„Inklusion bezieht sich allein auf Kinder mit und Kinder ohne Behinderung“

Inklusion ist mehr als das gemeinsame Spielen und Lernen von Schülerinnen/Schülern mit und ohne Behinderung. Inklusion bedeutet Einschluss, Enthalten-Sein und bezieht sich auf alle Vielfaltsmerkmale in der Gesellschaft: Behinderung, Geschlecht, Herkunft, Religion/Weltanschauung, sexuelle Orientierung, Gewicht, Hautfarbe, politische Einstellung, sozialer Status, Überzeugungen, Haarlängen, Altersgruppen, Nationalitäten, Körpergrößen, Geschmäcker usw.. Inklusion bezieht sich auf alle Lebensbereiche und Altersstufen.

Während bei der Integration eine konstruierte „Minderheit“ in eine bereits vorhandene „Mehrheit“ eingegliedert bzw. dazu geholt wird, wird bei der Inklusion Vielfalt zum Normalfall. Die Teilhabe wird von Anfang an garantiert. Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Antidiskriminierung stellen die Teilhabe sicher. Dazu gehört ein barrierefreies Umfeld ebenso wie eine Willkommenskultur der Institutionen.

Mit der UN-Behindertenrechtskonvention wird vor allem das Merkmal Behinderung in den Fokus der Inklusionsbemühungen genommen. Denn gerade Kindern mit Behinderungen bzw. Förderbedarf werden durch das Sonderschulwesen Bildungschancen genommen und die Integration in die Gesellschaft erschwert. Auch das Selbstkonzept wird durch den Förderschulbesuch beschädigt (siehe Schumann). Der Glaube, Kinder mit Behinderung würden sich, wenn sie unter sich sind, besser entwickeln ist ein Irrglaube, wie zahlreiche Studien belegen (siehe Argument 1). Aber auch Kinder mit anderen Merkmalen werden in unserem selektiven Schulsystem benachteiligt. Kinder aus sozial benachteiligten Familien, Kinder mit so genannten Migrationshintergrund und sogar Kinder mit bestimmten Vornamen (siehe: Julia Kube, Masterarbeit: Vornamensforschung, Universität Oldenburg oder Spiegel Online 2009) müssen mit Ungerechtigkeiten rechnen. Große Bildungsstudien haben gezeigt, dass Kinder mit einem so genannten Migrationshintergrund oder Kinder aus Familien mit wenig Einkommen institutionelle Diskriminierung erfahren und durch unser Schulsystem massiv benachteiligt werden (z.B. hier). Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für Bildung Vernor Muñoz
hat 2006 diese Diskriminierung im deutschen Schlusystem kritisiert (Bericht des Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung, Vernor Munoz „Umsetzung der UN-Resolution 60/251“ des Rates für Menschenrechte vom 15.3.2006). Vor allem die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems kann als ein Faktor für Ungleichbehandlung ausgemacht werden. Inklusion stellt die Systemfrage.

Auch wenn Inklusion zurzeit vor allem im Zusammenhang mit dem Gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen diskutiert wird, meint Inklusion mehr. Inklusion möchte in der Praxis das permanente Denken in zwei Gruppen (behindert-nichtbehindert, deutscher Herkunft, nichtdeutscher Herkunft usw.) abbauen und mehr das einzelne Kind mit seiner ganzen Individualität in den Blick nehmen.

Inklusion in Bildungseinrichtungen steht für einen Perspektivwechsel: Nicht das Kind muss sich der Einrichtung anpassen, sondern die Einrichtung muss Bedingungen herstellen, die allen Kinder gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen. Die Antidiskriminierung ist der aktive und konkrete Leitgedanke der Inklusion. Das bedeutet, dass sich Schulen fragen müssen, wann und wo ihre Bildungsangebote zu einseitig ausgerichtet sind und somit Lernvoraussetzungen und Bedürfnisse bestimmter Kinder nicht oder zu wenig wahrgenommen werden. Inklusion bedeutet auch eine Vielfalt an Bildungsmaterialien und Wegen, wie Kindern etwas beigebracht wird. Denn nicht nur die Vielfaltsmerkmale der Kinder unterscheiden sich, auch die Lerntypen und somit die Art, wie jemand am besten lernt. Wird ein Unterricht nach dem Motto „One size fits all“/ „eine Größe für alle“ gestaltet, bleiben manche Kinder auf der Strecke. Ihre Lernvoraussetzungen und ihre individuellen Ausgangslagen werden ausgeblendet. Inklusion im Unterricht bedeutet, dass ich unterschiedliche Zugänge zum Thema anbiete. Manche Kinder lernen schnell und brauchen schon bald eine neue Aufgabe, um sich nicht zu langweilen. Manche Kinder können sich nicht selbst bewegen, nicht sprechen, nicht sehen – sie brauchen Bildungsangebote, die ihre Sinne anregen. Wieder andere Kinder lernen langsamer und brauchen etwas mehr Zeit. Viele Kinder profitieren in der Gruppenarbeit von den unterschiedlichen Anregungen der Mitschüler.

