Inklusion ist kein Monster

zurzeit gibt es viele Artikel im Internet und in den Zeitungen, die Inklusion als Monster darstellen. Aussagen wie „die Inklusion ist gescheitert“ oder „Inklusion ist nicht zu schaffen“ oder „Inklusion – ein Armutszeugnis“ oder einfach „Irrsinn“ stellen das Menschenrecht auf inklusive Bildung als eine Maßnahme dar, die Kindern geradezu Gewalt antut. Oftmals wird das Beenden der Inklusion gefordert und/oder zum dringenden Erhalt der Förderschulen aufgerufen. Oder Inklusion wird am „Behinderungsgrad“ festgemacht, an einer (paradoxerweise) „Inklusionsfähigkeit“ oder  eben auf die lange Bank geschoben, indem das „Augenmaßargument“ gerangeführt wird. Der Logikfehler, die jahrzehntelange Aussonderung und Menschenrechtsverletzung oder die Aufklärung, dass Inklusion gar kein Monster ist, werden dabei nicht thematisiert.

Ja, es ist richtig den Finger in die Wunde zu legen. Es ist richtig die Missstände aufzuzeigen und sich zu empören. Es ist richtig mehr Ressourcen zu fordern und klar zu machen, dass die Klassen zu groß sind, die Sonderpädagogen fehlen und die Räume nicht ausgestattet sind. Es ist auch gut einen Film zu drehen, Artikel zu schreiben und Disussionen zu führen und zu so zeigen, dass inklusive Bildung Rahmenbedingungen braucht. Es ist nur sehr einseitig, verkürzt und traurig, wenn es bei diesem Fingerzeig bleibt.

Der Logikfehler: Es heisst, Inklusion läuft schlecht. Deshalb braucht es Förderschulen. Sowohl Bildungsforscher als auch die Monitoring-Stelle beim Deutschen Institut für Menschenrechte meinen genau deshalb müssen Förderschulen aufgelöst werden:

Das Festhalten an einer Doppelstruktur behindert den im Vertragsstaat erforderlichen Transformationsprozess, in dessen Zuge die vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen der sonderpädagogischen Förderung in die allgemeine Schule verlagert werden könnten“ (Parallelbericht Montioring-Stelle 2015, S27).

Auch der UN-Fachausschuss (CRPD-Ausschuss) meint: „Es gibt große Sorgen zur Implementierung des Artikels 24 in ihrem Land“ … „Es scheint, dass prioritär in Förderschulen investiert wird – zu Lasten der inklusiven Bildung“ (siehe auch: Abschließende Bemerkungen).

Die Beauftragte der Bundesreigerung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Verena Bentele, findet, dass sich Deutschland keine Doppelstrukturen leisten sollte – „Förderschulen weiter wie bisher zu finanzieren, wird nicht dazu beitragen, dass Menschen mit Behinderung in inklusiven Schulen gleichwertige Lernbedingungen haben wie Schülerinnen und Schüler ohne Behinderung“ (Bentele 2015).

Zudem gibt es viele Missstände an den Schulen – unabhängig von Inklusion. Doch scheinen sich zur Zeit alle auf die Inklusion zu konzentrieren und sie als Ursache für alles Scheiternde zu sehen. Die Herausforderungen, Widerstände und auch Probleme, die bei Veränderungen wie der Inklusion entstehen, sollen damit keinesfalls kleingeredet werden. Ja, es braucht kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung. Ja, 26 Kinder, davon 5 mit (diagnostizierten) Förderbedarf (weitere werden folgen), im sozialen Brennpunkt, mit nur einer Lehrerin und viel zu wenig Sonderpädagogikstunden, fehlenden Integrationshelfern/innen (weil die Behörden mal wieder streiten, wer sie zu bezahlen hat), in einem viel zu kleinen Klassenzimmer, das differenziertes Lernen kaum möglich macht, ist ein riesengroßes Problem für alle Seiten. Und die Inklusion hat keine Schuld daran. Die Verantwortung trägt die Politik. Wir brauchen eigentlich gar nicht weiter zu diskutieren, wenn wir nicht auch über Bildungsausgaben reden. Deutschland steht was Bildungsausgaben und den Vergleich mit anderen OECD-Staaten angeht, ziemlich peinlich da.

