Inklusive Bildung verstehen: Wieso, Weshalb, warum?

Inklusive Bildung für Einsteiger. Im folgenden Beitrag wir dem Leser/der Leserin eine kleine Einführung in das Thema „inklusive Bildung“ gegeben.

Aus dem Geschichtsbuch von Inklusionsfakten

1975, lang vor dem Mauerfall, gab es die erste staatliche Schule im deutschsprachigen Raum, die Kinder mit Behinderung aufnahm, Konzepte erarbeitete, ausprobierte und umsetzte sowie sich wissenschaftlich begleiten lies (Fläming Grundschule, Berlin Schöneberg). Anfänglich waren die Vorbehalte groß: „Ein Kind mit schwerer Mehrfachbehinderung im Unterricht – kann es dort überhaupt gefördert werden?“, „Werden die anderen Kinder nicht beim Lernen gestört?“ und „Wie soll das eigentlich funktionieren?“ waren Fragen, auf denen rasch Antworten gefunden wurden – zum großen Teilen von den Kindern im Schulversuch selbst. Die Kinder entwickelten sich sehr gut, sowohl was das Lernniveau betraf als auch was die soziale Entwicklung anging. Diese eine einzige Integrationsklasse pro Jahrgang an dieser einen einzigen integrativen Schule damals war so beliebt, dass längst nicht alle Kinder mit und ohne Behinderung dort einen Platz fanden, obwohl die Eltern ihr Kind unbedingt in die Integrationsklasse geben wollten. Die niedrige Klassenfrequenz (18 Kinder, davon drei mit Förderbedarf), das 2-Pädagogensystem (es waren immer zwei Erwachsene im Raum), die individuelle Förderung -von der überdurchschnittlich leistungsstarke Kinder ebenso profitierten wie Kinder mit Lernschwierigkeiten-, das angenehme Klassenklima, die gegenseitige Akzeptanz und Rücksichtnahme, die die Kinder lernten, machten die Integrationsklasse zu einem absoluten „Verkaufsschlager“. Auch die Forschung zeigte, wie erfolgreich das Lernen in Integrationsklassen verläuft. Kinder ohne Behinderung lernen genauso gut wie in Regelklassen. Das Sozialverhalten wird gefördert, Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung entstehen gar nicht erst. Es dauerte nicht lange und weitere Schulversuche folgten, die ebenfalls von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begleitet und ausgewertet wurden (Siehe auch: Irene Demmer-Dieckmann: Forschungsergebnisse_GU).

Mit der Einrichtung weiterer so genannter Integrationsklassen (Klassen, in denen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen) entstanden praxiserprobte Konzepte und Methoden, die einen guten didaktischen, pädagogischen und organisatorischen Rahmen bildeten. Viele Bücher wurden geschrieben, Arbeitskreise gegründet und auf Erfahrungen aufgebaut. Sie erläutern die Untersuchungsergebnisse und stellen dar, welche Rahmenbedingungen der Gemeinsame Unterricht braucht. Gleichzeitig entstanden erste Forschungen (Tent u.a. 1991), die zeigten, wie Förderschulen die Entwicklung der Kinder beeinträchtigen und belegen die Ineffizienz der Schule für Lernbehinderte.

Diese Ergebnisse sind mittlerweile mehrere Jahrzehnte alt. Für die Beteiligten der Schulversuche haben sich die Vorbehalte und die viele Fragen aufgelöst. Das war in den 70er und 80er Jahren. Dennoch fragen heute noch viele Leute, ob Inklusion überhaupt sinnvoll sei. Sie hatten selbst oft keine Möglichkeiten inklusive Settings im Bildungsbereich zu erleben. Das liegt vor allem daran, dass trotz des Erfolges und trotz der positiven Forschungsergebnisse für den Gemeinsamen Unterricht, ein tief verwurzeltes Unbehagen gegenüber Inklusion, damals Integration, vorhanden ist. Manchmal geht es dabei um Vorurteile und Unwissenheit. Manchmal geht es schlicht um Macht und um verinnerlichtes Dominanzverhalten. Manchmal zeigen sich Widerstände, weil bestimmte Menschen von dem System, so wie es jetzt noch ist und lange Zeit war, profitieren (das sind übrigens nicht die Menschen mit Behinderung).

