„Inklusion ist Gleichmacherei“

Bei einer inklusiven Schule für alle Kinder geht es nicht um Gleichmacherei, sondern um gleiche Rechte. Inklusiver Unterricht und inklusive Pädagogik ist das genaue Gegenteil von Gleichmacherei und Rasenmäher-Pädagogik. Jedes Kind soll chancengleich lernen können. Hochbegabte Kinder werden ebenso individuell und gut gefördert wie Kinder mit Lernschwierigkeiten. Inklusive Bildung ist alles andere als leistungsfeindlich. Die Leistungsheterogenität in einer Klasse in kein Hindernis für gute Leistungen. Bei der inklusiven Bildung geht es darum alle Kinder mit all ihren Vielfaltsmerkmalen (Herkunft, Geschlecht, Familienmodell, Religion/Weltanschauung, Einkommen der Eltern usw.) anzuerknennen und diese Vielfalt zu berücksichtigen. Dafür braucht es einen differenzsensiblen Umgang mit Unterschieden, der Verschiedenheit nicht ignoriert, sondern diese wahrnimmt ohne die Unterschiede zu bewerten und Hierarchien zu fördern. Dabei sollen auch die Gemeinsamkeiten der Kinder betont werden. Jedes Kind soll nach seinen individuellen Lernvorraussetzungen lernen können.  Ein Kind, deren Eltern sich gerade scheiden lassen, ist vielleicht verunsichert und lernt daher in dieser Phase langsamer und braucht einen engeren Kontakt zur Lehrperon. Ein anderes Kind lernt sehr schnell, ist sehr wissbegierig und braucht, damit ihm nicht langweilig wird, schneller neue Lernherausforderungen als Mitschüler/-innen. „Inklusion ist lernen ohne Gleichschritt“ – so drückt es Prof. Dr. Thomas Trautmann aus (Interview mit Prof. Dr. Trautheim Inklusiver bei „ganztägig lernen“). Unterricht ist anspruchsvoll und nimmt auf die Ausgangslage aller Schülerinnen/Schüler Rücksicht. Es gibt unterschiedliche Lernziele – das gilt für Schülerinnen/Schüler mit UND ohne sonderpädagogischen Förderbedarf.

Ein Kind mit so genannter „geistiger Behinderung“ wird wohl eher kein Abitur machen. Darum geht es bei der inklusiven Bildung auch nicht. Kinder mit Behinderungen haben ein Recht gleichberechtigt mit nichtbehinderten Kindern die gleiche Schule zu besuchen. Es geht darum strukturelle Menschenrechtsverletzungen und institutionelle Diskriminierung abzubauen. Denn:

Sondereinrichtungen für Behinderte sind keine Schonräume sondern Apartheid“ (Theresia Degener 2013, Rede Pride Parade Berlin).

Inklusive Pädagogik hat nichts mit Gleichmacherei zu tun. Inklusive Pädagogik und inklusive Bildung stärken die Anerkennung von Vielfalt und treten für Demokratie und Menschenrechte ein.

Inklusive Bildung ist der Schlüssel dafür, dass Menschen mit Behinderungen wirksam an einer freien Gesellschaft teilhaben können. Sie ist der Raum, in dem alle Menschen ihre Fähigkeiten, ihr Selbstwertgefühl und das Bewusstsein ihrer eigenen Würde entwickeln können. Sie trägt deshalb wesentlich dazu bei, dass Menschen mit Behinderungen ihr Potential voll entfalten können. Sie legt zugleich die Grundlage für eine Kultur der Menschenrechte in einer Gesellschaft, indem sie die Achtung der menschlichen Vielfalt durch alle stärkt und die Anerkennung des anderen Menschen als eines Gleichen vermittelt. Sie fördert damit den „Geist der Brüderlichkeit“, wie ihn Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als Grundlage jeder menschlichen Gesellschaft fordert.
Das Recht auf inklusive Bildung kann nur in einem inklusiven System verwirklicht werden. Deshalb macht die UN-Behindertenrechtskonvention den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems zu einem verbindlichen Ziel. Es gilt für alle Sparten der Bildung – und eben auch und gerade für den Bereich der schulischen Bildung. Denn Schule bildet Zukunft – ohne inklusive Bildung in der Schule wird es keine inklusive Gesellschaft geben“ (Dr. Valentin Aichele, Prof. Dr. Beate Rudolf: Vorabfassung der Studie Inklusive Bildung: Schulgesetze auf dem Prüfstand, Dr. Sven Mißling und Oliver Ückert, Deutsches Insitut für Menschenrechte, 2014, Vorwort S.3).

Das Ziel von der Pädagogik der Vielfalt und der inklusiven Pädagogik ist Chancengleichheit. Es geht darum, dass alle die gleichen Chancen haben und das gleiche Recht auf Teilhabe. Es geht um die gleichen Rechte und um die Anerkennung von Vielfalt – nicht um Gleichmacherei. Prof. Annedore Prengel prägte dafür den Begriff „egalitäre Differenz“.

