Verkaufsschlager Förderschule? Warum weiterhin in ein gescheitertes System investiert wird

Berlin: 800 neue Plätze an den Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung sollen entstehen. Beifall. Modulare Ergänzungsbauten sorgen dafür, dass mehr Plätze entstehen und die Klassen an den Förderschulen wieder kleiner werden. Bravo. Genau so funktioniert Inklusion NICHT. Doch warum ist das so? Ist die Förderschule ein Verkaufsschlager?

Ja, die Schulen platzen aus allen Nähten. Irgendwie konnte niemand vorhersehen, dass aus vielen Babys mal viele Schüler/innen werden. Auch die Förderschulen sind voll. Die Förderschulquote nimmt nicht ab, weil der Ausbau eines inklusiven Bildungssystem nur halbherzig umgesetzt wird. Warum nicht aus den Förderschulen schöne inklusive Schulen machen? Ach ja, das ist nicht gewünscht. Inklusion wird lieber am Grad der Behinderung festgemacht, was menschenrechtlich völlig absurd ist. Kinder mit dem Förderbedarf Lernen, Sprache oder emotionale-soziale Entwicklung dürfen inklusive Bildung genießen bzw. sind es die Kinder, die ohnehin an die Grundschule vor Ort kommen und einfach diesen Bedarf im Laufe ihrer Schulzeit diagnostiziert bekommen. Die Anzahl der Kinder an Förderschulen wird dabei nicht weniger. Kinder mit kognitiver Behinderung, Kinder mit so genannter „schwerer Mehrfachbehinderung“ oder Kinder mit Autismus? Bitteschön dahinten ist die Förderschule (dabei zeigen Studien ganz klar die Vorteile der inklsuiven Beschulung, siehe hier und  hier und hier).

Warum glaube viele an das Gute an den Förderschulen? Gute Förderung? Kleine Klassen? Angebliche Spezialistinnen/Spezialisten? Gute Ausstattung? Rundumpaket mit Fahrdienst? Eigene Krankenpfleger/in? Warum denken viele Kinder mit Behinderungen wären an Förderschulen besser aufgehoben? Wieso denken zu wenige: Soziale Isolation! Institutionelle Diskrimierung! Schlechte Lernleistungen! Schamgefühl und negatives Selbstkonzept! Keine Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt! Menschenrechtsethisch nicht haltbar! Trennung der Gesellschaft!

Radikale Thesen? Hier der Faktencheck: Diverse Studien haben nachgewiesen, dass Kinder mit Förderbedarf im inklusiven Unterricht

• mehr lernen
• erfolgreicher sind
• besser abschneiden als vergleichbare Schüler an Förderschulen
• weniger von Stigmatisierung betroffen sind
• durch die lernreiche Umgebung eher in der Lage sind einen Schulabschluss zu erreichen
• ein positiveres Selbstkonzept entwickeln
• bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben

(siehe u.a.: Bless 1995; Haeberlin u. a. 1990; Hildeschmidt/Sander 1996; Myklebust 2006; Tent u. a.
1991; Wocken 2007, IQB, BiLieF, Klemm, Schumann, siehe auch hier).

Alle Studien zum Lernerfolg zeigen, dass die Mehrheit der behinderten Kinder in der Regelschule größere Fortschritte macht als in der Förderschule – und öfter einen Schulabschluss erreicht, der berufliche Perspektiven eröffnet“ (Prof. Klaus Klemm 2014, Südwest Presse).

Menschenrechte gelten für alle Kinder, unabhängig vom Grad der Behinderung. Auch Kinder mit basalen Lernbedürfnissen („Schwerer Mehrfachbehinderung“), Kinder mit Autismus und Kinder mit dem Förderbedarf emotionale-soziale Entwicklung profitieren vom Gemeinsamen Unterricht. Studien zeigen auch: Nichtbehinderte Kinder werden nicht benachteiligt. Im Gegenteil: Sie lernen entweder genau so gut wie in Klassen ohne Kinder mit Förderbedarf oder besser. Zusätzlich werden Empathie, Rücksichtnahme und der Fokus auf die unterschiedlichen Bedürfnisse gefördert.