Übrigens: Während die Wirksamkeit vom Gemeinsamen Unterricht zahlreich wissenschaftlich belegt wurde, existiert nicht eine repräsentative Studie, die die Wirksamkeit von Förderschulen belegt. Hier fragt keiner nach wissenschaftlichen Studien.

Die Menschenrechtsperspektive

Seit 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft. Sie regelt in Artikel 24 das Recht von Kindern mit Behinderung eine allgemeine Schule zu besuchen. Die notwendige Unterstützung muss ihnen gewährt werden. Dabei spielt der Schweregrad der Behinderung keine Rolle. Auch Schülerinnen/Schüler mit so genannter „schwerer Mehrfachbehinderung“ können erfolgreich am integrativen Unterricht teilnehmen (siehe hier). Die UNO, insbesondere der ehemalige UN-Sonderbotschafter, haben festgestellt, dass die Trennung von Kindern mit und ohne Behinderung diskriminiert und Sonderwelten schafft, die ein späteres Aufeinanderzugehen erschweren oder fast unmöglich machen. Genau das Gegenteil von dem Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention: eine diskriminierungsfreie, inklusive Gesellschaft, in der jeder Mensch -unabhängig seiner Fähigkeiten- gleichberechtigt teilhaben kann. Dazu zählt auch der Besuch der Regelschule. Denn, und auch das wurde in zahlreiche Studien nachgewiesen, die Bildungschancen von Förderschülerinnen/Förderschülern sinken mit dem Besuch der Förderschule. Sie ist also alles andere als förderlich (siehe auch Gegenargumente zu der Aussage „Schüler/Schülerinnen mit Behinderung lernen besser an einer Förderschule“).

Doch trotz dieser Befunde und trotz dieses Menschenrechtsdokuments sind die Widerstände groß. Eine Hauptaufgabe der UN-Behindertenrechtskonvention ist es, Diskriminierungen abzubauen und sie zu vermeiden. Schulsysteme, die Kinder ohne Behinderung von Kindern mit Behinderung trennen und so ungerechte Lebensbedingungen und Chancenungleichheit für Menschen mit Behinderungen produzieren, fördern die institutionelle Diskriminierung. Sie gehören abgebaut.

Die UNO fordert mit ihrem Artikel 24 eine klare Abkehr vom Sonderschulwesen. Es geht um einen schulsystemischen Wandel. Daher ist es nicht richtig, wenn behauptet wird, dass die paar bereits existierenden Integrationsklassen reichen würden und kein wirklicher Wandel des Schulsystems nötig wäre. Noch immer lernen bundesweit über 70% der Kinder mit Förderbedarf an Förderschulen (Förderbedarf ist die schulinterne Bezeichnung für Kinder mit Beeinträchtigungen). Der Großteil erreicht an der Förderschule keinen Schulabschluss. Das ist dem so genannten Cooling-Out-Effekt geschuldet. Die Kinder passen sich dem niedrigen Lernniveau an. So gesehen fördert die Förderschule nicht – im Gegenteil (siehe auch hier).