Es heißt die notwendigen Voraussetzungen für die Inklusion seien nicht geschaffen worden. Doch sie hätten längst geschaffen werden können, seit 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft. Lehrer/innen hätten schon längst fortgebildet, Förderschulen längst geschlossen und Ressourcen längst bereit gestellt werden müssen. Wer jetzt sagt, Inklusion braucht Zeit oder „nicht so schnell“ oder „wir brauchen erst Befunde„, der/die verkennt die menschenrechtliche Position der Inklusion. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention haben Kinder mit Behinderungen das Recht auf inklusive Bildung und angemessene Untersützung. Alles andere ist Diskrimnierung.

Lernen Kinder mit unterschiedlichen Bedarfen zusammen, braucht es Veränderungen. Vor allem personelle Ressourcen sind wichtig, um allen Kindern gerecht zu werden. Aber mehr Personal ist nicht alles (auch hier gilt es zu differenzieren, siehe hier). Es wird viel zu oft darüber hinweggesehen, dass in den allermeisten Fällen in den scheiternden Inklusionsklassen vor allem die Pädagogik schlecht ist. Für alle Kinder. Auf die Haltung kommt es an. Inklusive Pädagogik braucht vor allem Erwachsene, die bereit sind gesellschaftliche Kategorien und Konstruktionen zu hinterfragen und das Bildungsangebot so auszurichten, dass alle teilhaben können. Ohne inklusive Haltung nutzen auch all die Ressourcen nichts.

Die Inklusion soll für alles Negative herhalten? Die Klassenzimmer waren vorher auch zu klein und die Klassen zu groß. Differenziertes Lernen ist so oder so (ob mit oder ohne Inklusion) wichtig. Und die Kinder, die Schwierigkeiten bereiten, gab es vorher auch, nur hatten sie früher noch nicht das Etikett „sonderpädagogischer Förderbedarf“ (die Zahlen zeigen ganz eindeutig, dass die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zunimmt, ohne dass die Anzahl der Kinder an den Förderschulen geringer wird. Es werden einfach mehr Kinder etikettiert). Es tropft von der Decke in der Turnhalle, der Sportplatz ist unbenutzbar und die Toiletten sehen aus…..Es gibt so viel, was im Bildungssystem schief läuft. Als Sündenbock scheint nun die Inklusion herhalten zu müssen. Ja, Kinder mit besonderen Bedürfnissen brauchen Untersützung und wenn diese fehlt, können sie nicht gleichberechtigt teilnehmen und das ist diskriminierend.

Ein Bildungssystem, das mehr und mehr Verlierer produziert, die Kinder trennt als wären sie geistig genormt und keine Aufstiegschancen bietet, stattdessen ein ewiges Verweilen in der jeweiligen „sozialen Schicht“ fördert, wird nicht kritisiert. Auch die negativen Folgen der Nicht-Inklusion für den einzelnen Menschen und die ganze Gesellschaft (wenn man schon volkswirtschaftlich argumentiert) werden kaum erwähnt. Dabei ist Inklusion auch wirtschaftlich das Sinnvollste, was man tun kann. Alles was man jetzt investiert, bekommt man später zurück. Es bräuchte weniger „Werkstätten für Menschen mit Behinderungen“, da mit der inklusiven Bildung die Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt steigen (zum Thema Finanzen und Inklusion geht’s hier lang).

Best-Prectice-Beispiele oder Beispiele, die zeigen wie und wo Inklusion gut läuft, werden in der Debatten kaum beschrieben. Dabei gibt es viele Schulen, die seit Jahren oder Jahrzehnten Inklusion als festen Bestandteil im Schulprofil fixiert haben und sie auch erfolgreich leben, z.B. die Regine Hildebrandt Schule in Birkenwerder, das Geschwister-Scholl Gymnasium in Pulheim, die Grund- und Mittelschule Thalmässing, die Saaleschule Halle/Saale… Diese Schulen sind sehr unterschiedliche Schulen, mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Entwicklungen. Die Schulen, die den Jakob Muth Preis erhalten haben, zeigen: Gute Inklusion ist möglich und Realität (hier geht’s zu den Preisträgern und hier speziel zu den Gymnasien, die zieldifferente Inklusion anbieten, Liste befindet sich am Ende des Beitrags).