Warum meinen trotzdem viele, dass die Förderschule für bestimmte Kinder mit Behinderung die bessere Alternative ist? Genau, weil sie eben als eine Alternative gesehen wird und im Schulsystem vorgesehen ist. Und weil viele Inklusion nicht erlebt haben. Die meisten Erwachsenen hatten keine Mitschüler/innen mit Behinderungen (ich hatte welche und das war mir völlig egal, weil ich sie nicht als behindert wahrnahm, sie waren einfach meine Mitschüler/innen).

Aufgrund der Doppelstruktur und den „Alternativen“ Förderschulen kann sich ein inklusives Schulsystem NICHT entwicklen. Es ist eine halbherziger Umsetzung von Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention, bei dem es nur langsam (und in einigen Bundesländern gar nicht) vorwärts geht. Warum? Weil sich der Glaube an das Gute der Förderschule harneckig hält, weil „Behinderung“ noch immer Ängste erzeugt. Vorurteile und die Panik vor sozialer Durchmischen und heterogenen Gruppen (die wir jetzt schon haben) werden durch die Inklusionsidee bei manchen größer statt kleiner.

Das Geld fließt. Und zwar zu wenig in ein inklusives Schulsystem. Förderschulen werden keiner kritischen Analyse unterzogen. Hier wird kaum gefragt, warum diese Schulform ineffektiv und kostenintensiv ist. Fast überall tanzt die Politik auf zwei Hochzeiten gleichzeitig. Man will Artikel 24, das Recht auf inklusive Bildung der UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen und gleichzeitig das Förderschulsystem erhalten. Der zuständige UN-Fachausschuss sagt klar, dass es so nicht geht und ist besorgt über diese Entwicklung.

Artikel 24 fordert eine radikale Abkehr vom Förderschulwesen. Doch anstatt das Inklusionsrecht des Kindes, das die Eltern stellvertretend wahnehmen, umzusetzen, wird von Wahlfreiheit gesprochen. Auf einmal ist das Elternwahlrecht kein Problem mehr (wo es doch an anderer Stelle in vielen Bundesländern gar nicht zur Debatte steht: zum Beispiel bei der Wahl der Oberschulform). Über zehn Jahre nach dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtkonvention und der Tatsache, dass die Förderschulquote nicht zurück geht (also die Anzahl der Kinder, die die Förderschule besuchen, nicht weniger wird), muss festgestellt werden: Das Elternwahlrecht ist gescheitert. Bildungsexperten sagen sogar: Je freier der Elterwille, desto unfairer der Bildungsverlauf (auch Eltern ohne Abitur schicken ihre Kinder eher an die Sekundar-/Haupt- oder Realschule anstatt auf das Gymnasium, auch wenn das Kind die entsprechende Empfehlung hat). Warum also meinen Bildungspolitiker/innen gönnerhaft, die Eltern sollten wählen dürfen, wo es doch gar keine richtige Wahl ist? Bingo: das Förderschulsystem bleibt bestehen. Entweder wird der Zusammenhang nicht gesehen und die Dokumente (bspw. General Comment No. 4) der UNO (CRPD-Ausschuss) schlicht überlesen oder aber man will es nicht. Ja, Inklusion ist NICHT gewollt. 

Die in einigen Ländern vorgesehene Einführung des genannten Wahlrechts der Eltern, zwischen Regel- und Sonderbeschulung zu entscheiden, ist nur übergangsweise vertretbar: Sollte die Existenz eines Elternwahlrechts nachweislich den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems verzögern oder untergraben, beispielsweise weil es die erforderliche Reorganisation von Kompetenzen und Ressourcen für das Regelschulsystem erschwert und in diesem Zuge das Sonderschulwesen stärkt, ist das Elternwahlrecht mit dem Gebot der progressiven Verwirklichung des Rechts auf inklusive Bildung nicht in Einklang zu bringen(Stellungnahme der Monitoring-Stelle (31. März 2011) Eckpunkte zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems (Primarstufe und Sekundarstufen I und II) Empfehlungen an die Länder, die Kultusministerkonferenz (KMK) und den Bund, Berlin: S. 14).

Das Elternwahlrecht wird als Argument benutzt Förderschulen nicht schließen zu müssen. Aus der UN-Behindertenrechtskonvention lässt sich kein Wahlrecht ableiten und wieso sollte eine nachweislich schädliche Schulform gewählt werden dürfen. Bei der Auflösung der Hautptschule und damit Erschaffung der Sekundarschule hat sich auch niemand aufgeregt, warum die Eltern nun nicht mehr das Wahlrecht auf die Hauptschule haben. Nochmal:

Es geht bei Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention um das Inklusionsrecht des Kindes, welches die Eltern stellvertretend wahrnehmen.