In Anbetracht der Tatsache, dass aufgrund des Stigmas „Sonderschule“ das Selbstkonzept der Kinder an Förderschulen leidet (siehe auch: Brigitte Schumann: „Ich schäme mich ja so!“) und ihre Leistungen sich verschlechtern, erscheint es merkwürdig, wenn manche Menschen mit dem Kindeswohl argumentieren (Argumente dazu, siehe hier). Gerade die UNO hat das Kindeswohl im Blick und zielt gerade deshalb auf inklusive Bildung ab. Die UN-Behindertenrechtkonvention macht dabei keine Unterschiede hinsichtlich der jeweiligen Behinderung. Deshalb ist auch der Begriff „Inklusionsfähigkeit“ exklusiv. Denn Inklusion ist nicht am Behinderungsgrad festzumachen (siehe auch hier). Das würde allen menschenrechtsehtischen Prinzipen zur Gleichbehandlung widersprechen. Manche Menschen behaupten auch, dass erst die Gesellschaft inklusiv werden müssten, bevor inklusive Bildung umgesetzt werden kann – eine sich in den Schwanz beißende Warteschleife, denn gerade der Bildungsbereich bietet einer der besten Möglichkeiten der Menschenrechtsbildung. Ohne inklusive Bildung – keine inklusive Gesellschaft. So einfach ist das. Fangen wir bei den Kleinsten nicht an, ein Bewusstsein für Menschen mit hohem Exklusionsrisiko und für gleichberechtigte Teilhabe zu schaffen, wird es später fast unmöglich sein, Empathie und eine Sensibilität für Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderungen zu fördern. Durch die getrennten Welten (Förderschule – Regelschule) werden Begegnungsräume und Gleichberechtigung verhindert.

Zutaten der inklusiven Bildung

In Inklusionsdebatten wird oft über Ressourcen geredet. Fakt ist, dass laut Artikel 24, Absatz 2 c) angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden müssen. Die Vertragsstaaten müssen sicherstellen, dass in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden (Artikel 24, Abs.2 e UN-BRK). Diese Unterstützungsmaßnahmen können Schulhelfer/-innen, Sonderpädagoginnen/Sonderpädagogen, barrierefreie Räume und Materialien und eine individueller Lehrplan sein.

Inklusion meint, dass die Hilfe zum Kind und nicht das Kind zu den Hilfen kommen muss. Wenn inklusive Schulen schlecht sind, müssen sie besser werden – wenn Ressourcen fehlen, legitimiert das noch lange nicht die Förderschule, die ja gar nicht fördert. Die wichtigste Zutat ist der politische Wille und die Haltung. Ohne politischen Willen bleiben dringend benötigte Ressourcen Mangelware. Dafür muss erkannt werden, dass Inklusion in einem direkten Zusammenhang mit Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Demokratie steht. Genau diese Intentionen von Inklusion werden von Skeptikern gerne durch den Kakao gezogen, indem Inklusion als Sozialromantik, Gleichmacherei oder Illusion oder „Gutmenschentum“ abgewertet wird. Ohne inklusive Haltung nutzen auch all die Ressourcen nichts. Daher sind Weiterbildungen, in denen die eigene Einstellung hinterfragt und gefestigt wird, hilfreich.

Inklusion erfordert einen tiefgreifenden Bewusstseinswechsel. Dass diskriminierende Systeme in Frage gestellt werden gehört ebenso dazu wie die Identifikation von Einbruchstellen für Diskriminierung in den Klassen selbst. So gesehen hätte man schon 2009 Jahren mit der UN-Behindertenrechtskonvention die Lehramtsausbildung anpassen und weiteres pädagogisches Personal für den Einsatzbereich Schule organisieren müssen. Ein Wissen um inklusive Pädagogik und Didaktik, ein verlässliches Kooperationsmodell zwischen Sonderpädagogen, weiterem Personal und Regelschullehrerinnen/-lehrer, eine breite Werbe- und Fortbildungskampagne für die Inklusionsidee und weitere Unterstützungselemente, die rechtlich abgesichert und in festen Zeitplänen fixiert sind, gehören zu den Kernaufgabe dieses Prozesses. Es reicht nicht „Inklusion“ als Zusatzprogramm in Regelschulen anzubieten. Denn Inklusion erfordert, dass sich die Organisation Schule mit Antidiskriminierung auseinandersetzt, dass sich die Beteiligten mit ihrer Haltung beschäftigen und dass eine Professionalisierung der Fachkräfte durch Fort- und Weiterbildung stattfindet.So kann ein Wissen über Normalitätskonstruktionen entstehen sowie über die Funktion von Ausgrenzungsprozessen. Damit Schieflagen wieder ins Gleichgewicht kommen und ein Perspektivenwechsel stattfinden kann, gilt es Experten/Expertinnen in eigener Sache mit einzubeziehen (z.B. Menschen mit Behinderungen und ihre Verbände). Inklusion bezieht sich auf alle Vielfaltsmerkmale. Es ist wichtig, dass Lehrkräfte die Vielfalsaspekte der Gesellschaft und ihrer Schule kennen.

