Mehr Elternsolidarität 

Eltern sind unterschiedlich. Sie haben unterschiedliche Wertvorstellungen, Einkommen, Weltanschauungen/Religionen, politische Haltungen, Familienkulturen usw. Auch ihre Kinder sind unterschiedlich und brauchen unterschiedliche Formen von Ansprache und Anregung. Neben den Unterschieden gibt es auch viele Gemeinsamkeiten. Die meisten Eltern eint die Liebe zu ihrem Kind. Das Wohl des eigenen Kindes steht im Vordergrund. Sie wollen, dass sich ihre Kinder zu zufriedenen, resilienten und toleranten Erwachsenen entwickeln, die sich auch von belastenden Lebensereignissen erholen können. Die meisten Eltern wünschen sich für ihr Kind auch in der Schule die bestmögliche Förderung.

Diese gemeinsamen Ziele, die den eigenen Nachwuchs betreffen, können zu einer großen Verbundenheit mit anderen Eltern innerhalb einer Schulklasse führen. Eltern können sich gegenseitig in ihren Ideen und Aktivitäten unterstützen. Doch manchmal mangelt es an dieser Verbundenheit. Elternsolidarität macht sich vor allem dann rar, wenn etwas Neueingeführtes die alten Strukturen aufweicht und Veränderungen Verunsicherungen auslösen. Wenn es dann nicht gleich wie geschmiert läuft, wird gerne ein Sündenbock gesucht – besonders gut geeignet sind dabei Familien, die irgendwie aus der Rolle fallen, weil sie den scheinbaren Normen der „Mehrheitsgesellschaft“ nicht entsprechen.

Wenn Kinder mit und ohne Behinderung auf eine Schule gehen, so wie von der UN-Behindertenrechtskonvention gefordert und so wie es in einer demokratischen und inklusiven Gesellschaft sein sollte, dann stoßen nicht selten unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Das ist ersteinmal ein wichtiger Lernprozess, die unterschiedlichen Bedürfnisse zu erfahren und ihnen gerecht zu werden. Dass das möglich ist, veranschaulichen zahlreiche Beispiele im In- und Ausland seit Jahrzehnten. Gerade Wissenslücken und Vorurteile fördern die Inklusionsskepzis.

Das Thema Inklusion ist auch unter Eltern umstritten. Das liegt vor allem daran, dass die Idee der Inklusion für viele Eltern recht neu ist. Gäbe es die Inklusion schon sehr lange, dann würde sich niemand darüber wundern, wenn ein Kind in der Klasse sitzt, das gerne 100 mal den Lichtschalter an und aus macht oder sich unter dem Tisch versteckt, obwohl alle ihr Arbeitsblatt bearbeiten sollen. Es wurde sich niemand sonderlich wundern, wenn da ein Kind ist, das plötzlich laut schreit, weil es sich nicht anders ausdrücken kann. Niemand würde rufen: „Die sollen raus aus dieser Schule. Die haben hier nichts zu suchen.“ Niemand würde hinter vorgehaltener Hand (oder auch nicht) sagen: „Für die gibt es doch Förderschulen.“ Es wäre völlig normal, dass Kinder, die sich voneinander unterscheiden, gemeinsam und miteinander spielen und lernen. Es wäre nichts ungewöhnliches daran, dass es unterschiedliche Lernformen, unterschiedliche Rhythmen und unterschiedliche Lernniveaus innerhalb einer Klasse gibt. Auch die Lehrerinnen und Lehrer könnten gut damit umgehen, denn sie wissen „eine Größe für alle“- das war einmal. Lernen im Gleichschritt wäre schon lange passé.

Wenn die Eltern selbst als Schüler/innen Inklusion erfahren hätten, so wie viele ihrer Kinder heute, wäre vielleicht einiges anders. Für das gemeinsame Ziel einer guten, inklusiven Bildung können sich die Eltern zusammen schließen und sich gemeinsam für bessere Bedingungen einsetzen. Dass ein Kind die Klasse verlassen soll, steht ausser Diskussion. Denn für alle Beteiligten ist klar: Jedes Kind hat ein Recht auf inklusive Bildung und jedes Kind ist bildbar. So wie Eltern gemeinsam den Klassenraum neu streichen, sich für die Renovierung der Schultoiletten einsetzen und dabei auch mal bis zum Schulrat gehen, so selbstverständlich kämpfen sie gemeinsam für eine/n Integrationshelfer/in oder einen Fahrstuhl. Nicht, weil das eigene Kind diese Hilfe braucht, sondern weil das eigene Kind Werte wie Solidarität vorgelebt bekommen soll und weil das eigene Kind in einer Gemeinschaft lebt (zumindest einen großen Teil seines Lebens), die es zu schützen und zu erhalten gilt. Der Einsatz für andere Kinder ist in diesem Sinne kein Wohlfahrtsprogramm, sondern eine humanistische Grundhalten, die allen zugutekommt. Letzendlich wissen Eltern auch einfach, wie es sich anfühlt: die Sorge um den Nachwuchs. Auch das Gefühl der Ohnmacht und sich unegrecht behandlet zu fühlen, kennen die meisten (auch ohne Elternstatus). Nicht schwer also, sich in Eltern hineinzuversetzen, die sowohl von der Gesellschaft als auch im Setting Schule an den Rand gedrängt werden.

