Schluss mit: „Inklusion – ja, aber…“

In der Theorie finden Inklusion im Bildungsbereich viele Menschen gut und richtig. Mit der Praxis haben jedoch viele noch Bauchschmerzen. Dass es an personellen, räumlichen und sächlichen Ressourcen mangelt, ist nicht von der Hand zu weisen. Deshalb wird in Inklusionsdebatten oft ein „Inklusion, ja aber…“ angeführt. Doch dieses „Ja, aber…“ ist für die Inklusion gefährlich.

Anstatt für die Inklusion zu kämpfen und die Beseitigung der genannten Mängel einzufordern, wird mit den Finger auf die gezeigt, die am wenigsten etwas dafür können: auf Kinder mit Förderbedarf. Es wird nicht mit dem Finger auf Bildungspolitiker/innen, auf Finanzminister/innen oder die/den Bürgermeister/in gezeigt. Das ist nicht fair.

Statt „Inklusion – ja, aber…“ kann es heißen:

Inklusion – ja, UND die Rahmenbedingungen müssen gestellt werden. Wir prangern die Missstände an, nicht die Inklusion. Wir adressieren an die Verantwortlichen. Das sind Politiker/innen, niemals Kinder.“

Doch in den meisten Artikeln, die man so liest, werden Politiker/innen oder andere verantwortliche Erwachsene wenig erwähnt. Erwähnt wird Lukas, der über Tische und Bänke springt. Erwähnt wird Kira, die immer noch nicht lesen kann, was sie gefälligst mal lernen soll, damit die Lehrerin Zeit für andere Kinder hat. Erwähnt wird ein geflüchtetes, traumatisiertes Kind, das in der Ecke sitzt und nichts sagt und für das man zusätzlich Zeit benötigt – Zeit, die nicht-geflüchtete, nicht-traumatisierte Kinder dann auf einmal nicht mehr bekommen würden.

Es ist eine ekelhafte Hierarchisierung von Menschen, die mit der Idee der Menschenrechte nichts mehr gemein hat. Menschenrechte kennen kein „Ja, aber…“. Menschenrechte gelten universell, überall, für alle. Alle Kinder haben das Recht auf gute Bildung. Übrigens sagt das Riedel-Gutachten zu Kindern wie Lukas:

Wenn ein ‚Schreikind‘ den Förderschülern zumutbar ist, muss er auch den Regelschülern zumutbar sein; ein Rangverhältnis ist nicht zulässig, und alles andere wäre eine Diskriminierung“ (Riedel, Eibe (2010) S.26: Gutachten zur Wirkung der internationalen Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und ihres Fakultativprotokolls auf das deutsche Schulsystem. Mannheim/Genf: Universität Mannheim).

Inklusion, ja, aber…“ könnte man ja mal analog zu „Schule, ja, aber..“ sehen. Wenn es danach geht, was alles nicht funktioniert und noch nicht fertig ist, könnten wir unsere Kinder gar nicht zur Schule schicken. Das Schulklo ist marode, es tropft von der Decke der Turnhalle, Schulstunden fallen zu oft aus und die Klassen sind viel zu groß. Die Lernsituation ist an den meisten Schulen stark verbesserungswürdig – unabhängig davon, ob Kinder mit Behinderungen an diesen Schulen lernen. Und ausgerechnet diese Mängel werden in Verbindung mit Inklusion gesetzt und wieder kommt es zu einer Hierarchisierung: „Die Schulen haben mit sooooo viel zu kämpfen, da können sie nicht auch noch Inklusion machen und Kinder mit Behinderungen mit unterrichten.“

Wieder wird die Inklusion oder Kinder mit Förderbedarf für das Chaos oder vermehrte Chaos verantwortlich gemacht. Doch wer trägt tatsächlich die Verantwortung? Wieso wird nicht der/die Ministerpräsident/in oder der /die Bürgermeister/in als Verantwortliche/r benannt?

Schule findet statt. Jeden Tag. So müsste es auch mit der Inklusion sein. Sie müsste täglich an allen Schulen stattfinden. Kinder mit Behinderungen haben ein Recht auf gleichberechtigte Teilhabe an einer inklusiven Schule. Heute. Jetzt. Und nicht erst dann, wenn alles tiptop ist. Das wäre natürlich wünschenswert. Mehr als nur wünschenswert, sondern ein Menschenrecht ist der Anspruch auf Unterstützung. Auch dieser Anspruch steht, wie das Recht auf inklusive Bildung, in der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 ratifiziert hat. Kinder mit Behinderungen haben ein Recht auf Hilfe, die sie für die gleichberechtigte Teilhabe am inklusiven Schulunterricht benötigen.

Ja, in der Praxis gibt es viele Baustelle. Doch ein Abwarten verhindert den notwendigen Transformationsprozess hin zu einem inklusiven Schulsystem. Ebenso das Beibehalten der Förderschulstruktur. Denn die Ressourcen werden dringend in der inklusiven Bildung benötigt. Beide Systeme, das Regel- und das Sonderschulsystem, parallel laufen zu lassen, verhindert Inklusion und verhindert die Umsetzung von Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention.

Inklusion, ja aber“ spielt das Menschenrecht auf inklusive Bildung aus. Kinder mit Behinderungen gehen jetzt zur Schule und nicht erst dann, wenn irgendwann einmal alles vorbereitet wurde.

Damit sollen die fehlenden Ressourcen keinesfalls abgetan werden, aber es sollte deutlich gemacht werden, dass es nie tiptop sein wird, dass es nie paradiesische Zustände geben wird, dass es leider immer einen Mangel an den Schulen gibt – wenn sich nicht grundlegend etwas ändert. Denn die gegenwärtige Bildungspolitik versäumt es in die Zukunft zu investieren. Was die Bildungsausgaben angeht ist Deutschland im internationalen OECD-Staatenvergleich ein schlechter Witz.

Statt „Aber“ brauchen wir „Und“ und damit klare Forderungen an die Politik und kein Sündenbock wie Lukas, Kira oder ein Kind mit Traumatisierungen.