Kinder. Familie. Inklusion. Vielfalt sichtbar machen

„Familie ist, wo Kinder sind“ ist ein bekannter Leitspruch. In den Schulen kommen Kinder aus ganz unterschiedlichen Familien zusammen. Vorurteile und Machtunterschiede sind allgegenwärtig. Inklusion heisst auch unterschiedliche Familienformen sichtbar zu machen. Werden alle Familien gleichbehandelt? Erfahren alle Familienformen und Vielfaltsmerkmale in unserer Gesellschaft Wertschätzung? Welche Merkmale und Identitäten nehmen wir noch zu wenig wahr? Inklusion heisst, dass alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können und nicht nur privilegierte Menschen die gesellschaftlichen Angebote nutzen können. Vorurteile und Diskriminierungen müssen erkannt und abgebaut werden. Doch was heisst das für unsere Gesellschaft, für die Institution Schule, für die Nachmittagsbetreuung?

Familie I ©Inklusionsfakten  Familie II ©Inklusionsfakten

Auch wenn Schulen sich für alle Kinder öffnen, inklusiv sind, leben sie nicht in einer inklusiven Traumwelt. Gesellschaftlich internalisierte Vorurteile und Bewertungen kommen in den Schulen ebenso zum Ausdruck wie in anderen Bereichen auch. Deshalb brauchen Schulen Lehrerinnen/Lehrer, Erzieherinnen/Erzieher und weitere Fachkräfte, die in der Lage sind auf ungerechtes Verhalten zu reagieren. Denn in den Schulen begegnen sich Kinder aus ganz unterschiedlichen Familien. Vorurteile und Schieflagen finden sich auch an Schulen. Zum Beispiel:

Mira, Serhat und Jonas gehen in eine Klasse. Alle drei gucken gerne Zeichentrickfilme, zwischendurch sehen sie auch Werbung – für Spielzeug oder süße Lebensmittel. In ihren Schulbüchern lesen sie Geschichten über gleichaltrige Kinder und ihre Familien. Manchmal hören sie auch Hörspiele oder blättern in Kinderzeitschriften. Im Hort spielen sie Brett- und Rollenspiele, lesen Comics, malen oder lassen bei Figurenspielen ihrer Fantasie freien Lauf. Auf dem Schulweg nehmen sie die Werbung an den Häuserwänden wahr und im Spielzeuggeschäft sehen sie auf den Verpackungen die arrangierten Produkte zum Spielen. Mira, Serhat und Jonas leben in unserer Gesellschaft. Alle sollen die gleichen Lern- und Entwicklungschancen haben. Doch werden alle drei Kinder in ihrer Ich-Identität und in ihrer Bezugsgruppen-Identität chancengleich gefördert? Welches Familienbild wird als das „Normale“, als das Hochwertige, als der Mainstream vermittelt? Es ist nicht Miras Familien, nicht die von Serhat und auch nicht die von Jonas.

Mira lebt bei ihrem Vater und ihrer Mutter. Sie hat drei Geschwister, Ihr Vater ist Rollstuhlfahrer. Serhat lebt bei seinem Vater und seiner Mutter. Er spricht fließend türkisch und deutsch. Jonas hat zwei Mütter. Können sich diese Kinder in den vielen Medien, die sie täglich wahrnehmen, wiederfinden?