Eine wichtige Rolle kommt auch dem Abbau von Barrieren und Vorurteilen zu, so dass die größtmögliche soziale Teilhabe verwirklicht werden kann. Der Anti-Bias-Ansatz und die vorurteilsbewusste Pädagogik bieten Möglichkeiten inklusive Pädagogik an Schulen umzusetzen. Mit Hilfe des mit Hilfe des Index für Inklusion können Schulen, die Schulen für alle sein wollen, ihre Einrichtung evaluieren und inklusiv gestalten. Alle Kinder, unabhängig von Herkunft, Behinderung, Einkommen der Eltern usw., sollen sich in der Schule wohl und willkommen fühlen. Wichtig ist auch eine umfassende Barrierefreiheit, eine inklusive Elternarbeit, die Raum- und Materialgestaltung, Menschenrechtsbildung und Mitbestimmungsmöglichkeiten. Übrigens geben ehemalige Förderschulen mit all ihren räumlichen und materiellen Vorzügen fantastische inklusive Schulen ab. Diese müssen zu großen Teilen zugunsten von Inklusion aufgegeben werden.

Umsetzungsmöglichkeiten inklusiver Bildung

Zurzeit haben sich viele Schulen auf dem Weg gemacht und Inklusion ist in den Schulen kein Fremdwort mehr. Doch immer wieder fragen die Menschen: „Aber wie soll das denn gehen? Wie funktioniert das, wenn da ein Kind nicht schreiben lernen kann oder will?“ Erste Antwort: Vergessen Sie den Unterricht, den sie aus ihrer Schulzeit kennen. Vergessen Sie den langwierigen Frontalunterricht, vergessen Sie das Sitzen in einer Reihe und den Blick nach vorn zum einzigen Erwachsenen im Raum und vergessen Sie, dass Sie und ihre unterschiedlichen Klassenkammeraden zur gleichen Zeit, das gleiche Arbeitsblatt mit den gleichen Aufgaben bearbeiten. Inklusiver Unterricht funktioniert anders (siehe auch hier oder hier).

Wie erfolgreich das Lernen im inklusiven Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung durch die individuelle Förderung ist, belegen ebenfalls Forschungsergebnisse, aber auch Erfahrungen von Lehrerinnen/Lehrern, Eltern und Schülerinnen/Schülern. Im inklusiven Unterricht wird durch unterschiedliche Methoden und Lernformen (Projektarbeit, Logbucharbeit, Lernen an Stationen und Werkstattarbeit) nach individuellem Tempo gelernt – und das mal alleine, mal in Partnerarbeit und mal in Gruppenarbeit. So wird neben dem fachlichen Lernen auch die soziale Entwicklung gefördert. Gefödert wird das Arbeiten im Team, Rücksichtsnahme und Hilfsbereitschaft. Jedes Kind bekommt seinen Fähigkeiten entsprechend Aufgaben und Förderung. Unterschiedliche Lern-Niveaus sind im inklusiven Unterricht kein Problem. Davon profitieren Hochbegabte ebenso wie Kinder, die langsamer lernen.

Die wissenschaftlichen Studien zeigen, dass sich Kinder mit Förderbedarf im inklusiven Unterricht besser entwickeln. Doch auch für nichtbehinderte Kinder ist das Gemeinsame Lernen eine Bereicherung. Ihre Lernleistung wird durch den inklusiven Unterricht nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil: Viele Schulen berichten, dass ausgerechnet in den Klassen, in denen auch Schülerinnen/Schüler mit Behinderung lernen, bessere Leistungen erzielt werden als in anderen Klassen im selben Jahrgang, in denen kein inklusiver Unterricht stattfindet.

