Liebe Kindergartenkinder in diesem Land

Liebe Kindergartenkinder in diesem Land,

noch ahnt ihr nicht, was es heisst einen leuchtenden Schulranzen zu tragen und auf kleinen Stühlen zu sitzen. Ihr kennt noch keine Hofpause, kein Matheunterricht und kein Schulko. Ihr wisst noch nicht wie Tintenkiller riechen, wie sich der Pausengong anhört und wie das Pausenbrot schmeckt, während ihr unter dem Baum im Hof Hüpfspiele spielt oder Sammelkarten tauscht oder dem Treiben auf dem Hof zuschaut. Ihr seid noch keine Schulkinder. Aber bald. Denn irgendwann gehen (fast) alle mal zur Schule.

Vielleicht wisst ihr durch ältere Geschwister oder durch Bücher oder das Fernsehen wie es in der Schule so abläuft und dass sie anders ist als der Kindergarten. Doch warum ist das so und warum muss es so sein?

Schule (lat. schola von griechisch σχολή [skʰoˈlɛː] heisst ursprünglich „freie Zeit“, „Müßiggang, Nichtstun“ oder „Muße“ (vgl. Wikipedia 2016). Und unter Muße versteht man eine Zeit, in der ich machen kann, was ich will und die ich so gestalten kann, wie ich Lust habe. Ich kann also spielen, mir ein Buch angucken, mich hinlegen oder bei etwas zuschauen. Lernen tut man dabei auch oft etwas, indem man neue Erkenntnisse gewinnt, etwas versteht und das neue Wissen dann abspeichert. Doch die Bedeutung des Wortes Schule hat sich verändert. Schule heisst „Studium, Vorlesung“ und dient dazu, Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie Werte zu vermitteln (Wikipedia 2016).

Die Inklusion ist so ein Wert. Denn Inklusion meint, dass gleichberechtigte Miteinander. Niemand wird von der Teilhabe ausgeschlossen. Durch Inklusion lernen die Menschen, dass es Unterschiede zwischen ihnen gibt: Manche benutzen einen Rollstuhl, manche schminken ihr Gesicht ganz weiss, manche sprechen mit den Händen, manche lieben das gleiche Geschlecht, manche haben einen Namen, den ihr noch nicht gehört habt, manche haben wenig und andere viel Geld in der Hosentasche.

Diese Unterschiede sind gut. Denn jedes Kind ist so wie es ist gut so und gehört zu uns. Was nicht gut ist, sind Ungerechtigkeiten. Inklusion will, dass diese Ungerechtigkeiten abgebaut werden. Alle Kinder sollen zusammen spielen und lernen können. Doch leider gibt es in unserem Schulsystem noch viele Ungerechtigkeiten. Eine davon führt dazu, dass Kinder mit Behinderungen oft andere Schulen besuchen als Kinder ohne Behinderung. Und das ist ungerecht. Denn so findet kein Miteinander statt. So kann nicht gelernt und gelebt werden, dass Unterschiede unsere Gesellschaft reicher machen. So kann nicht gelernt werden, dass alle das gleiche Recht auf Bildung haben. Denn Kinder mit Behinderungen lernen an „ihren“ Schulen nicht so viel wie an den „allgemeinen“ Schulen. Weil der Kontakt zwischen „behinderten“ und „nichtbehinderten“ Kindern verhindert wird, wird später ein Aufeinanderzugehen immer schwieriger.

Kinder sind in erster Linie Kinder – ob mit oder ohne Förderbedarf, das ist völlig egal, sie haben das Recht gemeinsam zu lernen und zu wachsen. Sie haben Das Recht Unterschiede kennen und mit ihnen umgehen zu lernen. Sie haben das Recht zusammen zu sein. Dafür muss noch viel getan werden.

Es muss auch etwas dafür getan werden, dass in der Schule auch Platz für Muße, freie Zeit und „Nichtstun“ ist. Denn „Nichtstun“ gibt es ja gar nicht. Und zusammen abhängen, auf dem Schulhof sitzen oder am Treppengeländer lehnen kann interessante neue Erkenntnisse bringen. Vor allem wenn ganz unterschiedliche Kinder dabei sind.

Vielleicht werdet ihr eine Schule besuchen, in der Unterschiede willkommen sind. Vielleicht werdet ihr Mitschüler/innen kennen lernen, die Dinge anders handhaben als ihr. Vielleicht lernt ihr Gebärdensprache oder den Umgang mit einem Hilfsmittel. Oder ihr lernt wie man sich ohne Worte, sondern durch Berührung verständigen kann. Diese Erfahrungen sind sehr wertvoll. Und vielleicht gehen dann eure Kinder alle in eine Schule, da Vorurteile in den Köpfen durch den gemeinsamen Unterricht gar nicht erst entstehen. Dann wird kein Kind mehr auf eine „spezielle“ Schule geschickt, weil es den scheinbaren Ansprüchen nicht genügt. Dann können alle Kinder zusammen ihre leuchtenden Schulranzen tragen, auf kleinen Stühlen sitzen und den Geruch von Tintenkiller erfahren.

Puppe © Inklusionsfakten

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