Schulpreis für Förderschule…echt jetzt?

Eigentlich finde ich Preise toll. Sie zeigen Best-Practice-Beispiele und werben im besten Fall für gute Ideen, wie man Dinge anders und vielleicht auch besser anpacken kann. Gerade Schulen brauchen da, wenn sie schon nicht genug politisch gepusht und besser ausgestattet werden, ein paar Anreize. Doch wie sieht es aus mit dem größten Schulpreis – dem Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung? Zugegeben: Diese Nachricht macht mich nachdenklich.

Da setzen wir uns für Inklusion ein, da ist seit 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft, da gibt es viele Studien, die gerade die Schädlichkeit von „Lernbehindertenschulen“ nachweisen (siehe hier), da gibt es die Monitoring-Stelle des Deutschen Instiuts für Menschenrechte, die die Doppelstruktur (Regelschule UND Förderschule) anmahnt und den Abbau von Förderschullen fordert und jetzt das! Tataaaa. Der Preis der Jury des Deutschen Schulpreises wurde vergeben und geht an die Don Bosco Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung in Würzburg der Caritas (Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung,  Förderschwerpunkt Lernen)…ich bin jetzt erst mal etwas sprachlos, denn mit Inklusion hat das absolut nichts zu tun. Zwar wurden auch Schulen ausgezeichnet, die in Richtung Inklusion gehen, aber die Signalwirkung eines Preises sollte durchweg Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention berücksichtigen und aufzeigen, dass Kinder mit Behinderungen in die Mitte der Gesellschaft gehören. Schulen sollten die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln. Weder die Schülerschaft dieser ausgezeichneten Schule, die Prof. Wocken als „Schule der Armen, der Arbeitslosen und der Sozialhilfeempfänger“ bezeichnet, ist besonders heterogen/sozial durchmischt, noch die Lehrerschaft, die aufgrund der katholischen Sexuallehre und der Trägerschaft der Caritas keine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen kann ohne eine Kündigung zu riskieren (wir erinnern uns an die Hortleiterin im bayerischen Holzkirchen).

Die menschenrechtliche Idee der Inklusion lebt vom Leitgedanken der Anti-Diskriminierung und der gleichberechtigten Teilhabe. Keiner soll aufgrund eines Merkmals ausgeschlossen werden. Warum die Jury des Deutschen Schulpreises eine Förderschule auszeichnet -ohne ein kritisches Wort zum segregativen Charakter dieser Schulen- ist in Anbetracht der Inklusionsprozesse kaum nachvollziehbar. Jedenfalls nicht für mich.

Prof. Wocken meint: „Wenn es nach der Wissenschaft ginge, müsste die Förderschule von heute auf morgen geschlossen werden„. Dr. Demmer-Dieckmann sagt: „Aufgrund der empirischen Befunde hätten die Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen schon längst durch integratives Lernen ersetzt werden müssen”. Christoph Ehmann sagt, die Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen sei eine „Schule für Ausgegrenzte“.

Auf der Homepage der Don Bosco Schule steht:

Wichtige Partner in diesem Netzwerk sind neben der Agentur für Arbeit:
• die Betriebe das Caritas-Don-Bosco-Berufsbildungswerk Würzburg,
• Ausbildungsbetriebe des ersten und zweiten Arbeitsmarktes
• sowie die Werkstatt für behinderte Menschen.

Das ist nicht verwunderlich. Wir wissen, dass Abgänger der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ wenig Teilhabechancen haben. Wir wissen aus der Forschung und der Praxis wie wenig effektiv diese Schulform ist:

  • 77,2% der Schülerinnen/Schüler der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ erreichen keinen Schulabschluss (siehe: Studie Klemm, Bertelsmann-Stiftung, Sonderweg Förderschule. Hoher Einsatz, wenig Perspektiven, S.4).
  • Die Studie von Dr. Schumann zeigt: Das Selbstkonzept der Schüler dieser Schule leidet durch den Ausschluss vom Regelschulsystem.
  • Je länger das Kind an der „Lernbehindertenschule” ist, desto „dümmer” wird es (Wocken-Studie)
  • Die Lernleistungen sind schlechter als im inklusiven Unterricht (siehe: IQB-Studie, BieLieF-Studie)
  • Zahlreiche Studien haben ergeben, dass Kinder in inklusiven Settings deutlich mehr lernen als an Förderschulen (Bless 1995; Haeberlin u. a. 1990; Hildeschmidt/Sander 1996; Myklebust 2006; Tent u. a. 1991; Wocken 2007).
  • Kinder mit bestimmten Merkmalen sind überproportional häufig an der „Lernbehindertenschule” vertreten („Institutionelle Diskriminierung“) „In den Sonderschulen (Förderschwerpunkt Lernen) findet sich eine Überrepräsentanz der Kinder nichtdeutscher Herkunft, eine Überrepräsentanz der Armen, eine Überrepräsentanz der Jungen, eine Überrepräsentanz von Kindern arbeitsloser Eltern, eine Überrepräsentanz der Kinderreichen und eine Überrepräsentanz von Kindern, die von kultureller Armut betroffen sind“ (Jutta Schöler/Reinhard Burtscher).