In inklusiven Klassen gibt es häufig eine angenehme Lernatmosphäre. Bestenfalls sind zwei Erwachsene (Team-Teaching) im Raum, die die Schülerinnen/Schüler unterstützen. Auch die Klassenfrequenz ist bestenfalls niedriger. Allerdings braucht es nicht immer und überall kleinere Klassen (siehe hier). Eine niedrige Klassenschülerzahl kann den Unterricht in heterogenen Lerngruppen verbessern. Denn so entstehen mehr Möglichkeiten für Methoden der inklusiven Didaktik (Kleingruppenarbeit, individualisierte Lernformen, differenzierte Lernangebote). Diese Unterrichtsform ist allerdings kein Selbstläufer. Kleinere Klassen heißt nicht automatisch guter inklusiver Unterricht. Das haben Evaluationsstudie der Integrationsklassen in Österreich von Werner Specht gezeigt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es Klassen mit 20 bis 24 Schülerinnen/Schülern tendenziell besser schaffen, für ein gutes Klima und eine gute Förderung zu sorgen als Klassen mit weniger als 20 Schülerinnen/Schülern (vgl. Altricher, Nationaler Bildungsbericht Österreich 2009, S. 352). Die Klassengröße muss immer von den einzelnen Bedarfen der Lerngruppe abhängig gemacht werden. Bestimmte Bedürfnisse können besser in kleinen Lerngruppen erfüllt werden, wenn bspw. ein Kind mit Autismus und ein Kind mit dem Förderbedarf „geistige Entwicklung“ in der Gruppe ist. Hier kann eine kleinere Klasse ein Weg sein. Auch Teilungsunterricht, weitere Untersützungspersonen und andere Lernformen unterstützen bedürfnisgerechtes Lernen. Man kann nicht pauschal sagen, dass kleine Klassen zu einem besseren Unterrricht führen. Es kommt vielmehr auf die Kompetenzen und Fähigkeiten der Lehrerinnen/Lehrer an. Sind die Klassen aber viel zu groß, ist es schwierig guten inklusiven Unterricht zu gestalten und dem einzelnen Schüler/der einzelnen Schülerin gerecht zu werden.

Der große Klassenraum verfügt über anregende Materialien und Sitzmöbel für körperbehinderte Kinder, die auch von nichtbehinderten Kindern gerne benutzt werden. Schaukelbretter, eine Sofaecke und Sitzsäcke sind hier beispielhaft zu nennen.

So sollte es sein. Leider mangelt es an vielen Schulen an der räumlichen, materiellen und personellen Ausstattung. Inklusion hängt dabei entscheidend von den Personen ab. Das A und O ist die inklusive Haltung und das Arbeiten in Teams. Durch das 2-Pädagogensystem (bspw. Klassenlehrer und Sonderpädagoge) kommen Kompetenzen wie inklusive Pädagogik und Didaktik und sonderpädagogisches Know-How zusammen.

Kaum vorstellbar? Die Filme „Klassenleben“ (Fläming-Grundschule) und „Berg Fidel-eine Schule für alle“ (Gemeinschaftsgrundschule Berg Fidel) zeigen anschaulich, wie der inklusive Unterricht aussieht und wie er sich auf die Entwicklung der Kinder auswirkt (siehe hier).
Wer also meint, inklusiver Unterricht funktioniert nicht, der/die hat entweder keine Ahnung, Angst vor Veränderung, große Unsicherheiten in Bezug auf Behinderung, Sorge um den Verlust von Macht, Kontrolle und Privilegien oder schlicht Vorurteile.

Die inklusive, exklusive Bildungsdebatte

Wie Prof. Theresia Degener, Juristin und selbst Mitglied im UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, schon feststellte, erfordert die UN-Behindertenrechtskonvention ein viel radikalerer Paradigmenwechsel im Schulsystem als allgemein angenommen. Artikel 24 verlangt die radikale Abschaffung jeder Form von Segregation im Bildungssystem (vgl. Degener, Bericht aus Genf, Nr.6/2013, S.5). Bei der Aussage „radikalerer Paradigmenwechsel im Bildungssystem“ wird nicht nur Politikern/Politikerinnen Angst und Bange, auch Lehrerinnen/Lehrer und Eltern rollen entweder -je nach Haltung- genervt mit den Augen, schlagen die Hände über den Kopf zusammen, melden eine Auswanderung an oder brechen in Jubelschreie aus. Beim Herzthema Bildung geht um den eigenen Nachwuchs und der soll schließlich die besten Chancen erhalten. Wer keine Kinder hat, der fühlt sich als Patenonkel oder enge Freundin einer Familie berufen, etwas zu dem Thema „inklusive Bildung“ beizusteuern. Auch die Medien berichten über inklusive Bildung und bauen mal Vorurteile ab und mal auf (Siehe auch: „Wissenslücke “Inklusion” – wenn Medien verkehrt berichten“).