Eine inklusive Schule setzt sich außerhalb und innerhalb des Unterrichtes für Nichtaussonderung und Antidiskriminierung ein (Tipps dazu siehe unten). Sie bekämpft antisemitische, rassistische, sexistische, islamophobe, homophobe und frauenfeindliche Vorurteile ebenso wie Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung. Inklusive Pädagogik stärkt die Identität aller Kinder, indem sie die unterschiedlichen Identitätsaspekte aufgreift und nicht ausblendet. Das heißt, dass in den Unterrichtsmaterialien auch Kinder mit Behinderungen vorkommen, die Helden sind oder Kinder mit unterschiedlichen Hautfarben oder Kinder aus Regenbogenfamilien. Wenn die Schulen Bücher und Filme zeigen, in denen auch Menschen vorkommen, die „schwarz“, „behindert“ oder „homosexuell“ sind (und das auch als Hauptfiguren) dann trägt das zur Inklusion bei. Wenn Lehrerinnen und Lehrer sich bemühen, dafür zu sorgen, dass alle Kinder in der Schule so sein dürfen, wie sie sind und Wertschätzung erfahren, dann fördert das Inklusion. Wenn Kinder einen vorurteilssensiblen Umgang mit der Welt lernen und dabei Ungerechtigkeiten erkennen und anprangern bzw. dagegen vorgehen, dann trägt das zu einer inklusiven Gesellschaft bei. Wenn alle Vielfaltsmerkmale akzeptiert sind und nicht ausgeblendet werden, dann wird Inklusion unterstützt.

der Schlüssel ©Inklusionsfakten

Tipps:

Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. „Schau Hin!“ oder: Fünf eindeutige Hinweise dafür, dass Rassismus Thema an Ihrer Schule ist. http://neu.isdonline.de/schau-hin-oder-funf-eindeutige-hinweise-dafur-dass-rassismus-thema-an-ihrer-schule-ist/

„Analyse eines Kinderliedes, dass alljährlich in deutschen Grundschulen gesungen wird und die „Kleinen“ – ganz spielerisch – an Alltagsrassismus heranführt.“ https://www.freie-radios.net/41017

Wie Vielfalt Schule machen kann. Handreichungen zur Arbeit mit dem Anti-Bias Ansatz an Grundschulen. Fipp e.V.: http://www.fippev.de/t3/index.php?id=541

Bundeszentrale für politische Aufklärung: Themenblätter für die Grundschule. Grundrechte. Mädchen und Jungen sind gleichberechtigt. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2002. (spielerische Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen). Online: http://www.bpb.de/shop/lernen/thema-im-unterricht/36955/grundrechte-maedchen-und-jungen-sind-gleichberechtigt

Röper, Ursula/Hockenjos, Ruthild (Hrsg.): Geschlechterrollen vor dem Hintergrund unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen. Bonn: Bundeszentrale für politische Bil-dung, 2007 (enthalten sind Themen, Arbeitsblätter und weitere Materialien für die Arbeit mit Kindern/Jugendlichen). 4,50€: http://www.bpb.de/shop/lernen/themen-und-materialien/37228/geschlechterrollen-vor-dem-hintergrund-unterschiedlicher-religionen-und-weltanschauungen

Bundeszentrale für politische Bildung: Entscheidung im Unterricht Nr. 01/2011: Coming-out im Klassenzimmer: http://www.bpb.de/shop/lernen/entscheidung-im-unterricht/

Broschürenquartett: Wie Sie vielfältige Lebensweisen in Ihrer Schule unterstützen können, Handreichung „Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Teil 3: „Schwule Sau!“, „Du Transe!“, „Kampflesbe!“ – Was tun bei Beschimpfungen und diskriminierenden Äußerungen? Materialien von Queerformat: http://www.queerformat.de/schule/publikationen-und-materialien/

Unterrichtsmaterial zur sexuellen Vielfalt: http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/unterrichtsmaterial.html und http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/sexuelle_vielfalt.html

Vielfalt und Gleichwürdigkeit. Orientierungen für die pädagogische Praxis. Europäischesd Netzwerk DECET – Diversity in Early Childhood Education and Training (Hrsg.) 2007. Deutsche Version: Anke Krause, Katrin Macha und Regine Schallenberg-Diekmann. Download der deutschen Fassung hier: http://www.inakindergarten.de/publikationen/

Alte Feuerwache e.V. / Jugendbildungsstätte Kaubstraße (Hrsg.): Methodenhandbuch zum Thema Antiziganismus für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. Link: https://www.jugendhilfeportal.de/db2/materialien/eintrag/methodenhandbuch-antiziganismus/

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