Welchen Lehrertyp im Inklusionsprozess kennen Sie?

Der eine Lehrer ist von inklusiver Bildung begeistert, die andere Lehrerin genervt. Während sich manche Kollegen für Inklusion engagieren, wollen andere, das alles bleibt wie es ist. Beim Thema „inklusive Bildung“ zeigt sich die Einstellung der Lehrerschaft zur großen bildungspolitischen Debatte. Eine Typologie.

Der Hardliner: Als 30 jahrelanges Mitglied im Deutschen Philologenverband kann er sich nicht vorstellen, dass ein Schüler mit Behinderung in seiner Klasse sitzt. Wozu gibt es denn Förderschulen? Inklusion ist für ihn sowieso nur Sozialromantik. Wer seinem leistungsorientierten Unterricht nicht folgen kann, muss eben dahingehen, wo er unter „Seinesgleichen“ ist. Als Gymnasiallehrer für Latein und Geschichte wäre eine Abkehr vom langwierigen Frontalunterricht ein Verrat an…ja an was eigentlich? Nicht „was nicht passt, wird passend gemacht“ ist sein Motto, sondern „was nicht passt, muss die Schule wechseln“.

Das Urgestein: Gemeinsamen Unterricht praktizierte sie bereits als das Wort Inklusion noch völlig unbekannt war. Sie kämpfte gemeinsam mit Eltern gegen Schulbehörden für den ersten Schulversuch „Integration“ der Stadt und war sich von Anfang an sicher, dass das der bessere Weg ist. Von manchen Kollegen belächelt und von manchen Schulrat gemieden, engagierte sie sich auch für die Integration von Schülern mit so genannter „schwerer Mehrfachbehinderung“. Die Bedingungen waren damals alles andere als einfach, aber Inklusion beginnt bekanntlich im Kopf. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. In aktuellen Inklusionsdebatten spielt sie gerne den alten Hasen „Ach, das haben wir schon in den 80ern so gemacht…“.

Der Systemgegner: Noten, Schulbeginn um 8 und das starre Auswendiglernen – dieser Lehrertyp kritisiert das System, wann immer er kann. Der Deutschunterricht für die Mittelstufe findet im Café und die Philosophiestunde mit Kissen am Boden statt. Ein Schüler mit Behinderung? Bitteschön, ein weiteres Kissen ist im Schrank. Der Systemgegner freut sich über jede neue Schülerin und jeden neuen Schüler – ob behindert oder nicht – völlig egal. Ein gegliedertes Schulwesen ist für ihn der Keim für Ungerechtigkeit. Deshalb sind bei ihm alle willkommen. Freude und Eigenverantwortung stehen bei ihm an erster Stelle, dafür hinkt er dem Lehrplan auch gerne hinterher.

Die Begeisterte: Von Inklusion hat sie erst spät erfahren, fand die Idee aber gleich spitze. Innerhalb kürzester Zeit las sie sich in Methoden inklusiver Pädagogik und Didaktik ein, besuchte Fortbildungen und Fachtagungen und warb bei Kollegen für die Inklusionsidee. Wann immer ein Kollege meint, der Unterricht mit Schüler X mit Behinderung funktioniere nicht, zählt sie ungefragt zehn Methoden und pädagogische Interventionen auf, wie es doch funktionieren könne. Nach Schulschluss bastelt sie Rechenketten oder näht Sitzkissen. Weder Angespuckt zu werden, noch die Kritik der Kollegen, noch die fehlenden Ressourcen halten sie von ihrem Vorhaben ab, Inklusion umzusetzen. Von Aktion Mensch hat sie deshalb gleich 10 Jahreslose im Abo.

Der Traditionelle: Dieser Sonderpädagoge hat Sonderpädagogik studiert, weil er gerne mit „besonderen Kindern“ in Sonderschulen arbeitet. Er ist Mitglied im Verband Sonderpädagogik und mag ganz besonders Sondersysteme für „Ausgesonderte“. Hätte er etwas anderes gewollt, hätte er etwas anderes studiert. Inklusion geht für ihn zu Lasten der Sonderschüler, denn er kann sich (trotz der Studien) nicht vorstellen wie seine Schützlinge an Nicht-Sonderschulen zurecht kommen können. Er ist fest davon überzeugt: Kinder mit Behinderungen brauchen die Sonderschule als Schutzraum. Hier werden sie geschont. Das muss richtig sein, denn das war schon immer so.