Doch wer nimmt eigentlich an dem Diskurs teil? Welche Gruppen verschaffen sich Gehör? Wer schreibt über wen? Und welche Stimmen bleiben ungehört? Welche Gruppen sind mit anderen Dingen als mit Bildungschancen für den Nachwusch beschäftigt? Inklusion bedeutet auch, dass Methoden gefunden werden, damit sich auch benachteiligte Gruppen und ihre Vertreterorganisationen an den Diskussionen beteiligen können und ihre Stimmen Gehör finden. Gerade Kinder mit den Förderbedarfen „Lernen“ oder „emotionale-soziale Entwicklung“ haben keine wirkliche Lobby. Ihre Eltern verfügen meistens nicht über die Ressourcen sich gegen schulische (Fehl-)Entscheidungen, die ihre Kinder betreffen, zu wehren (bspw. die Empfehlung für die Förderschule).

Übrigens stellt Inklusion die Systemfrage – einem Thema, dass noch heftigere Reaktionen erzeugt als die Inklusionsdebatte. Bei der Diskussion über eine Schle für alle, was auch die Abschaffung der Gymnasien beinhalten würde, sind die Widerstände groß. Doch einige Bildungsforscher und der ehemalige UN-Sonderbotschafter für Bildung Vernor Muñoz sehen genau das gegliederte Schulwesen als eigentliches Problem. Sie meinen, das deutsche gegliederte Schulwesen benachteilige und diskriminiert, ausländische und behinderte Schülerinnen/Schüler (was auch durch zahlreiche Studien belegt wurde). „Ich glaube, dass das gegliederte System und die Art der Aufteilung der Schüler soziale Ungleichheit betont“, sagt Muñoz (RP Online, März 2007). Inklusion bezieht sich auf alle Ebenen des Schulsystems – auch auf Gymnasien (siehe auch hier).

Fazit

Inklusion bewegt sich nicht nur zwischen Begeisterung und Skepsis, sondern auch zwischen Ablehnung und Unterstützung. Dabei wird eines deutlich: Die Haltung ist das A und O bei der Inklusion. Der Umgang mit Vielfalt erfordert auch ein Lernen mit dem Umgang mit Vielfalt. Hirnforscher Gerald Hüther stellte fest: Das Gehirn wird so, wie man es benutzt. Lernen schon kleine Kinder, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse und Voraussetzungen haben, wird der Umgang mit Vielfalt zur Routine. Der Hirnforscher meint sogar, dass Inklusion gerade deshalb schlau macht („Warum macht Integration schlau“, Hrsg: mittendrin e.V., 2008, S.311).

In inklusiven Settings können Menschen Erfahrungen mit Vielfalt machen und einen empathischen Umgang mit Vielfalt erlernen. Kinder lernen, dass es Ordnung ist, der Mensch zu sein, der man ist, auch wenn bestimmte Merkmale als etwas „Besonderes“ wahrgenommen werden. Nicht in Ordnung ist Dominanzverhalten, Vorurteile, Diskriminierung und Verhalten, dass dazu führt, dass die die „unten“ sind auch „unten“ bleiben. Inklusion ist keine linke Ideologie oder Gleichmacherei. Inklusion ist vom Gerechtigkeitsgedanken ebenso wie vom Freiheitsgedanken aus gedacht. Wenn mir Bildungsgerechtigkeit widerfahren ist und ich chancengleich lernen konnte, habe ich mehr Freiheiten und mehr Möglichkeiten. Das heißt nicht, dass alle Abitur machen. Das heißt, dass alle die Möglichkeit bekommen gemeinsam für das für sie erreichbare Bildungsziel zu lernen und Menschen, die anders sind als man selbst, kennen zu lernen.

