Inklusion im Schulsystem – jetzt erst recht

Es hapert, und zwar gewaltig. Es braucht keinen hochkarätig besetzen Fachausschuss der Vereinten Nationen um festzustellen, dass Deutschland an seinem stur selektiven Schulsystem festhält wie ein Zwnagsneuritoker an seinen Zwänge. Förderschulen erfüllen für Menschen mit Behinderungen keine wichtige Funktion, weil sie weder fordern noch fördern. Während der Zwangsneurotiker durch Zwangshandlungen sein inneres Ungleichgewicht, seine Ängste und Machtlosigkeit in Schach zu halten versucht, versucht Deutschland mit Förderschulen seine Vorurteile, sein Unbehagen, seine Ängste gegenüber Behinderung zu kanalisieren. Förderschulen erfüllen so die gesellschaftliche Funktion des Abwertens und Fernhaltens. Und das hat etwas mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu tun.

Anstatt das Elternwahlrecht vorzuschieben und Verantwortung abzugeben, anstatt weiterhin am Irrglauben der Effektivität von Förderschulen festzuhalten, anstatt Inklusion schlecht auszustatten und dann zu sagen „es klappt halt nicht“, anstatt Kinder mit Behinderungen als zu verrückt, angepasst oder behindert für die Inklusion zu etikettieren, könnten die Verantwortlichen doch einfach mal ehrlich sein.

Ehrlich sein heisst, dass die verantwortliche Politik sich nicht für Inklusion und Menschenrechte mit hübschen Luftballons auf den Marktplatz stellt, sondern ehrliche Worte für das höchst exklusive, anti-menschenrechtliche, inhumane und anti-inklusive Handeln findet. Worte wie „eigentlich wollen wir keine Inklusion, eigentlich wollen wir keine Kinder mit Behinderungen an den Schulen (unserer Kinder), eigentlich finden wir Förderschulen super, weil wir uns so nicht mit Behinderung, Diskriminierung, gesellschaftlichen Macht- und Unterordnungsstrukturen auseinandersetzen müssen, weil das Merkmal Behinderung ekelig ist, weil Kinder die Probleme haben eben Probleme machen und solche Probleme gehören weit weg, eben auf die Förderschule am Stadtrand, mit Wald und Ententeich, weil wir das nicht sehen wollen: Sabber am Mundwinkel, Magensonde, Trachealkanüle, ein Auge oben ein Auge unten und große schiefe Zähne. Wir wollen keine Kinder, die mit den Armen flattern, die plötzlich das Intro von ‚Wicky der Wikinger‘ schreien, die die Stühle umschmeissen oder sich in die Hände beissen. Es ängstig uns. Es ängstig uns so sehr, dass wir sagen durch eine Trennung würden beide Gruppen besser lernen.“

Das gute ist: Ängste und Diskriminierung lassen sich überwinden – durch Inklusion. Doch die Widerstände sind groß und Vorurteile halten sich hartnäckig (die häufigsten wurden hier zusammengetragen). Menschen, die der scheinbaren Mehrheitsgesellschaft nicht entsprechen werden mit Hilfe des Förderargumentes separiert: Altenheime, Psychiatrien, Werkstätten, Behindertenheime, Förderschulen. Am Beispiel schulischer Inklusion zeigt sich das tiefsitzende Unbehagen, die Vorurteile gegenüber Menschen mit so genannter Behinderung und auch eine Feindlichkeit, eine versteckte Aggression gegenüber Vielfalt. Ja, viele haben es nicht gelernt. Die Sozialisation, die Prägungen, die Erziehung, das gesellschaftliche Leben waren und sind bei vielen weitestgehend behindertfreie Zonen. Gerade deshalb müssen wir bei den Jüngsten ansetzen. Wir können es uns nicht leisten eine Gruppe von Menschen vom allgemeinen Schulsystem auszuschließen – nicht nach Auschwitz.

Theodor Adorno sagte, oberste Ziel von Erziehung muss sein, dass Auschwitz sich nicht wiederholt. Kinder brauchen die Schule auch als soziales Trainingsfeld. Der Umgang mit Unterschieden UND der Umgang mit Ungerechtigkeiten muss gelernt werden und das passiert nicht automatisch. Kinder brauchen andere Kinder, sie sich von ihnen unterscheiden. Ein inklusives Setting bietet so viele soziale Lernmöglichkeiten. Sie lernen dadurch auch nicht schlechter, wie Studien eindrücklich veranschaulichen. Dafür lernen Kinder an Förderschulen aber schlechter. Das Förderschulsystem ist ineffizient, teuer und sondert aus.

