), sofern politischer Wille vorhanden ist. Was anfänglich nach hohen Kosten aussieht, wird langfristig die kostengünstigere Variante sein (Siehe auch Gegenargumente zur Aussage „Inklusiver Unterricht kostet mehr“). Denn durch mehr Bildungsgerechtigkeit, wird es auch weniger Schülerinnen/Schüler ohne Schulabschluss und so weniger Empfängerinnen/-Empfänger von Sozialleistungen und weniger Werkstattmitarbeiter/-innen geben. Inklusion ist der richtige Weg. Falsch ist das Einsparen von benötigten Ressourcen. Anders ausgedrückt: Inklusion ist arm, aber sexy.

INKLUSIONSFAKTEN.DE

Inklusion ist keine Illusion, die man ignorieren kann,
sondern eine demokratische Grundhaltung, die erlebbar gemacht werden muss“ (Lisa Reimann).

2 Kommentare

  • Was kommt eigentlich nach der Inklusionsschule?

    Glaubt man wirklich, man könne die Masse der behinderten Inklusionsschüler, nach Abschluss der Schule auch in den Arbeitsmarkt integrieren? Das sich die Arbeitgeber um diese Schüler nun reißen, da sie nicht mehr mit dem Abschlusszeugnis der Sonderschule vorsprechen müssen?

    Ich bin gespannt.

    Grundsätzlich denke ich, es wäre deutlich effizienter, Förderschulen auszubauen und vor allen Dingen bessere, viel bessere Arbeitsmöglichkeiten für behinderte Menschen zu schaffen und die Entlohnung an die der „gesunden“ Menschen anzupassen.

    Mit freundlichen Grüßen!

    • Ich bin als Behinderte in eine Regelschule gegangen, habe das Abi gemacht, i.wie studiert und jetzt arbeite ich im europaeischen Ausland.

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