Das Gemeinsame Lernen ist aus unterschiedlichen Gründen wichtig. Zum einen wegen der eben erwähnten Autobahnspur im Gehirn: Durch den Gemeinsamen Unterricht mit unterschiedlichen Kindern, die nicht von vornherein getrennt werden, mache ich Erfahrungen mit Vielfalt. Diese Erfahrungen beziehen sich nicht nur auf das fachliche Lernen, sondern auch auf das soziale Lernen. Im günstigsten Fall entsteht ein positives Bild und Vorurteile werden vermieden. Nach der Vorurteilsforschung sind genau solche gemeinsamen Lernerfahrungen wichtig, damit negative Einstellungen, pauschale Urteile oder Vorurteile gegenüber bestimmten Menschen korrigiert werden können oder gar nicht erst entstehen (siehe auch hier). Inklusive Klassen sind so gesehen der beste Demokratieunterricht überhaupt. Zum anderen ist inklusive Bildung ganz einfach mehr im Sinne von Bildung, wenn man bedenkt, dass die Schulleistungen an der Förder- und Hauptschulen schlecht sind und den Schülerinnen/Schülern Bildungschancen nehmen. Die Zahlen zeigen, dass das vor allem an den getrennten Schulformen liegt.

Wer tiefer in das Thema einsteigen will, dem sei das „Schwarzbuch Inklusion. Verdeckte und offene Verhinderung von gemeinsamer Erziehung und Bildung behinderter und nichtbehinderter Kinder“, insbesondere das Kapitel „Inklusion –Propaganda und Dilemma“ empfohlen. Das Schwarzbuch ist von dem Zusammenschluss „Politik gegen Aussonderung. Koalition für Integration und Inklusion“, in Kooperation mit der Gruppe Inklusionsbeobachtung, Elternbund Hessen, Gemeinsam Leben Hessen, GEW Hessen, Landesbehindertenrat, Landesschülervertretung, Landesausländerbeirat.

Bei der Inklusion geht es nicht um erzwungene Gleichheit, sondern um Vielfalt und Gleichberechtigung. Es geht nicht um Zwang, sondern um Toleranz und Gerechtigkeit. Es geht nicht darum, dass wir gnädig sind und Kinder mit Behinderungen dabei sein dürfen. Es geht darum, dass Voraussetzungen geschaffen werden, die die gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder ermöglichen. Das ist ein großer Unterschied“ (Lisa Reimann)

"Inklusion ist geil" ©Inklusionsfakten.de

2 Kommentare

  • Wo bleiben Hinweise für eine Inklusion in der staatlichen Schule von hoch begabten Kindern, die oft zu Minderleistern werden, wenn sie nicht gefördert werden?
    Begründung wäre zu lang

  • Ich arbeite an einer integrierten Gesamtschule in Hessen. Die meisten KollegInnen haben eine offene Haltung zu Inklusion und Vielfalt. – für die Umsetzung unserer Ideen und guten Absichten mangelt es aber einfach an allem: an Platz, an Materialien, an Förderschullehrkräften!!! und vor allem an Zeit!!! für gemeinsame Planungen und Absprachen. Es gibt kein Fortbildungsangebot – dafür aber jede Menge SchülerInnen (ich unterrichte etwa 120!), die eigentlich viel mehr Zuwendung und individuellere Angebote bräuchten.

    Es tut mir jeden Tag in der Seele weh, dass ich den Bedürfnissen meiner SchülerInnen nicht gerecht werden kann.

    Ich wünsche mir – weniger Pflichtstunden (27 ist zu viel!!! für gute Qualität), dafür mehr Koordinationsstunden um auch mal über Kinder sprechen zu können! Systematische Fortbildungen – gerne in den Ferien!!! Aber kostenlos! Gemeinsamen Unterricht und nicht nur Beratung!!!

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