Das Recht auf Inklusion ist ein Recht der Person mit Behinderung. Die Eltern haben bei der Ausübung der elterlichen Sorge den Leitgedanken der Inklusion zu berücksichtigen und ggf. zu erklären, warum sie keine inklusiven Bildungsangebote wahrnehmen. Die Elternberatung, von welcher Seite auch immer, muss einbeziehen, Eltern das Recht auf inklusive Bildung vorzustellen und die Eltern hinsichtlich ihrer Gewährfunktion aufzuklären(Stellungnahme der Monitoring-Stelle, 31. März 2011, Eckpunkte zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems, Berlin: S. 14).

Zudem kann von einem echten Wahlrecht nicht die Rede sein. Denn die Eltern haben nun mal nur die Wahl zwischen einer schlecht ausgestatteten allgemeinen Schule, an der sie um alles kämpfen müssen und einer Förderschule, an der alles fluscht, die aber weiter weg ist (teilweise verbingen die Kinder über eine Stunde am Tag im Schultransport) und extrem selektiv wirkt. Eine inklusive Schule vor Ort, an der das Kind mit Förderbedarf auch die Hilfe bekommt und zwar ohne Kampf, die es auch braucht, wäre wohl für die wenigsten ein Problem. Dafür braucht es aber auch die entsprechenden Räume, Materialien, Bedingungen:

Das Kind braucht viele Ruhe und hält große Gruppen nicht aus? Kein Problem: Es gibt Rückzugsräume und die Möglichkeit in kleinen Gruppen zu lernen. Das Kind benötigt eine permanete Betreuung, weil es sonst Stecknadeln isst, die Stühle umschmeisst und in jeden Haarschopf reingreift, den es erwischt? Kein Problem: Hier ist das benötigte Personal, was nicht abgerückt wird, wenn jemand im Team krank wird. Die Hilfe muss dem Kind folgen, nicht umgekehrt. Es kann nicht sein, dass sich Eltern nur aufgrund der Bedingungen (kleine Klassen, mehr Personal) für die Förderschule entscheiden, obwohl sie eigentlich Inklusion bevorzugen.

Während man Menschen mit anderen AGG-Merkmalen (Merkmalen des Allgemein Gleichbehandlungsgesetz) nicht auf separate Schulen schicken kann (Herkunft, Geschlecht), bietet sich das Beiseiteschieben der Minderheit von Menschen mit Behinderungen an. Schließlich gibt es das Schein-Argument der besseren Förderung. „Sie fühlen sich wohl unter ihrensgleichen“, „sie können besser lernen an einer Förderschule“, „eine geschützte Werkstatt ist das einzige was dieser Mensch verkraftet“, „ein Behindertemheim am Stadtrand mit eigenem Supermarkt im Grünen ist doch besser als ein Leben unter lauter Nichtbehinderten“…..Immer schön weit weg.

Nein, es geht bei dem Schutz der Förderschule nicht um gute Förderung. Es geht um das Beibehalten des jetzigen Systems und einer weiterhin gewollten Trennung von Kindern mit und ohne Behinderung. Wenn Inklusion schlecht läuft an allgemeinen Schulen, dann muss sie besser werden.

Wer jetzt mit dem Kindeswohl kommt, siehe bitte hier. Wer meint, wir bräuchten erst noch Forschungsergebnisse, siehe bitte hier. Wer behauptet, es braucht alles noch Zeit, siehe bitte hier. Wer mit dem Schonraumargument kommt, siehe bitte hier. Wer Inklusion am Behinderungsgrad festmacht, siehe bitte hier. Wer meint Inklusion funktioniert nicht bei Kindern mit so genannter „schwerer Mehrfachbehinderung“, siehe bitte hier. Weitere Falschaussagen und die passende Gegenargumente dazu, befinden sich auf der Startseite: www.inklusionsfakten.de.