Wahrscheinlich würde niemand etwas gegen Inklusion haben und sagen, wenn wir wirklich gute inklusive Schulen hätten, mit einer guten Ausstattung, wirklich schönen Möbeln, engagierten Lehrer*innen (die in ausreichender Zahl vorhanden sind), Klassen mit 20 Kindern, anregenden Materialen und vielfältigen Unterstützungsangeboten.

Keine Mutter würde rufen „Mein Kind ist an der Förderschule besser aufgehoben“, wenn das Kind mit Behinderung die Schule um die Ecke besucht, der Physiotherapeut in die Schule kommt und das Kind Nachmittags Zeit für Eis und Spielplatz hat. Wenn das Kind eine bestimmte Hilfe braucht, kümmert sich die Schule um die Beantragung und Bewilligung.

Kein Vater würde rufen „Kinder mit Behinderungen senken das Lernniveau“, wenn er sieht, wie kreativ und anregungsreich inklusiver Unterricht abläuft und wie sehr das eigene Kind von inklusiver Didaktik und den unterschiedlichen Lernarrangements profitiert.

Keine Lehrerin würde schreien „Inklusion? Ich lass mich nach Bayern versetzen“ (wahlweise auch nach Sachsen oder Baden-Württemberg), wenn sie im Studium ausreichend auf Inklusion, Lernen und Lernhemmnisse vorbereiten worden wäre, monatlich an einer Gruppensupervision teilnimmt, in einem angenehmen Team aus Kolleg*innen, Sozialarbeiter*innen, Erzieher*innen arbeitet, eine Direktorin hat, die voll hinter der Inklusionsidee steht, auf einen Fundus an didaktischen Material zurückgreifen kann, eine Klasse mit 20 Kindern hat, die sie gemeinsam mit einer Kollegin leitet und mit der sie gemeinsam in den teilbaren Klassenraum arbeitet.

Inklusive Bildung schlecht laufen zu lassen ist leicht. Sich dann aber hinzustellen und sagen „Kinder sind wichtig. Bildung ist wichtig. Inklusion ist ein Menschenrecht“ und nicht bereit ist tatsächlich etwas zu verändern, ist verlogen. Wer nicht bereit ist das Förderschulsystem abzubauen, kann nicht ernsthaft Inklusion wollen. Das Förderschulsystem verhindert das in der UN-Behindertenrechtskonvention fixierte Recht auf inklusive Bildung. Und nicht nur das: Kinder aufgrund eines Merkmals von anderen Kindern zu trennen, führt zu trennenden Vorstellungen, Distanz, Vorurteilen und falschen Gerechtigkeitsdenken: „ Ist schon in Ordnung, der Benni rechnet einfach zu langsam, muss er eben täglich eine Stunden zur Förderschule fahren.“ „Ist schon okay, die Sheila tritt immer, ihre Mutter hat sie bei Pflegeeltern gelassen, wir sind sauer auf sie, sie auf uns, muss sie eben auf die Förderschule.“ „Ist schon in Ordnung, der Baruk popelt immer in der Nase und spricht kaum, wir verstehen ihn nicht, muss er eben auf die Förderschule.“

Für Kinder wir Benni, Sheila und Baruk muss es Hilfen an inklusiven Schulen geben. Alle Kinder müssen inklusive Prozesse erleben dürfen, Konflikte lösen dürfen, verstehen, dass Gleichberechtigung und Gerechtigkeit auch anstrengend sein können, aber für unser demokratisches Zusammenleben essentiell sind. Durch die Lösung von Konflikten können die Kinder viel lernen:

Warum tritt Sheila? Was braucht sie? Was brauchen die anderen? Braucht Sheila zur Zeit viel Bindung, eine kontinuierliche Bezugsperson, die ihr bei der gewaltfreien Kommunikation hilft, muss sie sie bekommen. Wie können wir Baruk unterstützen sich uns mitzuteilen? Welche Sprache spricht er in seiner Familie? Wie gehen wir mit Verhaltensweisen um, die uns negative Gefühle bereiten – wie popeln?

Und einer ist langsam im rechnen, wie Benni, ein anderer im rennen. Doch wir unterstützen uns gegenseitig und lernen: keiner kann und muss der scheinbaren Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Zu einer pluralistischen Gesellschaft gehört das breite Spektrum an Vielfaltsmerkmalen und Schulen, in der diese wahrgenommen und mit ihnen gelebt und gelernt werden kann. Seit über zehn Jahren ist inklusive Bildung als Menschenrecht in Deutschland eine Verpflichtung, die nicht allein aus Ratifizierungstreue umgesetzt werden sollte (wenn es wenigstens das wäre), sondern aus der tiefen Überzeugung heraus, dass sie das richtige ist: für unser Land, für unsere Kinder, für unsere Gesellschaft.

Inklusion – jetzt erst recht.

Bild: alte Schulbank aus Holz und Metall.

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