Die Prinzipien von Gleichheit und Verschiedenheit sind unauflöslich miteinander verbunden, beide bedingen einander. Gleichheit ohne Differenz wäre Gleichschaltung, und Differenz ohne Gleichheit wäre Hierarchie. So einsichtig dieser Zusammenhang ist, so schwierig ist es doch, gedanklich seine Komplexität aufrechtzuerhalten und diese nicht einseitig aufzulösen. Die Denkfigur der egalitären Differenz bringt den genannten Zusammenhang präzise auf den Begriff. Sie stellt nichts als ein anderes Wortspiel für das dar, was den Kern der Menschenrechtsidee ausmacht: Die gleiche Freiheit, die allen Menschen zukommt! Das Wertschätzen von Vielfalt ist nichts anderes als das Wertschätzen von Freiheit.
Heterogenität zeichnet sich durch ihre Unbestimmbarkeit aus. Dabei geht es gerade nicht darum, Menschen auf eine Identität festzulegen, beispielsweise als behindert, als Ausländer, als Migrant, als Mädchen oder als Junge. Es geht vielmehr um das Ideal, jedem Kind die Möglichkeit zuzugestehen, einen eigenen Lernweg sowie einen eigenen Lebensentwurf zu suchen (Annedore Prengel Vortrag: Wie viel Unterschiedlichkeit passt in eine Kita? Theoretische Grundlagen einer inklusiven Praxis in der
Frühpädagogik, 2010, S. 6)

Statt Gleichmacherei geht es darum binäre Denkstrukturen abzubauen und in dem Schüler/der Schülerin das Individuum mit seinen unterschiedlichen Idenitätsaspekten anzuerkennen. Die Perspektive „Das ist unser I-Kind mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen“ wird durch eine breitere Perspektive abgelöst, die die unterschiedlichen Vielfaltsmerkmale (Geschlecht, Hautfarbe, Familie, Sprache, Herkunft usw.) eines Kindes anerkennt. Das ermöglicht einen ganz anderen Zugang, als wenn Schülerinnen/Schüler mit einem Etikett versehen werden. Inklusive Bildung ist keine Gleichmacherei und ihre Befürworter keine Spinner:

Wer sich für eine nichtaussondernde schulische Förderung seines Kindes einsetzt, ist kein verschrobener, weltfremder Spinner, sondern kann sich auf eine Vielzahl von internationalen Deklarationen berufen. So heißt es z.B. in der Erklärung der UNESCO (Salamanca 1994):’Wir fordern alle Regierungen dringend dazu auf, … das Prinzip Erziehung ohne Aussonderung auf rechtlicher oder politischer Ebene anzuerkennen. …diese [Kinder] mit Sondererziehungsbedürfnissen müssen Zugang zur Regelschule haben und dort eine am Kind orientierte Pädagogik erfahren… Regelschulen mit einer solchen integrativen Orientierung sind das wirksamste Mittel, um diskriminierende Haltungen zu bekämpfen, offene Gemeinschaften zu schaffen, eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung aufzubauen und Erziehung für alle zu verwirklichen; darüber hinaus bieten sie der Mehrheit der Kinder eine wirksame Erziehung und verbessern die Effizienz und letztlich die Kosteneffektivität des gesamten Erziehungssystems. … Der tiefste Grund für Lernschwierigkeiten liegt im Schulsystem selber‘“ (Manfred Rosenberger 1998a, S. 28-30, Nichtaussondernde schulische Förderung von Kindern mit Beeinträchtigungen).

Büroklammern ©Inklusionsfakten

Ein Kommentar

  • Die Praxis in den Schulen sieht nicht so rosarot aus.
    Es gibt zu wenig Geld: es gibt zu wenig Fachleute……die Räumlichkeiten sind nicht geeignet…um differenziert arbeiten zu können…u.v.am.
    Schüler, Lehrer, Eltern….und wer da noch eine Rolle spielt….sind überfordert und kommen an ihre Grenzen….Fehlzeiten sind das Resultat…..
    Schüler, die in der Regelschule untergehen….landen in der Klinik…..nachdem sie alleine gelassen wurden….oder gehen zurück auf die Lernhilfeschule, um dann den Hauptschulabschluss in einer überschaubaren Lerngruppe machen zu können.
    Wer strickt optimale Schulen mit optimalen Lernbedingungen für die Vielen…die hintenrunterfallen???
    Ich träume auch von Inklusion….Leben und Lernen auf Augenhöhe erfahre auch ich nicht.
    Klar, ohne Visionen passiert nichts.
    Aber Hinschauen und erkennen und dann handeln….wenn ich Handlungszeug habe….wenn ich ein soziales Umfeld habe ….ob in Schule oder Gesellschaft….
    leider ist das nicht die Realität.
    Und ich lebe jetzt und hier in diesem Land….ich will nicht auf der Strecke bleiben…mein Kinder auch nicht….auch die Alten…viele andere könnte ich noch aufzählen.
    nun mache ich mal einen Punkt…….
    gutes Gelingen
    Roswitha Heidenreich

Mitdiskutieren

Sie können dieseHTML Schlagworte und Eigenschaften verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>