Ein Blick in die Spielzeugkataloge reicht aus und zu wissen, welches Familienbild das vorherrschende ist. In der Werbung, auf den Abbildungen von Spielsachen, in Filmen, in den Schulbüchern und in Kinderbüchern werden Miras, Serhats und Jonas Familien selten repräsentiert. Wenn, dann eher als etwas außergewöhnliches, als etwas „anderes“. Es gibt kaum Kinderbücher und -filme, in denen schwarze Kinder oder übergewichtige Kinder Helden sind, in denen ein Kind mit Behinderung etwas Tolles erlebt und die Behinderung dabei keine große Rolle spielt. Es fehlt an Geschichten, in denen ein Serhat einfach nur Serhat sein darf – ein Junge, der gerne Fahrrad fährt – ohne großartige Betonung auf „türkisches Essen“ oder eine „Kopftuchtragende“ Mutter. Viel zu oft steht in den Geschichten das Trennende im Vordergrund – nicht die Gemeinsamkeiten. Oft wird ein Diskriminierungsmerkmal extra betont und das „schwarze“, behinderte oder übergewichtige Kind wird als Außenseiter dargestellt, das es am Ende dann doch schafft zur Mehrheitsgesellschaft dazuzugehören. Häufig wird folgende Botschaft vermittelt: „Obwohl das Kind anders ist als wir, kann es mitmachen.“ Dass mit einer ausgrenzenden Gesellschaft etwas nicht stimmt, wird kaum thematisiert.

Familie III ©Inklusionsfakten  Familie IV ©Inklusionsfakten

Inklusion heisst: Teilhabe von Anfang an. Wieso fangen wir nicht damit an, Kinderbücher, Geschichten und Filme zu zeigen, in denen von Anfang an Teilhabe stattfindet? Wieso können Merkmale wie Übergewicht, nicht „weiße“ Haut, Behinderung nicht einfach so vorkommen? Wieso spielen kinderreiche Familien, Familien mit wenig Einkommen, Regenbogenfamilien, Adoptiveltern, Alleinerziehende, Familien mit Mitgliedern mit Behinderung kaum eine Rolle? Was macht das mit Kindern, die nicht in einer weißen, heterosexuellen, nichtbehinderten Mutter-Vater-Kind-Familie leben? Wie fühlt es sich an, wenn die Lehrerin sagt: „Malt einen Stammbaum. Rechts den Vater, links die Mutter!“, wenn die Familie eines Schülers/einer Schülerin dem nicht entspricht? Das Kind lernt dann: Ich komme nicht vor. Ich bin anders. Vielleicht auch: Ich bin weniger wertvoll. Louise Derman-Sparks, die Erfinderin des Anti-Bias-Ansatzes, stellte fest, dass Kinder auch über Auslassung lernen. Sie nehmen wahr: „Wer gesehen wird, ist wichtig“(vgl. Derman-Sparks / Olsen 2010, S. 13).
Doch viele Kinder werden nicht gesehen. Ihre Merkmale werden ausgeblendet und kommen im Alltag kaum vor.

Viel zu oft werden Vorurteile und Klischees reproduziert. Sei es im Unterricht zum Thema Afrika, in dem oft einseitige Bilder gezeigt werden, sei es im Fremdsprachenbüchern, in denen immer die gleichen stereotypen Familien vorkommen und die Mutter in „la cuisine“ steht und der Papa „repair“ das Fahrrad oder sei es in Textaufgaben oder anderen Lernbausteinen, in denen ausschließlich weiße, heterosexuelle, nichtbehinderte Mutter-Vater-Kind-Familien vorkommen.

Wir brauchen in der Schule Medien, die bestärkend wirken. Medien, in denen die Kinder sich wiederfinden („guck mal, die lebt wie ich“). Und wir brauchen Erwachsene, die nicht weghören, wenn „schwule Sau“ oder „Mongo“ oder „Spast“ über den Schulhof geschrien wird (siehe auch hier). Die Schulen brauchen Erwachsene und Kinder, die sensibel für Diskriminierung jeglicher Form sind und Ausgrenzung erkennen und entgegenwirken. Verschiedene pädagogische Ansätze wie der Anti-Bias-Ansatz oder die Antidiskriminierungspädagogik vermitteln Erwachsenen und Kindern einen empathischen Umgang mit Unterschieden. Einschreiten und Schutz vor Diskriminierung zu geben sind wichtige Faktoren einer inklusiven Schule. Wenn Schülerinnen/Schüler diskriminiert wurden, brauchen sie eine Anlaufstelle. Viele Schulen haben sich bereits auf den Weg gemacht und Konzepte entwickelt, Schulmaterialien kritisch hinterfragen und sind offen für Dialoge und Kritik von Menschen (Eltern) mit Diskriminierungserfahrungen.

