„Kinder mit Behinderung brauchen einen Schonraum/Schutzraum“

Dieses beliebte Argument, auch die „Schonraumfalle“ genannt, basiert auf dem Gedanken, Kinder mit Behinderungen würden sich auf Förderschulen optimaler entwickeln, da sie nicht mit Kindern, die in ihrer Entwicklung „weiter“ sind, konfrontiert werden und „unter ihresgleichen“ sind. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall. 
Förderschülerinnen/-schüler werden permanent mit dem Nicht-Können konfrontiert: Vom Transport mit dem „Behindertenfahrdienst“, der Gewissheit nicht mit Geschwistern und Nachbarskinder auf eine Schule gehen zu können bis hin zu der täglichen Zusammenballung von medizinischen Geräten, Hilfsmitteln, Diagnosen, Therapien usw.

Erfahrungen haben gezeigt, dass Schülerinnen/Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Gemeinsamen Unterricht über ein realistischeres Selbstkonzept verfügen. Sie wissen nicht erst mit Beendigung der Schullaufbahn und bei der Vorstellung bei der Agentur für Arbeit, dass sie nicht Pilotin oder Astronaut werden können. Hier sei auf die Arbeit von Brigitte Schumann verwiesen: „Ich schäme mich ja so!“: Eine wissenschaftliche Untersuchung zum Selbstkonzept von Schülern und Schülerinnen an der Sonderschule für Lernbehinderte. Darin zeigt Schumann, dass sich der Besuch der Förderschule nachteilig auf das Selbstkonzept und die Handlungsmöglichkeiten von Förderschülerinnen/-schülern auswirkt.

Die immer noch vorhandene Vorstellung, die Sonderschule könne leistungsschwachen Schülern ein positives Selbstkonzept vermitteln, erweist sich als falsch.“

(Schumann, 2007)

Dem Schonraum-Argument liegt auch die Auffassung zu Grunde, Kinder mit Behinderungen seien eine homogene Gruppe, so dass sich unter Kindern mit Körperbehinderungen leichter Freundschaften schließen ließen. Doch Kinder sind unterschiedlich, ob mit oder ohne Behinderung – völlig egal. Freundschaften entstehen durch Sympathie, der so genannten „Chemie“, gemeinsamen Hobbys oder anderen Indikatoren, nicht aber deshalb, weil zwei Menschen die gleiche Behinderung haben. Unabhängig davon steht fest, dass Aktivitäten, bei denen Menschen mit Behinderungen in homogenen Gruppen unter sich bleiben dürfen, weiterhin wichtig sind.

Wir wissen aus der Selbsthilfebewegung, dass vor allem auch im Zusammenschluss mit Gleichbetroffenen Koordinaten der Selbstpositionierung und sozialen Verortung gefunden werden, um diese dann in die Gesellschaft hinein deutlich und auch mit politischem Mandat zu artikulieren

(Siehe: Manfred Hintermair 2009, S.19)

Diese außerschulischen Kontaktmöglichkeit zu Menschen in ähnlichen Situationen im Sinne der Selbsthilfe, werden im Freizeitbereich, im Sportbereich und in anderen Bereichen von Kindern/Jugendlichen mit Behinderungen genutzt und stehen aufgrund der historischen Trennung von Menschen mit und ohne Behinderung zahlreich zur Verfügung.

Warum sich diese Mutter gegen die Förderschule entschieden hat, erklärt sie so:

„Weil das Leben nicht so ist. Weil aus einem Schutzraum leicht eine Isolationszone wird. Der Pädagogikprofessor Hans Wocken aus Hamburg hat in einer Studie nachgewiesen, dass die Leistungen von Schülern umso schlechter sind, je früher und länger sie auf eine Förderschule gehen. Und eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung ermittelte, dass drei von vier Kindern die Förderschule ohne Abschluss verlassen – eine Sackgasse nicht nur für ihre Bildung, sondern für ihr ganzes Leben“ (Antje Kunstmann, Brigitte 16/2014).

Die Förderschule als „Schonraum“ verhindert wichtige Teilhabechancen. Kinder brauchen Förderung, zufriedenstellende Kontakte und Erfahrungen, an denen sie weiter lernen können – keine Schonung. Der inklusive Unterricht eigenet sich hervorragend, um im eigenen Tempo zu lernen. Inklusive Didaktik und Pädagogik führen dazu, dass die Kinder weder über- noch unterfordert zu werden. Dass die Schule und die dort arbeitenden Personen Schutz vor Diskriminierung geben, sollte an jeder Schule selbstverständlich sein.

Hinzuzufügen ist auch die Tatsache, dass alle Kinder (und Erwachsene) gelegentlich einen Schonraum benötigen. Inklusive Schulen sollten daher einen solchen Entspannungsraum bereitstellen. Von Ruhe- und Schonräumen profitieren all die Kinder, die überfordert sind und eine Auszeit brauchen. Ein Behindertenstatus sollte aber nicht als Einlasskontrolle für einen solchen Ruheraum gelten.

Schonraum ©Indiwi e.V.

 

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