Wie es genau an der Don Bosco Schule aussieht, die eine Berufsschule für Schülerinnen/Schüler mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen (den es in anderen Ländern übrigens nicht gibt) ist, bleibt offen. Für das System können die Schülerinnen/Schüler nichts und dafür können auch die Lehrerinnen und Lehrer der Don Bosco Berufsschule nichts, die sicher -im Rahmen der Sonderschule- engagierte und hervorragende Arbeit leisten und alles dafür tun, dass ihre Schülerinnen/Schüler gute Möglichkeiten bekommen in der Berufswelt Fuß zu fassen. Dafür kann aber das System etwas und die Verantwortlichen. Denn sie wissen:

  • Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet ein inklusives Schulsystem und einen inklusiven und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt
    aufzubauen (Artikel 24 und Artikel 27 UN-BRK).
  • Alle Studien zum Lernerfolg zeigen, dass die Mehrheit der behinderten Kinder in der Regelschule größere Fortschritte macht als in der Förderschule – und öfter einen Schulabschluss erreicht, der berufliche Perspektiven eröffnet” (Prof. Klaus Klemm 2014, Südwest Presse).
  • die Wocken-Studie, die BiLieF-Studie, die Ergebnisse von Bildungsvergleichsstudien des IQB und weitere Untersuchungen (Forschungsergebnisse_GU) zeigen, dass Schüler/innen im inklusiven unterricht mehr lernen.
  • In unserer Zeit brauchte die Aufgabe, Behinderte in die Schule und in die Gesellschaft zu integrieren, nicht formuliert zu werden, wenn es die separate Förderung in Sonderschulen nicht gäbe und wenn Behinderte im gesellschaftlichen Leben nicht in der Gefahr stünden, eine desintegrierte Randgruppe zu sein oder auch zu werden. Allerdings darf man die Integration nicht allein aus der Perspektive der Behinderten sehen. Die Gemeinsamkeit von Behinderten und Nichtbehinderten, die der Begriff Integration zum Ausdruck bringt, geht alle Menschen an“ (Jakob Muth 1986).

Sollten nicht auch Inklusion als Kriterien für einen Schulpreis gelten?  Die Jury, die die Förderschule ausgezeichnet hat, besteht doch aus vielen klugen Köpfen -mit Dr. und so- und kennt sicherlich die vielen Forschungsbefunde zum Gemeinsamen Unterricht (Forschungsergebnisse_GU). Oder etwa nicht? Die Don Bosco Berufsschule gibt ihr bestes, bleibt aber eine Förderschule. Und das sollte nicht zum Anlass genommen werden, dass noch mehr Berufsförderschulen nach dem Vorbild entstehen. Viel wichtiger ist es Inklusion an Berufsschulen flächendeckend umzusetzen. Förderschulen waren einmal als Schritt gedacht, Menschen, die vorher im Schulsystem durch alle Raster gefallen sind, wieder an Bildung teilhaben zu lassen. Nun wissen wir: Das hat nicht gut funktioniert.

Berufsschulen sind wichtig. Auch sie müssen sich für Inklusion öffnen. Auch in Bayern. Denn: „inclusive system at all levels“. Es gibt bereits gute Beispiele, die zeigen wie Inklusion an Berufsschulen gelingt. Hier gibt es noch ganz viel zu tun. Denn bisher ist Inklusion an Berufsschulen noch nicht selbstverständlich. Leider hat die Jury des Deutschen Schulpreises die Chance verpasst eine Berufsschule auszuzeichnen, die zeigt, wie Inklusion geht. Ich dachte Preise würdigen auch die Vorwärtsgewandtheit einer Schule nicht die Rückwärtsgewandtheit eines veralteten Systems, das international durch seine Aussortierneigung auffällt. Warum 2015, sechs Jahre nachdem die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft ist und wenige Monate nach der Staatenberichtsprüfung, bei der die UNO uns nochmal verdeutlicht hat, dass Förderschulen abgebaut werden müssen, ausgerechnet eine Förderschule ausgezeichnet wird, ist mir schleierhaft. Sechs Kriterien waren für die Jury bei der Vergabe der Preise wichtig: Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution. Da wäre ein Blick auf die Kriterien des Jakob Muth Preises oder auf folgende Liste als Ergänzung sicher sinnvoll gewesen:

Woran erkennt man eigentlich, ob eine Schule wirklich inklusiv ist? Kersten Reich hat in seinem Buch „Inklusive Didaktik. Bausteine für eine inklusive Schule” Indikatoren zusammengestellt: Reich, Inklusive Didaktik, © 2014 Beltz Verlag, Weinheim und Basel.

Immerhin: Der Hauptpreis des Deutschen Schulpreises geht an die Gesamtschule Barmen, Wuppertal. Dort ist Inklusion Alltag. Dieser Hauptpreis kann als ein wichtiges Signal für eine Schule für alle und gegen ein viergliedriges Schulsystem gedeutet werden. Denn obwohl nur 17 Prozent der in die 5. Klasse aufgenommenen Schüler der Gesamtschule Barmen eine Gymnasialempfehlung hatten, schafften 60 Prozent den Sprung in die Oberstufe.

Was meint ihr dazu?

Pokal Inklusion ©Inklusionsfakten.de

Und hier gehts zu den Argumenten und Studien, die zeigen, wie traurig und nachteilig Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen sind.

Ein Kommentar

  • Danke für die Gedanken!
    Ich kenne Förderschulen im Bereich Lernen und GB, die hervorragende Arbeit leisten, die die Kinder im Blick haben und die über Ressourcen verfügen, von denen manche Regelschule träumt (Raumangebot, Klassengröße). Ich wünsche mir, dass wir diese wertvollen Kompetenzen und Ressourcen im Regelschulbereich wiederfinden. Das wäre ein Preis wert für die Schulpolitik!

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