Inklusion ist kein Projekt

Immer wieder berichten Zeitungen von Projekten, bei denen Schülerinnen/Schüler einer Förderschule auf Schülerinnen/Schüler der allgemeinen Schule treffen. Das kann ein gemeinsames Sportfest, eine länger angelegtes Stadterkundungsprojekt oder ein Theaterprojekt sein. Stolz werden diese Projekte als „gelebte Inklusion“ dargestellt. Das ist vielleicht gut gemeint, doch es ist schlecht gemacht und hat nichts mit „gelebter Inklusion“ zu tun.

Das Recht auf inklusive Bildung kommt in solchen Projekten jedenfalls nicht zum Ausdruck. Projekte sind zeitlich begrenzt. Inklusion ist aber ein menschenrechtlich verbriefter Anspruch – und es wäre fatal, wenn dieser nach einer Zeit abläuft. Zudem kann auch das pädagogische Ziel solcher Projekte in Frage gestellt werden. Sicher meinen es die Beteiligten gut, wenn sie Begegnung zwischen behinderten und nichtbehinderten Kindern ermöglichen. Doch welche Botschaft wird den Kindern tatsächlich gesendet, wenn Schülerinnen/Schüler der Förderschule und der allgemeinen Schule gemeinsam ein Projekt umsetzen, aber danach wieder getrennte Wege gehen? Erstens werden den Kindern so gleich die vorherrschenden Kategorien vermittelt: „behindert“ und „nichtbehindert“. Zweitens lernen sie, dass diese Kategorien dringend nötog sind, schließich gibt es ja extra für sie geschaffene Schulformen. Für die Beteiligten ist es also nur ein kurzer Ausflug in eine heterogene, pluralistische Welt, der nach einer Zeit endet. Dann gehen Kinder mit Behinderungen wieder schön brav in „ihre“, für sie vorgesehende Schule. Die Kinder lernen, dass Identitäten durch Kategorien und getrennte Schulformen zuzementiert werden. Die Kinder lernen, dass es Unterschiede gibt, die getrennte Schulformen erfordern. Die Kinder nehmen auch gesellschaftliche Bewertungen wahr und wissen, welche Schulform höher bewertet wird. Das trennende System und der menschenrechtliche Anspruch auf Gleichberechtigung auf allen Ebenen werden nicht thematisiert.

Solche Projekte gehören in die 80er Jahre, als sich die Ignoranz vieler „Nichtbehinderter“ in Arroganz verwandelte. „Schaut mal, wir spielen auch mit Behinderten“. Man konnte sich gut fühlen damit. Für privilegierte Menschen in unserer Gesellschaft ist es leicht sich gut zu fühlen.

Kinder mit Behinderungen sind aber nicht zum „Gutfühlen“ da. Sie haben Rechte. Die UN-Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen formuliert ihr Recht auf inklusive und gleichberechtigte Bildung an der allgemeinen Schule. Denn Förderschulen benachteiligen. Die Kinder lernen weniger und werden sozial abgehängt. Schließlich führen die getrennten Welten dazu, dass ein Aufeinanderzugehen später kaum mehr möglich ist. Deswegen will der UN-Fachausschuss, dass Deutschland seine Förderschulen endlich abbaut.

Inklusion spiegelt sich nicht in irgendwelchen Projekten wieder, sondern wird im Alltag gelebt. Inklusion ist nicht zeitlich begrenzt. Inklusion ist nicht ein temporäres Aufeinanderzugehen zweier als Kategorien zusammengefasster Gruppen. Inklusion heißt die Vielfalt unserer Gesellschaft durch gleichberechtigte Teilhabe und ohne Sonderwelten zu erfahren. Jeden Tag. Lasst uns diese kurzen Ausflüge durch Projekte beenden und endlich eine Schule für alle realisieren. Dann gibt es ganz automatisch diese Begegnungen und zwar ohne dass sich eine Gruppe als „anders“, „behindert“ oder „nicht zugehörig“ fühlen muss.

Begegnung ©Inklusionsfakten.de

Ein Kommentar

  • Vielen Dank für dieses Statement!
    Ich möchte es eigentlich nur noch deutlicher sagen (oder irgendwie wiederholen):
    Über Schule hinaus muss Vielfalt Gesellschaft machen. Projekte gehören ins letzte Jahrtausend.. Heute – und oben drauf noch als „nachhaltig“ bezeichnet – erlebe ich gut gemeinte Ideen in der Regel als überflüssig, absurd oder gar kontraproduktiv. Selbst gut gemacht, ändert sich wenig. Ich weiß nicht, wie wir auf diese Weise wirklich weiterkommen wollen…. S. Bruck, Hannover

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