Das gute an Förderschulen ist, dass sie den Finger in die demokratische Wunde legen. Das gute ist, dass das Förderschulsystem uns aufhorchen lässt, ob eine Trennung von Kindern aufgrund eines Merkmals sich mit Chancengleichheit, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit vereinbaren lässt. Das gute an Förderschulen ist, dass wir begreifen, dass Diskriminierung kein individuelles, sondern in tief in der Gesellschaft verankertes Problem ist. Wenn wir eine inklusive, antidiskriminierende Gesellschaft wollen, brauchen wir ein inklusives Schulsystem und die Schließung der Förderschulen. So fordert es die UN-Behindertenrechtskonvention. Förderschulen auf die Reste Rampe. Verkaufsschlager werden die inklusiven allgemeinen Schulen (also alle bitteschön).

auf dem Bild ist ein Zettel, auf dem steht: großer Ausverkauf: Förderschulen nur 0,99 cent

 

4 Kommentare

  • als betroffener vater und großvater kann ich sagen, förderschlen typ lernen gehören in die tonne und andere sind nur für wenige wirklich nützlich.

  • „Es kann nicht sein, dass sich Eltern nur aufgrund der Bedingungen (kleine Klassen, mehr Personal) für die Förderschule entscheiden, obwohl sie eigentlich Inklusion bevorzugen.“ – Genauso ist es leider, nach mehreren Jahren Kampf stehen wir mit unserem Sohn jetzt exakt an diesem Punkt, weil ihn der Alltag in einer (eigentlich inklusiven) Regelschule zu viel Kraft kostet. Eine erzwungene Entscheidung, mit der ich als Mutter sehr unglücklich bin und die mir große Angst macht, weil die Studienlage ja (siehe oben) eindeutig ist. Noch dazu beraten uns alle (!) Ärzte, Therapeuten, Lehrer (…) seit Jahren in Richtung Förderkindergarten/Förderschule. Irgendwann geht die Kraft aus, dagegen anzukämpfen.

    P.S.: Gibt es irgendwo neutrale Beratungsstellen?

    • Laut der Monitoring-Stelle des Deutschen Insituts für Menschenrechte müsste die Elternberatung, von welcher Seite auch immer einbeziehen, dass sie den „Eltern das Recht auf inklusive Bildung vorzustellen und die Eltern hinsichtlich ihrer Gewährfunktion aufzuklären“ haben (Stellungnahme der Monitoring-Stelle, 31. März 2011, Eckpunkte zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems, Berlin: S. 14). Ich weiß, dass die Realität leider eine andere ist. Je nachdem aus welchem Bundesland Sie schreiben, kann ich Beratungsstellen empfehlen. In jedem land gibt es die Elternorganisation Gemeinsam Leben Gemeinsam Lernen, sowie EUTB (Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung) – diese gibt es teilweise auch nur für Eltern behinderter Kinder. In NRW kann ich mittendrin e.V. sehr empfehlen, in Berlin „Eltern beraten Eltern“ und die EUTB Nesst.

  • Bei diesem Artikel möchte ich nach jedem Absatz „ja, genau!“ rufen.

    Nach fünf Jahren erkämpfter gelebter Inklusion in Kinderkrippe und Kindergarten, inklusive Rückforderung der Förderung durch die beratungsuntätige Behörde in der Krippe, für ein Kind mit starken körperlichen und sprachlichen Einschränkungen sind wir müde. Das Kind ist auch müde. Es ist ausnahmslos in allem am Schlechtesten, und mit allen Hilfsmitteln das Einzige. Diese Paradiesvogelsituation ausnahmslos immer leben müssen?

    Das liegt hauptsächlich daran, dass unser Kind ein „Grenzgängerfall“ zwischen I-Kindergarten und HPT ist. Der Betreuungs- und Pflegeaufwand ist für die festgelegte finanzielle Förderung im I-Kiga zu hoch. Warum diese Förderung, die für das gleiche Kind im HPT viel höher ist, nicht angepasst werden kann, erschließt sich mir nicht.

    Zusammen haben wir uns nun für die Förderschule entschieden, weil wir sehen, dass wir als Familie sowohl kräftemässig als auch finanziell die Belastungen nicht länger stemmen können (Anträge, Therapien mit Kind wahrnehmen, zuhause fortführen). Die Regelschule ist trotz barrierefreiem Bau nicht auf Kinder mit schwereren Behinderungen eingestellt und hat uns dies unmissverständlich klargemacht. Im exklusiven System wird uns das alles abgenommen und das Kind ist (natürlich) willkommen im „goldenen Käfig“.

    Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Punkt: mein Kind erhält erstmalig eine Peergroup mit Kindern, die ähnlich drauf sind. Es freut sich ehrlich darauf.

    Es muss sich noch viel ändern. Danke für diesen Artikel!

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