Worte können weh tun

Viele Menschen sind genervt, empört, betroffen oder wütend, wenn sie diskriminierende Sprache hören. Dazu zählt auch die -oft im heilpädagogischem Umfeld benutzte- fast schon übliche Verniedlichung wie Downies, Aspis, Autis usw. Wenn betroffene Menschen dies als Selbstbezeichnung benutzen wollen, bitteschön. Aber es ist oft etwas anderes, wenn jemand Nichtbehindertes diese Sprache benutzt. Denn oft kommt es vor, dass Menschen mit Behinderungen selbst Bezeichnungen selbstbewusst für sich in Anspruch zu nehmen, um auf einen Missstand hinzudeuten. Bezeichnungen, die ursprünglich eine Gruppe von Menschen abgewertet haben, werden von den Betroffenen im Sinne des Empowerments positiv umgemünzt. Die selbstbezeichnete „Krüppelbewegung“, die „Krüppel-Zeitung“, „die Krüppelgruppen“ und das „Krüppeltribunal“ prangerten die Menschenrechtsverletzungen an Menschen mit Behinderungen in den 80er Jahre an. Es waren Menschen mit Behinderungen, die gemeinsam Gleichstellung einforderten. Es ist also ein großer Unterschied, ob Betroffene selbst Begriffe verwenden oder ob eine nichtbehinderte Mehrheit definiert, was in Ordnung ist und was nicht. Zum Beispiel wird der Begriff „geistige Behinderung“ von der großen Selbstvertreterorganisation „Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V.“ abgelehnt. Er wird als abwertend empfunden. Alternativ wird für die Bezeichnung „Menschen mit Lernschwieirgkeiten“ plädiert.

Kinder sind in erster Linie Kinder – keine „Spastiker“, „Downies“, „Rollstuhl-Kinder“, „Verhaltensgestörte“ oder ähnliches. Das gilt übrigens auch für andere Vielfaltsmerkmale wie Herkunft, Aussehen, Hautfarbe usw. Der Zentralrat der Sinti und Roma zum Beispiel, fordert zwar kein Verbot des Wortes Zigeuner, meint aber, dass die Selbstbezeichnung als Sinti_e, als Roma eine Frage des Respekts gegenüber der Minderheit ist. Der Begriff ist zudem eine klischeehafte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft. Die meisten Sinti_e und Roma finden diesen Begriff diskriminierend und lehnen ihn ab. Sie selber haben sich niemals selbst so genannt.

Wenn mir mitgeteilt wird, dass ein Begriff abwertend, rassistisch oder verletzend ist, auch wenn ich es nicht so meine, muss ich diesen Begriff doch nicht weiter benutzen. Ich kann sagen: „Okay, das war mir nicht bewusst“ und in Zukunft darauf achten Worte und Begriffe zu verwenden, die die Menschen selbst zur Bezeichnung ihrer Merkmale benutzen. Dazu gehört auch nachzufragen oder mich damit zu beschäftigen, woher manche Begriffe kommen und bei wem die Definitionsmacht liegt/lag. Es kann auch sein, dass der eine sagt, er bevorzugt diesen Begriff zur Bezeichnung seiner Merkmale. Die andere sagt, auf keinen Fall, bitte benutze diesen Begriff. Bei vielen Begriffen ist man sich allerdings einig, dass sie schlicht diskriminierend sind.

Richtig, ich kann nicht alles wissen, aber ich kann dazulernen. Es passiert einfach, dass ich ein Begriff verwende und damit Menschen weh tue. Wenn mir gehörlose Menschen mitteilen „wir sind nicht stumm odr taubstumm. Das Wort passt nicht. Es ist defizitär und falsch. Wir können sprechen“, dann ist das ein wichtiger Hinweis zur Verwendung diskriminierungsfreier Sprache. Es geht dabei nicht um eine dogmatische Sprachregelung. Es geht um einen kritischen, reflektierten und nicht diskriminierenden Sprachgebrauch, den ich Kindern vorlebe. Hier haben auch Pädagoginnen/Pädagogen eine besondere Verantwortung.

Worte 2015 ©Inklusionsfakten.de

Zum Weiterlesen:

Auf Facebook erkärt die Ohrenkuss-Redaktion, warum sie das Wort „Downie“ unpassend finden.

