„Kinder mit Sprachbehinderung gehören auf die Sprachheilschule“

Dass Schülerinnen/Schüler mit Beeinträchtigungen in der Sprachentwicklung von inklusiver Bildung profitieren, zeigt eine Studie von Laura Justice von der Ohio State University und ihren Kollegen (siehe: Laura Justice von der Ohio State University, Spektrum 2014).
Die Forscher/-innen  fanden heraus, dass sich die Sprachentwicklung von Schülern/Schülerinnen mit Beeinträchtigungen im inklusiven Unterricht verbessert, da sie von Mitschülern/Mitschülerinnen mit guten Sprachkenntnissen mitgezogen werden. Auch die Erfahrungen aus den Schulversuchen in Deutschland zeigen, dass das Lernen am Modell und das Lernen durch Nachahmung – auch Nachsprechen –  im Gemeinsamen Unterricht sehr gut verwirklicht werden kann. Das Forschungsprojekt Ki.SSES (Kinder mit Spezifischer Sprachentwicklungsstörung) zeigt: „Kinder in integrativen Settings unterscheiden sich in wichtigen Faktoren von Schülern in Förderschulen (tendenziell besserer sozialer Status, höheres Leistungsniveau)“ (siehe hier).

Die Wirksamkeit der Spachheilschulen in Deutschland wurde bisher noch nicht geprüft, obwohl die Vertreter/-innen der Sprachheilpädagogik jahrzehntelang Gelegenheit dazu hatten. Man fragt sich, warum nicht? Immerhin: Eine Studie wird demnächst beendet. Die Daten werden gerade erhoben (Forschungsprojekt: Ki.SSES = Kinder mit Spezifischer Sprachentwicklungsstörung). Auf der Seite des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung wird das Forschungsvorhaben kurz erkärt.

Forscher des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) fanden heraus, dass Schüler/-innen aus Sprachheilschulen im Vergleich mit sprachbeeinträchtigten Kindern aus inklusiven Schulen keinen Leistungsnachteil in Mathematik zeigen, dafür aber bei der Sprache (Lesen und Zuhören). Das heisst, dass Sprachheilschulen die Sprache der Kinder nicht so gut fördern wie es im inklusiven Unterricht der Fall ist. Ausgerechnet die Förderschulform, die das Sprechen fördern soll, wird ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht. Kinder mit Sprachschwierigkeiten lernen das Sprechen im inklusiven Unterricht anscheinend besser (siehe auch hier: Zeit online).

Bisher sind Sprachheilpädagogikverbände kaum uneingeschränkt für „inklusiv Bildung“ eingetreten. Manche Vertreter/in der Sprachheilpädagogik halten vehement an der Sonderschule mit dem Schwerpunkt Sprache fest. Anstatt bessere Bedingungen im inklusiven Unterricht zu fordern, wird die Beibehalten der Sprachheilschule gefordert. Anstatt dafür zu kämpfen, dass die guten sprachpädagogischen Konzepte im Gemeinsamen Unterricht Anwedung finden, wird geklagt, dass das unter den jetzigen Bedingungen gar nicht ginge und nur die Sprachheilschule den Kindern helfen kann. Durch das Motto „erst wenn inklusive Schulen tippitoppi sind, denken wir darüber nach die Sonderschulen mit der Schwerpunkt Sprache abzubauen“ wird verkannt, dass genau das notwending wäre, um den inklusiven Unterricht zu fördern. Viele Sonderpädagogen mit dem Schwerpunkt Sprache arbeiten bereits schon jetzt erfolgreich im inklusiven Unterricht.

Gerne wird behauptet, dass Kindern mit dem Förderbedarf “Sprache” am besten auf der Sprachheilschule geholfen würde. Empirische Befunde, die diese These stützen, existieren nicht. Vielmehr muss man sich fragen, wie Kinder, die alle Schwierigkeiten mit dem Sprechen haben, an einer Schule für ausschließlich „Spracheingeschränkte“ voneinander sprechen lernen können. Merkwürdig ist auch, dass es vonseiten der universitären Fachbereiche der Sprachheilpädagogik niemals Anstrengungen gab, Forschungen zu betreiben oder zuzulassen, die die Wirksamkeit bzw. Unwirksamkeit von Sprachheilschulen, untersuchen.

Gleichzeitig ist die Sorge, dass Kinder mit Beeinträchtigungen an der Regelschule untergehen, verständlich. Ihnen steht laut Artikel 24 in der inklusiven Bildung das Recht auf notwendige Unterstützung zu. Schüler/-innen mit Unterstützungsbedarf in der sprachlichen Entwicklung haben Anspruch auf sprachtherapeutische Förderung. Das wird in der Praxis oft nicht ausreichend umgesetzt. Es darf nicht sein, dass der Personalschlüssel vielerorts nicht stimmt, Sonderpädagogen für Vertretungsstunden einsetzen werden und die Schule nicht weiß, wie sie überhaupt zurecht kommen soll – ganz zu schweigen von der unzureichenden Stundenzumessung der sonderpädagogischen Förderung. Inklusion heisst: Nicht das Kind muss sich der Schule anpassen, sondern die Schule dem Kind. Dazu gehört auch, dass das Kind sprachheilpädagogische Unterstützung von einer kompetenten Fachkraft in der inklusiven Schule bekommt. Hier können die Konzepte und Vorschläge von Prof. Jörg Mußmann Anregungen geben, die in seinem Buch „Inklusive Sprachförderung in der Grundschule“ (2012) und in dem Artikel „Sprachförderung in inklusiven Settings – 10 Beispiele für sprachliche Barrieren und Lernchancen“ (Originaltext in: Sprachförderung und Sprachtherapie in Schule und Praxis, 1. Jg., Heft 1, September 2012, S. 23 – 31) zu finden sind. Bereits jetzt schon unterrichten Sprachheilpädagogen erfolgreich im inklusiven Unterricht. Viele sind von der Idee des gemeinsamen Lernens überzeugt und haben Methoden entwickelt, wie sich die Sprachförderung gut im Gemeinsamen Unterricht umsetzen lässt.  

Wenn die inklusive Bildung an den Regelschulen schlecht läuft, muss das besser werden. Die durch geschlossene Sprachförderschulen freigewordenen Ressourcen müssen die Kinder in den Regelschulen erreichen, die auf eine verstärkte Sprachförderung angewisen sind. Übrigens hat auch Kanada Schüler/-innen, die Förderbedarf in der sprachlichen Entwicklung haben. In der Region New Brunswick in Kanada gibt es nicht eine Förderschule, dennoch ist Kanada PISA-Spitzenreiter.

Apartheid ©Inklusionsfakten

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