Kinder sind neugierig. Der vorurteilssensible Umgang mit Vielfalt fördert ihre Neugier („Warum spricht Hanna nicht?“), ihr Problemlöseverhalten („wie können wir das Spiel abändern, damit auch Hanna mitspielen kann?“), ihre Empathie („Du hast Aua, genau wie ich letzte Woche“) und Rücksichtnahme. Eine vorurteilssensible Pädagogik ermöglicht es Kinder spielerisch mit Vielfalt umzugehen und auch Dinge auszuprobieren (einen Rollstuhl benutzen, mit Gebrauchsgegenstände aus unterschiedlichen Familien spielen usw.). Formulierungen wie „anders“ oder „normal“, die bestimmte Familienmerkmale als etwas „besonderes“, „andersartiges“ darstellen, werden vermieden. Anstatt den Fokus nur auf das Trennende zu legen, werden auch Gemeinsamkeiten gefunden. Theo wohnt bei seinen Großeltern in einem großen barrierefreien Haus, Fredi bei ihren Pflegeeltern in einer Hochhauswohnung und Merve mit ihren Eltern und Geschwistern in einer Altbauwohnung. Alle wohnen gerne in ihrem zu Hause. Alle leben in einer Stadt. Alle gehen in eine Schule.

„Familie ist, wo Kinder sind“ und diese Kinder sind ganz unterschiedlich, ebenso ihre Familien. Unterschiedliche Familien sichtbar zu machen und ihre gleichberechtigte Teilhabe zu fördern, sollte ein wichtiges Ziel in der inklusiven Pädagogik sein.

Familie V ©Inklusionsfakten

Quellen:

Derman-Sparks, Louise / Olsen Edwards, J. (2010): Anti-Bias Education for Young Children and Ourselves. Washington: NAEYC Books.

Kinderbücher über unterschiedliche Familienformen:

  • „Alles Familie!: Vom Kind der neuen Freundin vom Bruder von Papas früherer Frau und anderen Verwandten“ von Alexandra Maxeiner.
  • „Du gehörst dazu: Das Große Buch der Familien“ von Mary Hoffmann.
  • Picknick im Park“ – hier kommen ganz verschiedensten Familienkonstellationen zu einem Fest zusammen.
  • Unsa Haus und andere Geschichten“ von Ben Böttger, Rita Macedo u.a. – Das Buch „Unsa Haus“ zum Reinhören: https://vimeo.com/26433871
  • „Mein schneller Papa: Es gibt viele Möglichkeiten schnell zu sein“

Weiterführende Links:

(Kinder)lied über unterschiedlichen Familienformen: „Meine Mamas sind genial“ von Suli Puschban.

Artikel: „Worte können weh tun“: http://inklusionsfakten.de/worte-koennen-weh-tun/

Petra Wagner: Kleine Kinder – keine Vorurteile? Vorurteilsbewusste Pädagogik in Kindertageseinrichtungen. Fachstelle KINDERWELTEN für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung, Institut für den Situationsansatz. Online im Internet: 2001.

Lisa Reimann: Vorurteile, Ausgrenzung und Diskriminierung – ein präventives Aufgabenfeld in einer inklusiven Schule – Welche Handlungsoptionen bietet der Anti-Bias-Ansatz im gemeinsamen Unterricht? Online im Internet: bidok, 2011.

Lisa Reimann: Vielfalt, Vorurteile und Diskriminierung? Der Anti-Bias-Ansatz als Fortbildungskonzept für Pädagoginnen und Pädagogen in offenen Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen in Berlin Schöneberg. Online im Internet: bidok, 2012.

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