Rebecca Maskos: „Bist Du behindert oder was?!“ Behinderung, Ableism und souveräne Bürger_innen. bidok 2011.

Susan Arndt & Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus
Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast Verlag. 2011.

Anatol Stefanowitsch: Sprache und Ungleichheit. Bundeszentrale für politische Bildung. 2012.

6 Kommentare

  • Prinzipiell sehe ich es auch so, wie geschildert mit einer Einschränkung:

    Ich würde das etwas differenzierter sehen wollen. Sicher ist es nicht in Ordnung, wenn von einem Nicht-Behinderten ein entsprechender Begriff benutzt wird. Es ist aber für Nicht-Behinderte wahrscheinlich auch schwer zu verstehen, was denn jetzt in Ordnung ist und was nicht. Bei einem Begriff wie „Krüppel“ mag dies (heutzutage) ja noch offensichtlich sein, dass es einen Unterschied macht, ob das jemand über sich selbst sagt (wie ausgeführt um z.B. auf Mißstände hinzuweisen) oder ob man jemanden mit einem solchen Begriff abwertet. Aber woher soll ein Nicht-Behinderter wissen, dass „Aspie“ eventuell nicht ok ist. Da ich damit ein wenig zu tun habe (wenn auch nicht beruflich) ein paar Gedanken aus meiner Perspektive heraus: Viele Betroffene nennen sich „Aspie“ (wohl auch, weil Menschen einfach Abkürzungen mögen) und das wird von ihren Familien und Freunden, Pädagogen etc. übernommen. Wenn dann ein Dritter dazukommt, das hört und zum nächsten Mensch mit Asperger „Aspie“ sagt und dieser beleidigt ist, war das für den Nicht-Behinderten wirklich vorhersehbar? Der nächste ist von „Asperger-Syndrom“ diskriminiert, der nächste von Autismus-Spektrums-Störung (weil Asperger keine „weniger schlimme Form von Autismus“ sei, sondern ein eigenständiges Setting) Wieder andere sind angenervt davon, wenn versucht wird die Elemente „Störung“ o.ä. bei Asperger wegzulassen und das einfach als Eigenschaft wie „groß“ oder „rothaarig“ zu definieren, weil dadurch die besonderen Bedürfnisse der Betroffenen für sie zu kurz kommen, die wären dann vielleicht wieder für „Aspie“ und damit schließt sich der Kreis um den Nicht-Behinderten, der jetzt gar nicht mehr weiß, was er sagen soll und wenn er nichts sagt, wird ihm vorgeworfen, das er „Aspies“ (wie auch immer er sie nennen würde) totschweigt und das Thema unter den Tisch fallen lässt. Und jeder dieser Menschen hat für sich und von seinem Standpunkt aus Recht. Jeder Einzelne. Es gibt einfach keine universell „korrekte“ Sprache, auch wenn es einige Begriffe gibt die gar nicht gehen. Im Sinne von Inklusionsfakten würde ich deshalb eher den Dialog suchen mit Nicht-Behinderten (ob professionell oder im privaten Bereich) statt ihnen Vorwürfe um die Ohren zu hauen, was man gefälligst nicht sagt. Denn wie gesagt: Das „was man nicht sagt“, das ist bis auf ein paar allgemein negativ-wertende Begriffe (wie das erwähnte „Krüppel“) höchst subjektiv.

    Es stimmt schon, wenn einem mitgeteilt wird, dass ein Begriff nicht ok ist muss ich ihn nicht mehr benutzen (darf ihn meiner Meinung nach auch nicht mehr benutzen). Nur die Crux ist: Gerade in dem Bereich sind die Befindlichkeiten recht unterschiedlich und es ist nicht nur so, dass die einen da schneller beleidigt sind als die anderen, es ist auch noch so, dass so ziemlich jeder Begriff in dem Bereich von einem Teil als beleidigend empfunden wird. Und so hilft letztlich nur miteinander reden und den anderen darauf aufmerksam zu machen, wenn man einen anderen Begriff lieber hat. Und das bei jedem aufs Neue. Denn das was man selbst lieber hat, das beleidigt vielleicht den nächsten schon wieder, der den ursprünglich verwendeten Begriff lieber hätte etc.