Die Aussonderung:

Inklusion in der Praxis wird in den meisten Artikeln geradezu verteufelt, gerna auch als „Falle“ bezeichnet. Best-Practice-Beispiele werden nicht genannt (na schön, vielleicht das brave Kind im Rollstuhl). Ein Blick auf die schädlichen Nebenwirkungen des Sonderschulbesuches bleibt aus. Und das ist der Knackpunkt. Während viele sich über die Inklusion empören, empört sich niemand darüber, dass es Sonderschulen überhaupt noch gibt. Kaum einer greift das gegliederte Schulwesen an. Die Studien, die ,mehrfach zeigen, dass die Einteilung in Gymnasium, Real- und Hauptschule, Schülerinnen/Schüler, die nicht zu den Privilegierten der Gesellschaft gehören, massiv benachteiligt, werden nicht benannt. Wissenschaftliche Befunde, die zeigen, dass je länger ein Kind die Förderschule besucht, desto niedriger wird sein IQ, werden nicht thematisiert. Untersuchen, die zeigen, dass das Selbstkonzept der Kinder an Förderschulen durch den Ausschluss leidet, bleiben unerwähnt. Über Inklusion als Maßstab einer demokratischen Gesellschaft fällt kaum ein Wort und noch viel weniger erfolgt ein historischer Blick auf eine Zeit, in der Aussonderung zum Tod von mehreren Tausend Menschen mit Behinderungen führte. Der Zusammenhang, dass inklusive Bildung auch verhindert, dass das, was im Nationalsozialismus passierte sich wiederholen kann, wird nicht gesehen. Doch ist es genau das, was nach Theodor Adorno oberste Ziel der Erziehung sein müsste: Auschwitz darf sich nicht wiederholen. Und dafür brauchen wir eine Schule, in der alle Kinder -unabhängige ihrer Merkmale- willkommen sind, wo wir Verschiedenheit kennen lernen und wo auffallen würde, wenn David, Oskar oder Rieke plötzlich nicht mehr kommen. Inklusive Bildung und vor allem die inklusive Pädagogik verhindert Vorurteile und setzt Diskriminierung und Ausschluss konkret etwas entgegen: Alle sind an dieser Schule willkommen. Alle, auch wenn du dich anders verhälst, siehst, läufst, sprichst usw. als ich. Auch wenn du einen anderen Geschmack hast, andere Geschlechter liebst als ich, woanders herkommst und eine andere Anzahl an Münzen im Sparschwein hast.

Die Menschenrechtsverletzung:

Ja, es läuft nicht gut. Es läuft mancherorts sogar richtig schlecht. Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention fordert ja nicht nur, dass alle Kinder mit Behinderung das Recht auf inklusive Bildung haben, sondern auch, dass sie die Unterstützung erhalten, die sie zur gleichberechtigten Teilhabe benötigen. Und diese Unterstützung fehlt oft. In den Artikeln über „die gescheiterte Inklusion“ wird häufig die UN-Behindertenrechtskonvention angeführt, die Deutschland unterzeichnet hat und jetzt umgesetzt werden müsse. Warum und was sich die vielen Vertreterinnen und Vertreter mit Behinderungen der UNO bei der Entstehung der Konvention gedacht haben, wird selten erwähnt. Überhaupt kommen erwachsene Menschen mit Behinderungen, die die derzeitige Alternative, das Förderschulsystem, durchlaufen haben, kaum zu Wort. Es heisst, Inklusion „MÜSSE“ umgesetzt werden und das klingt so als wäre es schade, dass Deutschland jetzt auch Menschenrechte für Kinder mit Behinderungen umsetzen muss. Wir haben Werte wie Gleichberechtigung in unserer Verfassung und in den Menschenrechten fixiert. Der Glaube Kinder mit Behinderungen lernen an Förderschulen besser, ist ein Irrglaube (hier gehts zum Faktencheck). Die Studienlage ist eindeutig, sie kann eindeutiger nicht sein. Das ist keine linke Ideologie oder Sozialromantik, sondern Wissenschaft. Die Gleichberechtigung kann nur durch gleiche Chancen an einer inklusiven Schule gelingen. Es braucht kein ausdifferenziertes Förderschulsystem. Das Elternwahlrecht lässt sich nicht aus der UN-Behindertenrechtskonvention ableiten und ist auch nicht vorgesehen, denn es geht um das Inklusionsrecht des Kindes. Das ist wahrlich ein strittiger Punkt, den der Leiter der Monitoring-Stelle so beschreibt

Die Kinder, gleich ob mit oder ohne Behinderung, haben ein Recht auf inklusive Bildung. Das muss der Staat einlösen. Die Kinder haben aber nach der Behindertenrechtskonvention kein Recht auf Sonderschule. Gegen ein Elternrecht spricht, dass die menschenrechtliche Verantwortung, ein Systemwechsel hin zur Inklusion zu betreiben, einem „Elternwillen“ überantwortet wird. Das halten wir für problematisch“ (Valentin Aichele, Interview News4teachers 2016).:

Es bräuchte in einem inklusiven Schulsystem gar kein Elternwahlrecht hinsichtlich der Schulform. Der zuständige UN-Fachausschuss spricht sich in seinem Kommentar zu Artikel 24 eindeutig für den Ausbau eines inklusiven Schulsystems DURCH den Abbau von Förderschulen aus. Wer ruft „die Förderschulen müssen aber alle erhalten bleiben“ kann nicht ernsthaft für Inklusion sein.