Der Bequeme: Dieser Lehrer ist vor allem wegen der Schulferien und den Arbeitszeiten Lehrer geworden. Er unterrichtet die Fächer Sport und Musik und hat die Nachmittage am Liebsten frei. Der Inklusion stand er zuerst skeptisch gegenüber, da er Mehrarbeit befürchtete. Als dann die Sonderpädagogin mit in die Klasse kam und einen Teil des Unterrichts übernahm, war er zufrieden. Er schaute sich ein paar Methoden ab und sparte sich so die Fortbildung. Während der Gruppenarbeit und während „Lernen an Stationen“ kann er sogar einen Blick in die Zeitung werfen, während Sonderpädagoge und/oder Integrationshelfer die Kinder unterstützen. Dafür nimmt er die ein oder andere Schulstunde ohne zusätzliche Lehrkraft gerne in Kauf.

Der Zwanghafte: Nur klare Strukturen geben diesem Lehrertyp Halt und Sicherheit. Weiße Socken liegen in der weißen Sockenkiste, grüngestreifte Unterhosen in der dafür vorgesehenen Kiste für grüngestreifte Unterhosen und schwarze Kugelschreiber in dem Stiftehalter für schwarze Kugelschreiber. Kleinste Abweichungen lassen diesen Lehrertyp panisch werden. Etwas Schlimmeres als Inklusion kann diesem Lehrer gar nicht widerfahren. Denn bisher besuchten Förderkinder Förderschulen, Professorenkinder Gymnasien und Ayses und Mandys Sekundarschulen. Mit der Zwangsversetzung an eine Gesamtschule ist er nur knapp einem Nervenzusammenbruch entkommen. Um in seiner jetzigen Inklusionsklasse nicht völlig durchzudrehen setzt er Kinder mit schwarzen Kapuzenpullis zu einer Arbeitsgruppe, Kinder mit Jeans zu einer weiten Arbeitsgruppe und Kinder mit weißen Socken zu noch einer Arbeitsgruppe zusammen. Der Vorteil: Die Lerngruppen sind bunt gemischt und bereichern sich gegenseitig.

Die Gewerkschaftlerin: Inklusion steht für sie nicht zur Diskussion, aber die Bedingungen müssen auch stimmen. Es fehlt an zusätzlichen sonderpädagogischem Personal, an geeigneten Räumlichkeiten und an Integrationshelfern. Dafür muss gekämpft werden. Am besten gemeinsam. Sie wirbt bei Kollegen für die Mitgliedschaft der Lehrergewerkschaft und legt sich in politischen Gremien und Runden Tischen mit Schulräten und Politkern an. Ein Tinnitus und zwei Hörstürze halten sie nicht auf, sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Inklusion einzusetzen. Die goldene Ehrennadel der Gewerkschaft trägt sie sogar am Wochenende.

Der Besorgte: Dieser ängstliche Lehrertyp lässt sich eher von Ängsten leiten als von empirischen Befunden. „Ja, werden dann nicht Massen von Förderschülern an unsere Schule kommen?“, „Werden die nichtbehinderten Kinder nicht benachteiligt?“ und „Kostet das nicht alles viel zu viel?“ sind permanente Fragen, die er sich stellt. Damit die Ängste nicht kleiner werden, vermeidet er auch den Besuch von Informationsveranstaltungen oder das Lesen von Fachbeiträgen. Von der UN-Behindertenrechtskonvention hat er noch nichts gehört. Es gelingt ihm jedes Schuljahr, sich vor dem Unterricht in Inklusionsklassen zu drücken. Auch privat kennt er niemanden mit Behinderung. Nachts im Bett fürchtet er sich vor der Zukunft: „Wie soll das alles nur werden?

Der Ehrgeizige: Dieser Lehrer versucht alles aus seinen Schülern rauszuholen. Materialien und Methoden sind immer nach den neusten Erkenntnissen vorhanden, zur Not finanziert er sie auch selbst. Besonders die Technik hat es ihm angetan. Lernen am Pc, Tablets oder Power-Point-Präsentationen sind gern gesehen. Inklusion ist nur eine von vielen Herausforderungen, die er sich gerne stellt. „Wow, was kann der Talker noch?“ oder „Den E-Rollstuhl könnten wir doch mit dem Smartphone verbinden?“. Für ihn ist der inklusive Unterricht ein Gewinn. Ob technisch oder pädagogisch – für ihn gibt es immer eine Lösung.

Inklusionslehrer ©Inklusionsfakten

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