Werden Menschen geboren, die es von Beginn an sehr schwer haben, weil sie nicht gut oder gar nicht hören, sehen, sich artikulieren können, dann brauchen sie erst recht Unterstützung und Anregung durch andere Kinder. Und auch die Eltern brauchen Unterstützung. Und im Schulsetting, braucht es vor allem eins: Solidarität.

Wenn Eltern das Wohl des eigenen Kindes im Blick haben, dann ist das nicht nur wichtig und gut, sondern selbstverständlich. Schwierig wird es, wenn dieses Wohl über das Wohl aller anderen gestellt und dabei nicht nach links und rechts geschaut wird. Denn in einer Gemeinschaft geht es um die Bedürfnisse aller. Daher ist es so wichtig, wenn Kinder in inklusiven Settings lernen, was mein/e Mitschüler/in braucht, welches Bedürfnis er/sie hat. Es gibt genug Methoden und Konzepte, wie beispielsweise die „Gewaltfreie Kommunikation“ nach Rosenberg, die uns zeigen, wie man eigene Bedürfnisse ausdrückt, wie man einen Konsens finden kann, und wie man erfährt, welche Gefühle mein gegenüber gerade hat. Im Grunde geht es um eines: Empathie. Doch wenn auf Elternabenden, Eltern sagen, sie wollen nicht, dass Kind X mit auf Klassenfahrt fährt oder sich für einen Schulwechsel von Kind Y ausdrücken oder die Schuld für ein schlechtes Klassenklima auf ein einzelnes Kind schieben, dann läuft etwas schief. Gewaltig schief.

Oft werden nicht nur einzelne Kinder, sondern auch deren Eltern als Störenfriede abgestempelt. Weil sie denken, dass der eigene Sprössling zu kurz kommt oder schlechter lernt, soll das unpassende Kind mit den unpassenden Eltern doch bitteschön die Schule oder wenigstens die Klasse verlassen. Und so wird weiterhin gelernt, dass Aussortieren von Menschen in Ordnung ist. Es wird nicht gelernt mit Konflikten oder Differenzen umzugehen. 

Es gibt immer Gründe, warum Schwierigkeiten entstehen. Und das Kind hat keine Schuld daran. Auch nicht die Inklusion. Viel mehr gilt es die Bedingungen in den Blick zu nehmen und dabei nach pragmatischen Lösungen zu suchen. Dafür braucht es Kommunikation. Die unterschiedlichen Vorstellungen müssen transparent gemacht und Missverständnisse beseitigt werden. Im Grunde geht es auch darum, dass Eltern vorleben, wie die gesamte Klassengemeinschaft gut zusammen halten kann, wie sie mit Konflikten lernt umzugehen und welche Haltungen zu Unterschiedlichkeiten entwickelt werden. Ein empathischer und offener Umgang mit Unterschiedlichkeiten ist eine wichtige Grundlage für unser Zusammenleben. Doch während die Kinder diesen Umgang an der inklusiven Schule lernen, fehlt den Eltern diesen Entwicklungsschritt manchmal.

Elternsolidarität heißt: „Du hast keine Schuld, dein Kind hat keine Schuld, hier läuft etwas schief und wir müssen etwas ändern, lasst uns nach Möglichkeiten suchen, damit umzugehen.“ Gerade Eltern, die das Wohl ihrer Kinder im Blick haben, sollten zusammenhalten.

Elternsolidarität heißt, dass erst einmal alle Kinder, egal ob mit oder ohne Behinderung, egal mit welchem Label sie versehen wurden, egal welcher Herkunft, akzeptiert werden. Sie sind Mitglied dieser Klasse. Sie sind Mitglied dieser Gemeinschaft. Ein Ausschluss steht nicht zur DebatteElternsolidarität heißt auch, sich für andere Eltern einzusetzen, die das im Moment selber nicht können. 

Wir sind Eltern. Wir lieben unsere Kinder. Wir wollen mit ihnen in einer demokratischen, toleranten, inklusiven Gesellschaft leben. Dafür braucht es Elternsolidarität und den Einsatz für Gemeinschaft und Inklusion.

sonnenblumen ©Inklusionsfakten.de

 

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