Inklusion ist kein Monster:

Wenn es um die Bildung der Kinder geht sind viele Gefühle und Vorurteile im Spiel. Zur Zeit ist es die Angst vor Inklusion. Die Angst, dass das eigene Kind schlechter lernen kann. Die Angst vor Überforderung. Manchmal ist es auch die Angst vor Vielfalt und Behinderung.

Inklusion ist kein Monster. Das eigentliche Monster sitzt woanders. Das Monster heisst Aussonderung. Aussonderung durch ein trennendes Schulsystem.

Die Politik trägt die Verantwortung für die Ausstattung. Inklusion braucht vor allem eine inklusive Haltung. Dafür kann jede/r einzelne etwas tun. Wenn Inklusion schlecht läuft, muss es besser werden. Lasst uns für bessere Bedingungen kämpfen und Inklusion nicht länger als Sündenbock für eine verfehlte Schulpolitik darstellen.

Der eigentliche Irrsinn, der eigentliche Skandal, das eigentlich monsterhafte ist, dass Kinder mit Behinderungen jahrzehntelang zum Besuch von Sonderschulen gezwungen wurde. Auch heute besuchen deutschlandweit die meisten Kinder mit Förderbedarf die Sonderschule. Die bezeichnet niemand als Irrsinn, als Armutszeignis, als Monster. Und das, obwohl so viele Studien zeigen, dass diese Schulfrom an den Kindern Schaden anrichtet. Und nicht nur die Kinder, die durch den Besuche der Förderschule viel weniger lernen, viel weniger Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und weniger Selbstbewusstsein, nehmen Schaden, die ganze Gesellschaft nimmt Schaden, wenn Menschen aufgrund eines Merkmals ausgesondet werden und eine „besonder Schule“ besuchen – eine Förderschule, die nicht fördert. In was für einer Gesellschaft leben wir, in der gute Bedingungen für Inklusion verweigert werden und gleichzeitg der Erhalt der Förderschulen propagiert wird? Was macht es mit uns allen, wenn überall gesagt wird, Inklusion funktioniert nicht, obwohl so viele Menschen erfolgreich von inklusiver Bildung profitieren? Welches Gefühl muss ein Kind mit Förderbedarf haben, das die Botschaft erfährt:

„Wegen dir brauchen wir mehr Ressourcen, die kriegen wir nicht, deshalb musst du weg.“

Alle, die Artikel über Inklusion schreiben, lesen oder Poliker/innen sind: Hört auf Inklusion als Monster darzustellen. Das Monster sitzt da, wo die Ressourcen verweigert werden, da, wo Inklusion nicht gewollt ist, da, wo man denkt: „Alles soll so bleiben wie es ist. Kinder mit Behinderungen haben hier nix zu suchen.

Inklusion ist ein Menschenrecht und viele Kinder (ob mit oder ohne diagnostizierten Förderbedarf) brauchen mehr Untersützung beim Lernen. Dafür braucht es kleinere Klassen, mehr Personal, eine bessere Ausstattung, mehr Flexibilität der einzelnen Schule. Der US-amerikanischer Psychologe Julian Rappaport meint im Zusammenhang mit Inklusion: „Rechte ohne Ressourcen zu besitzen ist ein grausamer Scherz!“ 

Inklusion ist kein Monster. Das Monster heisst Aussonderung. Aussonderung durch ein trennendes Schulsystem.

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„Die Schulen sind nicht ausgestattet für Kinder mit Behinderung“

Bundesländer aus dem Mustopf?! 

Es muss mehr passieren: Ein Beitrag, der zu mehr Ressourcen und Entwicklungsmaßnahmen aufruft, damit die Gründe, warum Inklusion an der einen Schule gerade nicht geht, nichtig werden.

Das Bildungsüberraschungsei: Damit inklusive Bildung kein Überraschungsei mit bösen Überraschungen ist, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und keinen Spielzeugschnellbausatz, der nach einer Woche im Müll landet.

Inklusive Bildung verstehen: Wieso, Weshalb, warum?
Im folgenden Beitrag wir dem Leser/der Leserin eine kleine Einführung in das Thema „inklusive Bildung“ gegeben und wichtige W-Fragen werden beantwortet.

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