    • Nachtrag: Was ich eigentlich an der Stelle der „“ zitieren wollte, aber technisch irgendwie nicht geschafft habe ist:

      „Dazu zählt auch die -oft im heilpädagogischem Umfeld benutzte- fast schon übliche Verniedlichung wie Downies, Aspis, Autis usw. Wenn betroffene Menschen dies als Selbstbezeichnung benutzen wollen, bitteschön. Aber es ist etwas anderes, wenn jemand Nichtbehindertes diese Sprache benutzt.“

      Auf dieses Zitat nimmt dann auch der Rest meines Kommentars Bezug

      -Zur Ergänzung, damit es keine Verwirrung gibt 🙂

  • Was auch weh tut sind Kommentare die man vom Gericht zu lesen bekommen kann, wenn man auf der Suche nach rollstuhlgerechtem Wohnraum ist. Wie zum Beispiel ein Schreiben das ich von einem Richter zu lesen bekam, wo darin geschrieben stand: Dann nehmen sie sich doch einen schmaleren Rollstuhl damit sie durch die Türen kommen. Oder auch wenn sich Amtspersonen anmaßen über die Bedürfnisse, Anforderungen an den Wohnraum und auch familiäre Bedürfnisse zu bestimmen, oder zu urteilen und von der Materie keine Ahnung haben. Das sehe als genau so verletzend wie die beschriebenen vermeindlichen Verniedlichungen.

    Gruß Michael

  • Sehr wichtiger Beitrag!
    Danke für diesen Artikel.

    Ich biete zur Zeit Aufkleber an, die den Spruch „Behindert ist KEIN Synonym für Scheiße!“ zeigen.
    Bei Interesse einfach melden. 🙂

    „Behinderung“ ist ein allgemein als meistens eher negativ empfundener Begriff, der letztlich jedoch auch immer von der subjektiven Definition abhängig ist.
    So ist es schon ein großer Unterschied, ob definiert wird, dass „Behinderung“ ein Zustand ist, den jemand „von sich aus inne hat“, oder ob jemand durch Unzulänglichkeiten seiner Umgebung erst „behindert“ wird. Es ist eben auch die Frage, ob Menschen „behindert SIND“, oder aber „behindert WERDEN“.
    Ich persönlich empfinde zweiteres als logischer und sinnvoller. Außerdem drückt es aus, dass in dem Sinn auch JEDER Mensch in bestimmten Bereichen Behinderung(en) erfährt/erfahren muss. Sie ist etwas ganz normales. Jeder kennt sie. Sie ist in der Regel eher nervig, denn sie hindert bspw. Menschen daran, so zu handeln, wie sie es sich gerade wünschen.
    Allerdings können Behinderungen andererseits auch nützlich sein, im Sinne bspw. des Selbstschutzes von Menschen, wenn sie sich ohne eine sie einschränkende Behinderung in Gefahr begeben würden.

    Wie auch immer der Standpunkt aussieht und wie auch immer die Sichtweise und der Blickwinkel auf bestimmte Dinge geartet ist, steht für mich fest:

    Behinderung ist nicht gleich Scheiße!

    Eine Behinderung ist eine Behinderung. Das war’s. Und das ist okay.

  • Bei den Sinti und Roma wird empfohlen, die Selbstbezeichnung zu nutzen.
    Bei Menschen mit Beeinträchtigungen hingegen sollen die Selbstbezeichnungen gerade nicht verwendet werden.
    Ja, ich stimme zu – aber schmunzeln musste ich doch.
    Gar nicht mag ich vermeiden oder verniedlichen wie mit dem Wort „Handicap“. Und: Ich ärgere mich, wenn jemand sagt „Der Rolli will noch mit“. Meistens sage ich dann „ich möchte auch mit, der Rolli alleine wär blöd für mich“.

    • Es geht nicht ums „sollen“, es hat eher etwas mit Respekt und dem Miteinander zu tun. Nachfragen, welche Bezeichnung derjenige oder dienjenige bevorzugt, zeigt eine offene Haltung, anstatt bestimmte, diskriminierende Begriffe unreflektiert zu benutzen. Die Selbstbezeichnungen wie „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ oder „People of Color“ haben einen Empowerment-Hintergrund. Ich denke es versteht sich von selbst, dass der Begriff „Krüppel“ im Zusammenhang mit der „Krüppelbewegung“ („Krüppeltribunal“ usw.) gewählt wurde und im Miteinander kein diskriminierungsfreier Begriff ist.

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